Wissen - Klimawandel


55

Bayerns Gletscher schmelzen Bayerische Alpen bald ohne ewiges Eis

Mehr als die Hälfte der Gletscherfläche in Bayern ist bereits geschmolzen. Bald könnte von den fünf Gletschern, die es heute gibt, nur noch ein einziger übrig sein.

Stand: 27.09.2018

Noch gibt es fünf Gletscher in den bayerischen Alpen: Den Nördlichen und Südlichen Schneeferner auf der Zugspitze, den Höllentalferner im Wettersteingebirge, den Watzmanngletscher und den Blaueisgletscher in den Berchtesgadener Alpen. Wo einst die Eiszungen bis hinunter ins Tal reichten, ist nicht mehr viel geblieben. Bayerns Gletscher, von Hause aus eher kleine Gletscher, sind inzwischen auf Reste zusammengeschmolzen.

Heißer Sommer machte dem Eis zu schaffen

Und an diesen Resten nagt jeder Rekordsommer vergangener Jahre, auch der Supersommer 2018. Für Gletscherforscher Hans-Peter Schmid vom KIT-Campus Alpin ist das auf den ersten Blick zu sehen: "Das letzte Mal, als ich drauf war, hat's noch ganz anders ausgesehen. Vor allem im oberen Bereich sieht man Felsstrukturen, die man vorher nicht gesehen hat. Und weiter unten gibt es diese Senke, die ich in der Stärke auch noch nicht gesehen habe!" Die Gletscherforscher der LMU München vermessen die Ausdehnung und Dicke des Eises jedes Jahr, doch es dauert, bis die Auswertungen vorliegen.

Gletscherreste von der Größe des Oktoberfestes

Bereits zum Zeitpunkt der letzten Messdaten-Auswertungen von 2014 und 2015 ergab die Gesamtfläche aller fünf Gletscher nur noch knapp fünfzig Hektar - einen halben Quadratkilometer. Das entspricht etwa der Gesamtfläche des Münchner Oktoberfestes. Der Nördliche Schneeferner und der Höllentalferner sind mit jeweils etwa zwanzig Hektar Fläche die beiden größten Gletscher. Vom Südlichen Schneeferner und dem Blaueis sind jeweils nur 3,5 Hektar große Eisflecken geblieben - das entspricht je fünf Fußballfeldern. Der Watzmanngletscher misst gerade noch 2,6 Hektar. Forscher gehen davon aus, dass diese Eisreste bis zum Jahr 2030 oder spätestens 2040 ganz vom Klimawandel aufgezehrt sein werden.

Eis über Jahrzehnte stark geschmolzen

Der Nördliche Schneeferner - gestern und heute

Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Gletscher Bayerns viel größer: Allein der Nördliche Schneeferner auf der Zugspitze hatte damals eine Flächenausdehnung von über hundert Hektar hatte - doppelt so viel wie heute alle fünf Gletscherflächen zusammen. Doch das war nicht lange nach der sogenannten Kleinen Eiszeit, die vom 16. Jahrhundert bis etwa 1850 herrschte. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts maß der Gletscher immerhin noch knapp vierzig Hektar - fast doppelt so viel wie 2015. Auch der Südliche Schneeferner bedeckte 1950 noch über zwanzig Hektar - heute nicht einmal ein Sechstel davon. Die steigenden Temperaturen durch den Klimawandel werden selten so deutlich sichtbar wie am nicht mehr ewigen Eis.

Wissenswertes über Alpengletscher

Definition

Was sind Gletscher eigentlich?

Ein Gletscher ist ein Eisfeld, das vor allem aus verdichtetem Schnee besteht. Gletscher bilden sich dort, wo jährlich mehr gefrorener Niederschlag fällt als schmilzt. Gletscher werden durch Schneefall genährt, in Sommermonaten zehrt dagegen die Schmelze am Eis.

Vorkommen

Gletschervorkommen

Bei uns gibt es Gletscher nur in großen Höhen in den Alpen. In sehr kalten Regionen wie in Grönland oder am Südpol reichen Gletscher aber auch ins Flachland bis ans Meer.

Eiszeit

Dichte Eisschichten in der Eiszeit

Während der Eiszeiten waren die Alpen fast vollständig vergletschert. Einzelne Eismassen erreichten dabei Dicken von über einem Kilometer. Heute finden sich nur noch einzelne Gletscher, und die leiden unter dem Klimawandel.

im Fluss

Gletscher im Fluss

Die Gletscher der Alpen bewegen sich fortlaufend talwärts und formen dabei im Verlauf von Jahrtausenden die Landschaft.

Ferner

"Gletscher" oder "Ferner"

Der Begriff "Gletscher" stammt vom lateinischen "glacies" (Eis) ab. In Österreich und Bayern heißt der Gletscher oft "Ferner", was vom "Firn" abstammt, dem "vorjährigen" Schnee.

Bayern

Die fünf Gletscher Bayerns

In Bayern gibt es heute noch fünf Gletscher: Den Nördlichen und Südlichen Schneeferner auf der Zugspitze, den Höllentalferner im Wettersteingebirge, den Watzmanngletscher und den Blaueisgletscher in den Berchtesgadener Alpen.

Alpen

Bruchteil Bayern

Die fünf bayerischen Gletscher machen mit ihrer Gesamtfläche von rund einem Quadratkilometer nur 0,03 Prozent der Alpengletscherfläche aus: Rund 5.000 Gletscher gibt es noch in den Alpen, die knapp 3.000 Quadratkilometer bedecken.

Gletscher verlieren nicht nur Fläche, sondern vor allem auch Volumen

Was von Bayerns Gletschern übrig ist

Der Blick auf die schrumpfenden Flächen der Gletscher in den bayerischen Alpen ist buchstäblich nur oberflächlich, denn das Eis wird vor allem auch immer dünner: Das Volumen der Gletscher sinkt seit Jahrzehnten rapide. So hatte der Nördliche Schneeferner 2015 nur noch ein Viertel der Eismenge von 1950, der Südliche sogar nur noch sechs Prozent der einstigen Eismassen. Vom Blaueis waren 2015 nur noch 15 Prozent des Eisvolumens von 1950 geblieben, vom Höllentalferner immerhin noch fast vierzig Prozent.

Einzig der Watzmanngletscher hat seit 1959 kaum an Volumen eingebüßt: 92% waren 2015 noch übrig. Aber dieser Gletscher gilt unter Glaziologen als eigentlich schon nicht mehr existent, so wenig Eis ist noch da.

Rasante Schmelze

Dreiviertel der Gletschermassen Bayerns sind in den vergangenen 200 Jahren verschwunden, und die Schmelze legt noch einen Zahn zu: Denn in den Alpen vollzieht sich der Klimawandel noch rascher als anderswo. Hier steigt die Temperatur doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Bis zum Jahr 2100 könnte es um weitere drei bis sechs Grad wärmer werden. Kaum eine Chance für die Gletscher. Einzig der Höllentalferner könnte das überleben, da er Richtung Nordost liegt und vor Sonneneinstrahlung besser geschützt ist als die anderen.

"Der Höllentalferner hat eigentlich die besten Aussichten, weil der von sehr großen Felswänden umgeben ist, die spenden Schatten und spielen ihm viel mehr Schnee in Form von Lawinen zu. Er wird wohl der einzige Gletscher in Bayern sein, der in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts noch existiert."

Wilfried Hagg, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Schneeferner, Blaueis & Co.: Gletscherschmelze in Bayern

Gletscher und Toteis

Gletscherforscher Hans-Peter Schmid vom KIT-Campus Alpin, bezeichnet schon heutzutage den Höllentalgletscher als einzigen echten Gletscher in Bayern, weil sein Eis noch genährt wird. Die vier anderen in Bayern sind für ihn nur Toteis: Ihr Eis bewegt und nährt sich nicht mehr und schmilzt einfach nur noch ab, so der Glaziologe. So zum Beispiel der Zugspitzgletscher, bestehend aus dem Nördlichen und dem Südlichen Schneeferner. Sein Eis hat aufgehört talwärts zu wandern. Es schwindet einfach mit jedem Sommer etwas mehr, weil es wegschmilzt.

Inzwischen messen die beiden Eisfelder auf der Zugspitze zusammen weniger als dreißig Hektar, bis 2030 oder 2040 könnte auch der letzte Rest auf der Zugspitze geschmolzen sein. Deswegen versuchte man über Jahre, die Schmelze etwas zu verzögern.

Die fünf bayerischen Gletscher in einer Karte

Abdeckung des Schneeferner-Gletschers

Im Frühjahr verteilen Pistenraupen den vom Winter verbliebenen Schnee auf dem Zugspitz-Gletscher. Der Schnee dient als natürliche Schutzschicht gegen die Sonneneinstrahlung. Von 1993 bis 2012 deckte die Bayerische Zugspitzbahn den nördliche Schneeferner zusätzlich mit großen, weißen Plastikplanen ab. Sie sollten besonders diejenigen Zonen schützen, die für den Skibetrieb wichtig sind. In den letzten Jahren schritt die Gletscherschmelze allerdings so schnell voran, dass das Abdecken nicht mehr den gewünschten Effekt hatte. 2013 wurde es daher eingestellt.

Drohender Durst

Rund 5.000 Gletscher gibt es in den Alpen. Doch in zwei Jahrzehnten dürfte sich ihre Anzahl halbiert haben. Dann wird es empfindliche Einbrüche in der Wasserversorgung geben. Denn drei Viertel unserer Süßwasserreserven bestehen aus Eis und Schnee, nur ein Viertel erhalten wir durch Grundwasser, Seen, Flüsse und Niederschläge. Zwar herrscht zunächst, während die Gletscher vermehrt abschmelzen, ein Überangebot an Wasser. Doch wenn die Gletscher abgeschmolzen sind, beginnt die Zeit der Wasserknappheit. Folge: Flussbetten trocknen aus und der Grundwasserpegel sinkt. Mit den Gletschern verlieren wir einen wichtigen Teil unserer Süßwasserreserven.

Das Eis ist nicht immer so pur und rein

Im Schmelzwasser der Gletscher drohen aber auch unsichtbare Gefahren: Durch das Abschmelzen der Gletscher werden Umweltgifte frei, die über Jahrzehnte im Eis eingeschlossen waren und deren Anwendung längst verboten ist. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) in einer Studie in den Schweizer Alpen aus dem Jahr 2009. Sie haben aus Sedimentbohrkernen des zugefrorenen Oberaarsees im Kanton Bern die Ablagerungen der vergangenen sechzig Jahre rekonstruiert.

Langlebige krebserregende Stoffe wie DDT und Dioxine

Unter den Giften, die freigesetzt werden, sind auch sogenannte POPs ("Persistent Organic Pollutants"). POPs sind schwer abbaubare organische Umweltgifte wie das Insektizid DDT und Dioxine, die zum Beispiel als Weichmacher oder Pestizide verwendet wurden. Sie können wie Hormone wirken, sind krebserregend und stehen im Verdacht, die körperliche Entwicklung von Mensch und Tier zu beeinflussen. Oft sind die Substanzen ausgesprochen langlebig und können über die Atmosphäre über große Distanzen transportiert werden.

Das Permafrost der Alpen taut

Murenabgang

Aber nicht nur die weißen Gletscher verschwinden, auch die Permafrostböden tauen mancherorts in den Alpen auf. Sie haben im Hochgebirge, oberhalb des schützenden Bergwalds, ganze Hänge mit ihren riesigen Mengen an Geröll jahrhundertelang in Kältestarre gehalten. Sobald sie auftauen, könnten sie ins Rutschen kommen und zu Tal stürzen. Ohne Permafrost beginnen die Alpen an vielen Stellen zu bröckeln. Eine dieser Zeitbomben ist unser größter Berg, die Zugspitze:

Zugspitze - Risikogebiet für Bergstürze

Der große Knall

Risikogebiet für Bergstürze: die Zugspitze

Die Zugspitze ist mit mehr als 2.900 Metern Deutschlands höchster Berg. Früher war er noch höher - bis vor etwa 3.700 Jahren rund 300 Millionen Kubikmeter Gestein vom Gipfel stürzten. Auf 15 Quadratkilometern verteilten sie sich, bis zum heutigen Garmisch-Partenkirchen. Die Felsblöcke pflügten das Tal um, unter der Grasnarbe stapeln sie sich heute bis zu 50 Meter hoch. "Der Zugspitz-Bergsturz setzt beim Herunterfallen eine riesige Energie frei von Hunderten von Hiroshima-Bomben", meint der Geologe Michael Krautblatter, der mit seinem Team von der TU München der Zugspitze seit Jahren "auf den Zahn" fühlt, in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk im Jahr 2014.

Permafrost

Lawinengefahr durch einen Bergsturz - immer noch realistisches Szenario auf der Zugspitze

Ein solcher Bergsturz könnte bei der Zugspitze wieder vorkommen, denn der Klimawandel macht das Hochgebirge instabil: Nicht nur das Eis der Gletscher schmilzt, sondern auch das Eis im Inneren der Berge, der Permafrost. Ein ehemaliger Versorgungsstollen durch den Gipfel war zum Beispiel zum Ende des 20. Jahrhunderts noch komplett vereist, heute ist der Permafrost fast verschwunden. "Vor Kurzem war das eine riesige Masse, die jetzt immer schneller abnimmt. Und wenn man sich vorstellt, dass das Eis, das die Felsmassen zusammenhält, verschwindet, ist das, wie wenn man der Mauer den Mörtel entzieht", sagt Christian Ackermann, Diplom-Ingenieur von der TU München.

Sprengkraft

Schmelz- und Regenwasser können in die eisfreien Klüfte eindringen. Wenn sich die Wassermassen im Fels stauen und hohen Druck aufbauen, könnten ganze Bergflanken abgesprengt werden. Mithilfe eines Gravimeters bestimmen die Wissenschaftler der TU München seit einigen Jahren die Masse der Zugspitze. Ihre Untersuchungen zeigen, dass diese schwankt: Bei Schnee- und Eisschmelze wird die Zugspitze leichter, bei Starkniederschlägen nimmt sie Wasser auf und wird schwerer.

Was die Forscher beim Vergleichen der Daten erschreckt: Insgesamt wird die Zugspitze immer schwerer. Irgendwo im Gipfelbereich scheint sich das Wasser zu stauen. Die Forscher gehen davon aus, dass die hohen Drücke den Fels unter Stress setzen.

Schmiermittel

Die Felslawine vor rund 3.700 Jahren verbreitete sich viel weiter, als sich durch einen normalen Steinschlag erklären ließe. Irgendetwas hat einen Teil des herabstürzenden Gesteins so sehr mobilisiert, dass es bis nach Garmisch gelangte. "Wir denken, ein Grund für diese Mobilisierung könnten Wasser und Schlamm sein, die er aufgenommen hat", vermutet Michael Krautblatter.

Wasser wirkt als Schmiermittel für Erde, Sand und Gestein. Hänge können deshalb nach starken Regengüssen zu einer hochmobilen und zerstörerischen Masse werden. Mit Stromimpulsen, die bis zu 70 Meter tief und mehrere Kilometer weit reichen, "durchleuchten" die Forscher den Boden. Tatsächlich entdeckten sie Hinweise auf Schlamm und Seesedimente im Untergrund, die das Ausmaß des Bergsturzes von einst erklären könnten. Michael Krautblatter und seine Kollegen vermuten: "Es gab hier vielleicht einen Paläo-Eibsee früher. In den ist der Bergsturz gefallen, hat viel Wasser und Schlamm aufgenommen und konnte sich dadurch so gut und so weit bewegen."

Warnsystem

Die Forscher werden ihre Untersuchungen ausweiten. Ziel ist es, ein Überwachungs- und Frühwarnsystem zu schaffen, das einen erneuten Bergsturz vorhersagen kann. Falls ein derart großes Ereignis drohen würde, müssten Tausende von Menschen in Sicherheit gebracht werden. Bislang haben die Forscher keine Hinweise darauf. Kleinere Felspartien könnten sich in nächster Zeit sehr wohl ablösen. Die Zugspitze bleibt unter Beobachtung.

  • Die Alpen im Wandel - Die Lawinenwarner. 02.09.2018, 18.45 Uhr, ARD-alpha.
  • Gletscherforscher Achim Heilig über die Gletscherschmelze im Alpenraum. Notizbuch, 28.08.2018, 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Wenn die Zugspitz' schwitzt. natur exclusiv, 26.08.2018, 14:30 Uhr, BR Fernsehen. 
  • Die Alpen – Welten im Eis und der Klimawandel. Xenius, 19.08.2018, 18:45 Uhr, ARD-alpha.
  • Münchner Wissenschaftstage 2016 - Gletscherschwund in den Bayerischen Alpen. 20.09.2017, 20.09.2017, 19:00 Uhr, ARD-alpha.
  • Gletscherschmelze - Klimawandel im Hochgebirge. 07.01.2017, 16:45 Uhr, ARD-alpha.
  • Bergsturz: Die Alpen im Umbruch. 03.02.2016, 14:15 Uhr, ARD-alpha.

55