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Dmitri Schostakowitsch Komponist zwischen Musik und Politik

Der russische Komponist Dmiti Schostakowitsch litt sein Leben lang unter der Politik seines Heimatlandes: Er hatte Angst, dass seine Musik dem Alleinherrscher Stalin nicht gefallen - und er im Gefängnis landen könnte. Seinen Protest gegen die Unterdrückung kann man allerdings in seinen Werken hören.

Von: Sylvia Schreiber

Stand: 21.02.2019 | Archiv

Stell dir vor, nicht deine Eltern hätten festgelegt, wie du heißen sollst, sondern ein wildfremder Mensch! Das wäre etwas merkwürdig, oder?

Aber so ergeht es dem kleinen Schostakowitsch: Wie damals in Russland üblich, versammeln sich Freunde und Familie zur Taufe eines Babys nicht in der Kirche, sondern zuhause. Der Priester, genannt Pope, kommt auch dazu, er "badet" den Säugling und gibt ihm einen Namen. Die Eltern von Schostakowitsch wollen, dass er Jaroslaw heißt. Der Pope bestimmt aber stattdessen: "Nein. Ihr Sohn wird Dmitri heißen. Das ist ein schöner Name! Man kann ihn dann Mitja nennen!" Und damit tauft er das Baby auf den Namen "Dmitri" - ohne auf die Antwort der verdutzten Eltern zu warten. Und der kleine Mitja kräht zwar heftig, aber es nutzt nichts!

Kindheit in den Wirren der Revolution

So lautstark wie bei der Taufe, wird Schostakowitsch in seinem ganzen Leben nicht mehr Protest einlegen. Mitja beobachtet lieber im Stillen: Da sind seine Nachbarn, die treffen sich immer zum Streichquartett-Spielen. Mitja legt den Kopf an die Wand und lauscht der Musik.

In dieser Zeit herrscht ein fürchterliches Durcheinander in seiner Heimatstadt Sankt Petersburg: die Menschen wollen den Zaren nicht mehr als Herrscher, sondern wollen selber über ihr Leben bestimmen. Es gibt Kämpfe mit der Polizei und Schießereien. Mitja muss miterleben, wie ein Soldat vor seinen Augen stirbt. Dieses schreckliche Bild wird er sein ganzes Leben lang im Kopf und im Herzen behalten.

Als diese Revolution vorbei ist, regieren Lenin und seine Partei das Land. Wieder erlebt und erduldet Mitja Leid: dieses Mal ist es der Hunger, der ihn quält: Vier Löffel Zucker pro Person und Monat! Suppe wird oft aus Rattenfleisch gekocht. Trost findet er beim Spielen im Hof - und am Klavier. Das spielt er ziemlich schnell ziemlich gut und so besucht er schon als 13-Jähriger das Konservatorium und studiert unter lauter Erwachsenen.

Erste Erfolge

Lebensdaten

Dmitri Schostakowitsch wurde am 25. September 1906 in Sankt Petersburg in Russland geboren. Er starb am 9. August 1975 in Moskau.

Um Geld zu verdienen, arbeitet der junge Mann bald im Kino, als Stummfilmpianist. Eine katastrophale Umgebung: Der Raum ist überfüllt mit Menschen, überall ist Schmutz, es stinkt nach Schweiß, das Klavier ist eher ein Klimperkasten ... Der Lohn reicht nicht einmal, um sich Handschuhe zu kaufen. Er ist arm wie eine Kirchenmaus.

Aber, Mitja beklagt sich nicht! Er steckt lieber seine ganze Kraft in eine Sinfonie. Die erste Sinfonie in seinem Leben. Und sie wird ein riesiger Erfolg für den schweigsamen Lulatsch mit der dicken Hornbrille, der nervös eine Zigarette nach der anderen raucht. Seine Freunde überhäufen ihn mit Geschenken: Drei Bücher, eine Eismaschine, zwei Pfirsichtorten und noch viel mehr. Plötzlich redet man in ganz Moskau über diesen Dmitri Schostakowitsch. Sogar in Deutschland und in den USA wird seine erste Sinfonie gespielt. 

Komponieren für einen Alleinherrscher

Der erfolgreiche Mitja gibt Klavierkonzerte und geht ans Theater in Moskau. Doch gibt es einen Mann, der sich über diese Erfolge von Mitja Schostakowitsch gar nicht freut: Jossif Stalin. Er ist nun der Chef im Land, ein Alleinherrscher und ein sehr misstrauischer Mensch. Er duldet niemanden, der anders denkt als er und darüber öffentlich spricht. Andersdenker bezeichnet Stalin als Feinde und schickt sie in Kohlebergwerke zum Schuften oder in Gefängnisse oder er lässt sie sogar erschießen. Die Menschen haben Angst vor Stalin.

Dmitri Schostakowitsch bei der Arbeit an einer Partitur. Foto aus dem Jahr 1958. | Bild: picture-alliance/dpa | RIA Nowosti zum Audio Dmitri Schostakowitsch Staatsfeind Nummer 1

Dmitri Schostakowitsch sitzt die Angst im Nacken: Was wenn Stalin ihn zum Staatsfeind erklärt? In seiner Musik kann der russische Komponist sagen, was er denkt: Er erzählt von der Brutalität der Politik und von seiner Traurigkeit ... [mehr]

Auch Mitja Schostakowitsch hat schreckliche Angst, Angst davor, dass er Musik schreiben könnte, die dem Herrscher Stalin nicht gefällt, die dazu führt, dass die Geheimpolizei ihn in eines der berüchtigten Gefängnisse steckt.

Aber interessiert sich ein brutaler, mächtiger Alleinherrscher wie Stalin wirklich für Musik? Das könnte ihm doch eigentlich egal sein. Musik kann doch nicht gefährlich sein, es sind ja nur Töne, die klingen und verklingen... Ja, er interessiert sich für Musik! Denn sie kann Stalin gefährlich werden, wenn sie nämlich in Tönen zeigt, oder auch in Liedtexte fasst, was Stalin und seine Genossen Schreckliches mit den Menschen machen: sie ängstigen, hungern lassen, verhaften, in den Krieg schicken, sie nicht lernen lassen, nicht beten lassen, erschießen. Und wenn Musik darüber erzählt, könnten sich ja plötzlich die Menschen zusammen tun und gemeinsam gegen Stalin kämpfen wollen. Davor wiederum hat Stalin Angst. Also muss Musik brav und angenehm klingen, triumphierend und stolz. 

Zwischen Anpassung und Protest

Der berühmte Moskauer Kreml im Winter: Der Kreml ist der älteste Teil der Stadt. | Bild: colourbox.com zum Audio Dmitri Schostakowitsch Eindrücke von der Großstadt (9. Symphonie)

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Mitja Schostakowitsch erkennt die Gefahr, die seine Musik für Stalin bedeuten könnte. Also wirft er Stalin fette Brocken solch braver Musik hin - die Stalin wie ein wildes Tier verschlingt. Und Mitja komponiert dennoch gleichzeitig jede Menge Stücke, in denen er gegen ihn protestiert, ohne Worte, ohne Geschrei, wie damals, als Baby bei seiner Taufe: Musik mit spöttischen Melodien oder bestimmten Instrumenten, die er bedrohlich, boshaft dröhnen lässt.

Manchmal erkennen Stalin und seine Genossen jedoch diese in der Musik verschlüsselte "echte" Meinung von Schostakowitsch. Dann wird es für ihn sehr gefährlich: Schostakowitsch bekommt Ärger mit der Geheimpolizei, hat Angst um sein Leben, und trotzdem kann er sie nicht lassen, seine musikalischen Botschaften und tönenden Hoffnungen auf eine bessere Zeit! Und damit ist Mitja eigentlich doch ein Jaroslaw, wie sich das seine Eltern gewünscht hatten. "Jaroslaw" bedeutet nämlich auf Deutsch: kühn, mutig und ruhmreich!


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