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NSU-Terror und Antisemitismus Interview mit Prof. Hajo Funke

Zweieinhalb Jahre hat Beate Zschäpe geschwiegen. Jetzt will die Hauptangeklagte im NSU-Prozess aussagen. Es ist aber kaum vorstellbar, dass sie sich selbst belasten oder auf die Motive für die Morde eingehen wird. Auf den ersten Blick ist es Fremdenhass. Im Gespräch mit dem BR stellt Prof. Hajo Funke die These auf, dass Dreh- und Angelpunkt der gewalttätigen rechtsextremen Ideologie Antisemitismus ist. Interview: Panagiotis Kouparanis.

Stand: 21.11.2015

Hajo Funke | Bild: pa/dpa/Daniel Naupold

In ihrem neusten Buch, „Staatsaffäre NSU“ rekonstruieren Sie, Prof. Funke, die Geschichte der gewaltbereiten Neonaziszene in den letzten 20 Jahren. Hierin stellen Sie die These auf, Antisemitismus sei das grundlegende ideologische Element dieser Gewaltbewegung. Das gelte auch für den NSU. Angesichts dessen, dass neun der zehn Mordopfer des NSU Migranten waren, würde man eher als Hauptmotiv Fremdenhass vermuten.

Hajo Funke: Ja, das gibt es auch. Aber darunter sind sie verbunden durch einen verheerenden Antisemitismus, den sie aus dem historischen Nationalismus bezogen haben. Das macht das Absurde und Gefährliche dieser neonazistischen Gruppen aus. Nehmen wir Uwe Mundlos,  der, wie ein Stubenkamerad beschreibt, alles über den Nationalsozialismus wusste. Und der Stubenkamerad bei der Bundeswehr ergänzte: und er hat gesagt, ''das mit den Juden stimmt nicht''. Also, eine typische Holocaust-Leugnung. Davon gehen die anderen Neonazis auch aus. Sie wissen ja, dass die Holocaust-Leugnung die Kehrseite ist, dass sie im Grunde den Holocaust wünschen oder sich auch darüber gefreut haben, dass er stattgefunden hat.

Wenn Antisemitismus das ideologische Grundelement des NSU war, warum waren die Mordopfer Migranten mit einem türkischen und einem griechischen Hintergrund?

Hajo Funke: Neben dem Antisemitismus als Kern- und verbindende Ideologie über die Welt, die ''von Juden gereinigt'' werden müsse, haben wir natürlich wie auch im Nationalsozialismus den Rassismus. Den Rassismus nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Slawen, gegen Griechen – gegen alle, die sozusagen ''unterhalb'' der sogenannten ''arischen Rasse'' stehen nach deren Vorstellungen. Also, insofern haben wir den Antisemitismus als Grundideologie und zugleich schauen die Neonazis auf die, die im Moment eine große Gefahr für das ''arisch, reine, große Deutschland'' darstellen. Und das sind natürlich die sogenannten Fremden, die Migranten, die die anders aussehen: die Schwarzen, die aus Afrika kommen, die aus dem Nahen- und Mittleren Osten kommen. Also das eine schließt das andere nicht aus. In der Mobilisierung braucht es einen sichtbaren Feind. Die Juden sind zum größten Teil aus dem Land vertrieben oder ermordet worden in Deutschland. Wir haben glücklicherweise wieder viele, aber doch so wenige, dass es oft nicht Gegenstand der neonazistischen Gewaltkampagnen ist und natürlich wegen des Schutzes, den Jüdinnen und Juden in Deutschland, glücklicherweise, heute genießen.

Inzwischen scheinen bei den pegidaähnlichen Bewegungen Rechtsextremisten mitzumischen. In ihrer großen Mehrheit sind wohl diejenigen, die mitdemonstrieren, allerdings Bürger aus der Mitte der Gesellschaft, die auf den ersten Blick ''Angst vor Überfremdung'' haben, davor, dass infolge der großen Flüchtlingszahlen die Sozialsysteme zusammenbrechen, dass sie ihre Arbeit verlieren könnten. Ist das Motiv für diese ''Normalbürger'' auf Fremdenfeindlichkeit beschränkt oder würden Sie sagen, es ist mehr dahinter und dazu gehört auch Antisemitismus?

Hajo Funke: Wir sehen im Umfeld von Pegida gerade in Dresden, dass es nicht nur eine Entfesselung des Ressentiments gegenüber Asylflüchtlingen gibt, sondern damit verbunden auch eine Distanz zu Juden in der Stadt. Wir erleben, dass gegenüber der jüdischen Gemeinde etwa gesagt wird: ''wenn ihr euch nicht auf unsere Seite stellt, dann ist das für die Entwicklung des Antisemitismus nicht gut, da muss man sich nicht wundern, dass man gegenüber Juden kritischer wird. Also beeilt euch mal'', das ist die Botschaft, ''euch an die Seite der Pegida-Bewegung zu stellen''. Das ist ein Beispiel, dass innerhalb des aggressiven Kerns dieser Bewegung auch Antisemitismus verbreitet ist.

Wie stark ist heutzutage der Antisemitismus in Deutschland ausgeprägt?

Hajo Funke: Es hat abgenommen in den letzten Jahrzehnten, was sehr gut ist. Das hängt mit der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zusammen, mit der Auseinandersetzung damit, wie furchtbar die deutschen Nationalsozialisten mit den Juden im Holocaust umgegangen sind und schon vorher. Ich würde sagen, radikale Antisemiten, also die sagen: ''die gehören nicht zu uns, die lügen und betrügen und die sollten woanders hingehen'', sind doch mehr als zehn Prozent. Es gibt dann ''weichere'' Fragen, wo man sagt, ''eigentlich sind die Juden doch irgendwie eigentümlich'' – das geht schon viel höher, bis zu einem Drittel und mehr.

Hajo Funke ist Politikwissenschaftler und emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin. Der Rechtsextremismus-Forscher und Autor zahlreicher Bücher bloggt unter hajofunke.wordpress.com.


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