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Zahlen, Fakten, Kontext Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland

Wie sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland heute organisiert? Wieviele Mitglieder haben sie? Welche waren die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen jüdischen Lebens unmittelnbar nach der Schoa? Ein Überblick.

Von: Martin Jarde

Stand: 26.11.2015

Vor der Münchner Synagoge Ohel Jakob | Bild: picture-alliance/dpa

Nach der Schoah

Vor der Schoa lebten in Deutschland zwischen 500.000 und 600.000 Juden. 15.000 von den Alliierten befreite Juden befanden sich zum Zeitpunkt der Kapitulation des Nazi-Regimes auf deutschem Boden.

Dass angesichts der Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands wieder jüdisches Leben hierzulande entstehen konnte, hielten die Wenigsten für möglich. Der Jüdische Weltkongress hatte 1948 auf seiner ersten Nachkriegstagung die offizielle "Ächtung jüdischen Lebens in Deutschland" ausgesprochen. Man wollte die in Deutschland verbliebenen Juden zur Auswanderung bewegen. Trotzdem bildeten sich schon in den ersten Jahren nach dem Krieg 67 jüdische Gemeinden, die bis in die 1960er Jahre innerhalb der jüdischen Welt allerdings weitgehend isoliert blieben.

Sportfest im DP-Lager Föhrenwald

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren kamen zu den Juden, die auf deutschem Boden von den Alliierten befreit wurden oder sich während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland verstecken konnten, jene hinzu, die vor neuen Pogromen in Osteuropa flohen. Sie suchten Schutz in "DP-Camps", den Flüchtlingslagern der US-amerikanischen Besatzungszone: vorwiegend in Bayern, das den größten Teil des US-amerikanischen Einflussbereichs ausmachte. Zwischenzeitlich handelte es sich um 200.000 sogenannter jüdischer "DPs", "Displaced Persons" aus osteuropäischen Ländern.

Die Mehrheit der jüdischen DPs, heimatloser Schoahüberlebender, begriff Deutschland nur als eine Zwischenstation auf der Ausreise nach Israel oder Amerika. Die jüdischen Gemeinden in diesen Jahren wurden als "Gemeinden in Abwicklung" betrachtet. Manche der Überlebenden jedoch blieben, die Gründe waren viele, teils eine insgesamt restriktive Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten, teils der sich abzeichnende Konflikt im Nahen Osten. Teils waren es aber auch private Gründe, die dazu führten, dass die jüdischen Überlebenden einen Neubeginn auf deutschem Boden wagten, Familien gründeten, Berufe fanden und am Aufbau jüdischer Gemeinden wie am Wiederaufbau Deutschlands teilnahmen.

Stagnation und Wende

In einem Zeitraum von ca. 50 Jahren zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland knapp 30.000 Mitglieder. Erst in den Wendejahren 1989/90, der Einwanderung von "Kontingentflüchtlingen" aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, kam ein zahlenmäßiger Umbruch, der den Gemeinden und ihren Vertretern Hoffnung auf eine nachhaltige Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland machen sollte. Mehr als 90 Prozent der heutigen Mitglieder jüdischer Gemeinden sind Einwanderer aus Osteuropa bzw. ihre inzwischen in Deutschland geborenen Kinder.

Zahlen heute: Gemeinden und Mitglieder

Die Liberale jüdische Gemeinde in der "Etz Chaim"-Synagoge in Hannover

Der Zentralrat der Juden in Deutschland vertritt rund 95 Prozent der in Gemeinden organisierten Mitglieder. Ihm gehören 108 jüdische Gemeinden in Deutschland mit ca. 100.500 Mitgliedern an. Von den anderen fünf Prozent, also ca. 5.300 Menschen, gehören die meisten der Union progressiver Juden an.

Aus den Mitgliedern jüdischer Gemeinden resultiert aber keine aktuelle Gesamtzahl deutscher oder in Deutschland lebender Juden. Der Zentralrat schätzt, dass bis zu 145.000 Juden keiner der institutionellen Körperschaften und Vereinen angehören. Genaue Zahlen lassen sich aber schwer schätzen. Erschwert wird eine Gesamtschätzung auch dadurch, dass die institutionellen Zahlen des Zentralrats nur diejenigen berücksichtigen, die nach dem halachischen Religionsgesetz unter Anwendung der beiden Rabbinerkonferenzen des Zentralrats der Juden in Deutschland - der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORK) sowie der progressiv-konservativen Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) - als Juden im religiösen Sinne anerkannt werden. Kriterium hierfür ist, dass die Mitglieder von einer selbst wiederum halachisch anerkannten jüdischen Mutter geboren wurden oder nach den Vorgaben der jeweils bestehenden Rabbinerkonferenz zum jüdischen Glauben übertraten.

Auch wird die Religionszugehörigkeit nach deutschem Recht in der amtlichen und behördlichen Statistik generell bei Zuwanderern nicht gesondert ausgewiesen, was angesichts des hohen Anteils an Einwandererfamilien die Frage nach der heutigen Zahl der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland umso mehr erschwert. Der Mikrozensus enthielt bisher keine Frage zur Konfessionszugehörigkeit, und im Ausländerzentralregister (AZR) ist die im Jahr 2003 eingeführte Angabe zur Religion optional. So erschweren Fragen der religiös-halachischen Anerkennung sowie weitere Faktoren den zahlenmäßigen Blick auf die gesamte jüdische Community in Deutschland.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland

In ihm sind ca. 100.500 Juden in 108 jüdischen Gemeinden organisiert. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist der Zentralrat zugleich Dachverband regionaler bzw. lokaler Körperschaften des öffentlichen Rechts. Der Zentralrat hat insbesondere die Aufgabe, seine Mitgliedsgemeinden nach außen in der bundesweiten Öffentlichkeit zu vertreten. Gegründet wurde er am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main. In den Anfangsjahren wurden Synagogen und Gemeindezentren gegründet oder noch bestehende wiederbelebt. Eine Hauptaufgabe war außerdem die Durchsetzung einer Entschädigungsgesetzgebung durch die Bundesregierung.

Kuppel der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße

Neben der Vertretung jüdischer Interessen gegenüber der Bundesregierung ist heute einer der Schwerpunkte der Arbeit des Zentralrats die Unterstützung bei der Integration von jüdischen Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Dabei bemüht er sich besonders um den Aufbau jüdischer Gemeinden in den neuen Bundesländern. Darüber hinaus beteiligt sich der Zentralrat aktiv am politischen und gesellschaftlichen Leben in der Bundesrepublik Deutschland. Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt ist die Förderung der Verständigung und der gegenseitigen Achtung zwischen Juden und Nichtjuden. International ist der Zentralrat mit Gemeinden in ganz Europa verknüpft und arbeitet eng mit ihnen zusammen.

Die Union Progressiver Juden in Deutschland

Sie entstand im Juni 1997 als Arbeitsgemeinschaft liberaler und konservativer jüdischer Gemeinden im deutschsprachigen Raum und hat sich Sommer 2002 schließlich in Union Progressiver Juden in Deutschland e.V. umbenannt. In ihr vereinigen sich die nichtorthodoxen jüdischen Gemeinden Deutschlands. Ihr gehören 25 Gemeinden sowie drei Organisationen mit insgesamt 4.500 Mitgliedern an. Kennzeichnend für das progressive Judentum sind die Verwendung von Liturgie in der Landessprache - nicht in allen progressiven Gemeinden gleichermaßen praktizierte - musikalische Begleitung von Gottesdiensten und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in allen religiösen Angelegenheiten, einschließlich der Ordination von Frauen zu Rabbinerinnen.

Sonja Guentner, Vorsitzende der Union Progressiver Juden in Deutschland

Nachdem das Bundesverwaltungsgericht in einer Grundsatzentscheidung liberale bzw. progressive Gemeinden anderen jüdischen Gemeinden gleichgestellt hatte, zeichnete sich eine Neuorientierung im Verhältnis zum Zentralrat der Juden in Deutschland ab. Zwar gab es noch einige Zeit Streitigkeiten, vor allem um Fördergelder, seit Sommer 2004 entspannte sich das Verhältnis zwischen Zentralrat und Union aber zusehends. Die Gemeinden der Union Progressiver Juden werden gleichermaßen an Programmen und Projekten des Zentralrats und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland beteiligt und können dort auch Teilnehmer stellen.

Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern

Er wurde in Bayern am 12. Januar 1947 gegründet und somit noch vor dem Zentralrat, zu dessen regionalen Dachverbänden er gehört. Am 14. August 1997 wurde zwischen dem Freistaat Bayern und dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern ein Staatsvertrag unterzeichnet, der den Verband rechtlich den beiden christlichen Kirchen in Bayern gleichstellt. Aufgrund des Staatsvertrags erhält der Landesverband einen Pauschalzuschuss zur Erhaltung und Pflege des gemeinsamen deutsch-jüdischen Kulturerbes und zur Aufrechterhaltung jüdischen Gemeindelebens.

Der Gebetsraum mit Toraschrein der Synagoge in Bayreuth

Der Verband umfasst die jüdischen Gemeinden von Amberg, Bamberg, Bayreuth, Hof, Nürnberg, Weiden, Schwaben-Augsburg, Erlangen, Fürth, Regensburg, Straubing und Würzburg/Unterfranken. Dem Landesverband gehören somit jüdische Gemeinden aus sechs der sieben Regierungsbezirke Bayerns an. Die Gemeinden in Oberbayern gehören dagegen der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern an, die einen eigenen Landesverband im Zentralrat der Juden in Deutschland bildet.


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