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Jüdische DPs in Bayern Interview mit Jim Tobias, Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts

Etwa 200.000 jüdische „Displaced Persons“, heimatlose Schoa-Überlebende, befanden sich unmittelbar in den Jahren nach 1945 in den Zonen der westlichen Alliierten, allein mehr als 150.000 in der amerikanischen Besatzungszone – vorwiegend in Bayern. Der Journalist und Historiker Jim Tobias, Leiter des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts (Nurinst), forscht seit zwei Jahrzehnten über die Lebensbedingungen und institutionellen Strukturen der Menschen, von denen die Wenigen, die auch nach Auflösung der DP-Camps in Deutschland blieben, den maßgeblichen Teil der jüdischen Gemeinschaft im Nachkriegsdeutschland bildeten.

Von: Michael Olmer

Stand: 26.11.2015

Mitglieder des Kibbuz Nili bei Nürnberg | Bild: Jim Tobias, www.nurinst.org

In diesem Jahr stellte das Institut aus Nürnberg das Onlineprojekt after-the-shoah.org fertig, das sich der Geschichte der jüdischen DPs in Bayern und Deutschland, ihrer Verwaltung und ihren religiösen, kulturellen und sozialen Aktivitäten widmet. Welche waren die Umstände, in denen die vorwiegend osteuropäischen Juden so kurz nach der Schoa in Deutschland lebten? Ein Interview mit Jim Tobias.

Sie beschäftigen sich seit etwa 20 Jahren mit dem Thema jüdische „Displaced Persons“, „DPs“, in Bayern und Deutschland. Die Zeitspanne, von der wir reden, sind etwa fünf Jahre zwischen Kriegsende und 1950, als die für die Auswanderung zuständige Jewish Agency ihre Büros schloss, als man begann, zerstörte Synagogen in Deutschland wieder oder neu zu errichten, ein Zentralrat der Juden gegründet wurde usw. Was zeichnet für Sie die Situation dieser Überlebenden aus, in dieser besonderen Zwischenzeit?

Jim Tobias: Die irrwitzige Situation ist die, dass die meisten der jüdischen DPs aus Osteuropa vor den Pogromen, die nach 1945 dort stattfanden, ausgerechnet nach Deutschland geflüchtet sind. Wenn wir von Deutschland reden, meine ich aber hauptsächlich die amerikanische Zone, das war schon ein Stück Amerika für die Menschen, man begab sich unter den Schutz der Alliierten. Man ist nicht nach Deutschland gegangen mit dem Gedanken, ins Land der Täter einzuwandern, das ist vollkommen klar. Warum die meisten in die amerikanische Zone gegangen sind, lag daran, dass die Amerikaner im Gegensatz zu den Briten oder zu den Franzosen in den DP-Camps den Überlebenden eine weitgehende Autonomie eingeräumt haben. Sie hatten ihre eigene Verwaltung mit verschiedenen Ressorts für Soziales, für Religion, für Sport. Es gab eigene Zeitungen in jiddischer Sprache, Schulen, Polizei, also, die ganze Infrastruktur einer Stadt.

Trotz der Schrecken der Schoa muss man sagen, dass diese DP-Camps durchaus auch von einer immensen Lebensfreude geprägt waren...

Jim Tobias: In den DP-Camps gab es einen wahren Babyboom, es war die höchste Geburtenrate aller jüdischen Gemeinden weltweit zu verzeichnen. 1947 waren etwa ein Drittel aller Frauen im gebärfähigen Alter schwanger oder hatten gerade entbunden. Mit der Zeugung neuen Lebens wollte man ein Zeichen setzen: ''Ihr habt uns nicht ausgerottet, ihr habt es nicht geschafft, wir kriegen Kinder, wir sind da, wir werden mehr''. Demonstrative Umzüge von jungen Müttern mit ihren Kinderwagen durch die Straßen, nicht nur der DP-Camps, waren häufig zu sehen.

Abgesehen von den DP-Camps gab es auch DP-Gemeinden in den Städten, sowie jüdische Bauernhöfe auf dem Land, in denen DPs nach dem Vorbild des israelischen Kibbuz lebten. Einer der Filme, die im Rahmen der Forschungsprojekte Ihres Instituts entstanden sind, handelt von einem Ort, von dem man glaubt, das kann nicht wahr sein: ein Kibbuz in der Nähe von Nürnberg auf dem ehemaligen Hofgelände Julius Streichers, einst NSDAP-Gauleiter und ''Stürmer''-Herausgeber.

Jim Tobias: Ja, dieser Trainigskibbuz lag etwa 20 Kilometer vor meiner Haustür. Dass auf dem Hof von Julius Streicher, einem der Obernazis, dem Herausgeber dieses antisemitischen Propagandablatts, dass dort 1945 ein jüdischer Neuanfang stattfand, das hat mich fasziniert, nicht mehr losgelassen. Ich wollte natürlich Menschen kennenlernen, die dort gelebt haben. In Israel und den USA fand ich dann ehemalige Kibbuzniks. Und ich musste bei meinen Gesprächen mit ihnen feststellen, es war eine große Genugtuung für diese Menschen: „Auf dem Hof von Julius Streiche zu leben, der Streicher, der uns vernichten wollte“, sagte etwa Chaim Shapiro, der rund zwei Jahre dort lebte. Streicher selbst war ja seinerzeit geflüchtet, später in Oberbayern gefasst und dann vor dem Internationalen Gerichtshof zum Tode verurteilt worden.

Bis Sommer 1945 waren alle Geflüchteten, also nicht nur jüdische Überlebende, nach Nationalitäten in den DP-Lagern untergebracht. Es gab das Problem, nur um ein Beispiel zu nennen, dass ein jüdischer Überlebender aus Lettland mit einer anderen Person aus Lettland, die kurz vorher noch SS-Mann war, Wand an Wand lebte. Schließlich kam es da zu einem Umdenken. Was waren die Hintergründe?

Jim Tobias: Grundlage war der „Harrison-Report“, genannt nach einem US-amerikanischen Juristen, der diese Untersuchungskommission leitete. Dem waren wiederum Proteste amerikanischer Militärgeistlicher vorangegangen, die die untragbare Situation in den Unterkünften publik machten. Präsident Truman hat dann angeordnet, dass die Juden aufgrund ihrer besonders schweren Erfahrungen eigene jüdische DP-Camps bekamen. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Überlebenden, über 70 Prozent, kamen aus Polen. Der Rest aus anderen osteuropäischen Staaten, damalige Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und der ehemaligen Sowjetunion. Lingua Franca war Jiddisch, das konnte jeder. Die Zeitungen wurden in jiddischer Sprache gedruckt; am Anfang hatte man das Problem, dass man die hebräischen Lettern nicht hatte. So nahm man lateinische Buchstaben und transliterierte das Jiddische nach der polnischen Phonetik. Später kamen die hebräischen Lettern aus den Vereinigten Staaten und Kanada.

In gewissem Sinn schrieben die jüdischen DPs auch ein Stück Fußballgeschichte, es gab eigene Ligen. Wann begannen diese Aktivitäten?

Jim Tobias: Die ersten Fußballspiele fanden schon im Herbst 1945 statt, bald wurden erste jüdischen Vereine in den DP-Camps gegründet. Die hießen Makkabi Föhrenwald, Ichud Landsberg, Kadima Schwabach, Hakoach Bamberg. Ab 1946 wurde ein regelmäßiger Spielbetrieb organisiert, man gründete ähnlich wie die Bundesliga, eine erste Liga mit 22 Mannschaften, unterteilt jeweils in eine Gruppe Nord und eine Gruppe Süd, die spielten um die jüdische Meisterschaft in der US-Zone. Darunter gab es Regionalligen in Franken, Oberbayern, Hessen usw. Ichud Landsberg war die beste Mannschaft, gegen die hatte keine andere eine Chance. Eine besonders schmerzliche Niederlage musste Makkabi Bamberg im März 1946 hinnehmen, sie verloren in einem Testspiel 0:9. Die Zuschauer im Bamberger Stadion waren aber dennoch begeistert, es ging da nicht so sehr ums Gewinnen. Der Reporter der jiddischen Zeitung „Undzer Wort“ entschuldigte die hohe Niederlage: „Undzere zajnen noch etwa roj oder grin“, was Jiddisch ist und soviel heißt wie: „Unsre Jungs gehen noch etwas holprig und unerfahren zur Sache“.

Interview: Michael Olmer

Zum Onlineprojekt über jüdische DPs in Bayern gelangt man unter after-the-shoah.org. Infos zu den Publikationen des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V., zahlreiche Zeitzeugeninterviews und Videomaterial findet man auf der Institutshomepage: nurinst.org. Auf Vimeo zu sehen gibt es u.a. den Film "Der Kibbuz auf dem Streicher-Hof - die letzten Landjuden in Franken".


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