Grips


4

Mach mit! Übung 1

Stand: 26.10.2011 | Archiv

1. Eine Leseprobe und eine Frage

Aufgabe

Lies den Text und beantworte die Frage

Nimm Stift und ein Blatt Papier zur Hand. Lies dir die folgende Leseprobe genau durch und beantworte im Anschluss die Fragen.

Die Leseprobe stammt aus dem Krimi "Seegrund" von Michael Kobr und Volker Klüpfel.

Kluftinger sucht nach Zeugen, die den rätselhaften Taucher gesehen haben könnten. Er macht eine Entdeckung.

Achte in der folgenden Leseprobe darauf, wie Kluftinger hier dargestellt wird.

Leseprobe

Aus "Seegrund":

... Er wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Er umrundete die Hütte, dann blieb er mit hängenden Schultern stehen. So etwas hatte er noch nie gesehen: Sie hatte keine Tür. Irritiert ging er zu einem der kleinen Fenster und drückte sein Gesicht dagegen. In der Hütte war es zu dunkel, als dass er etwas hätte erkennen können. Er ging noch näher heran und hielt die Handflächen schützend um seine Augen. Aber es war einfach nichts...
"Was willst du?"
Mit einem Satz drehte sich Kluftinger um. Sein Herz hatte einen Schlag übersprungen, so war er erschrocken. Erst nach ein paar Sekunden fing er sich wieder und sah, wer da vor ihm stand. Oder besser gesagt: was. Sein Gegenüber war etwa einen Kopf größer als er selbst, seine Augen leuchteten hell aus der sonnengegerbten, ledrigen Haut, die zum großen Teil von einem zotteligen Vollbart verborgen wurde. Die dunkelblonden Haare waren zu dicken, filzigen Würsten zusammengedreht, an deren Spitzen bunte Glasperlen gegeneinander klackten. Eine vollverspiegelte Sonnenbrille, die der Mann über die Stirn geschoben hatte, hielt ihm die Strähnen aus dem Gesicht. Obwohl es sehr kalt war, hatte er nur eine Jeans und einen grauen Wollpulli an. Auf seinen Unterarmen ruhte ein großer Stoß langer Holzscheite und Reisig.
"Hallo, hörst du mich?"
Der Kommissar räusperte sich. "Grüß Gott, Kluftinger, Kripo Kempten. Ich wollte fragen, ob Sie gestern auch hier gewesen sind."
"Ich bin immer hier, denn nur hier wird meine Seele eins mit dem Qi des Waldes", sagte sein Gegenüber.
Kluftinger hob die Augenbrauen. Er ging gar nicht auf die blumige Erklärung ein und fragte weiter: "Auch zwischen sechs und zwölf Uhr?" "Was ist schon Zeit? Was sind Stunden, Minuten im großen Kontext des Seins?"
Kluftinger runzelte die Stirn. Alkohol? Mentale Störung? Vielleicht auch Drogen, dachte er. So wie der Mann aussah ... Er startete einen letzten Versuch mit einer ganz einfachen Frage: "Wie heißen Sie?"
"Sie nennen mich 'Der mit dem Wald lebt'. Ich bin der örtliche Schamane", antwortete der Mann und trieb damit dem Kommissar die Zornesröte ins Gesicht. Es kam ihm vor, als wolle ihn der zottelige Schrat zum Narren halten.
"Jetzt passen Sie mal auf: Ich bin Kluftinger, Kriminalhauptkommis­sar, auch genannt 'Der sich nicht gern verarschen lässt'. Und jetzt hätte ich gerne Ihren vollen Namen, klar?"
Der andere schien von der Schärfe in Kluftingers Worten irritiert und presste dann zähneknirschend hervor: "Schnalke. Norbert Schnalke."
Kluftinger hatte alle Mühe, nicht spontan loszulachen, so sehr stand der Name des Mannes in Widerspruch zu seinem esoterischen Natur­gehabe.
"Na also, Herr Schnalke", erwiderte Kluftinger genüsslich und hatte das Gefühl, als zucke der Mann bei der Nennung seines Namens regelrecht zusammen, "waren Sie nun gestern hier oder nicht?"
"Ja, ich war hier", antwortete er etwas weniger poetisch und zappelte dabei unruhig hin und her. "Wieso willst du das denn wissen?"
Kluftinger ignorierte die Tatsache, dass ihn der Fremde duzte und fuhr fort: "Nun, wenn dem so ist, hätte ich ein paar Fragen an Sie."
"Können wir dazu reingehen?", fragte der selbsternannte Schamane und deutete dabei mit dem Kopf auf seine Füße. Erst jetzt bemerkte der Kommissar, dass er weder Schuhe noch Socken trug. Nun war ihm auch klar, weshalb er so unruhig hin und her zappelte.
"Natürlich", sagte Kluftinger, besann sich dann aber, dass er ja gar keine Tür gesehen hatte und fügte hinzu: "Nach Ihnen."
Schnalke ging an ihm vorbei, drückte das kleine Fenster auf, vor dem sie standen, schmiss das Holz hinein und hechtete hinterher. Kluftinger sah, wie er sich im Inneren auf einer Matratze abrollte.
"Wo war denn die Tür?", rief ihm Kluftinger unsicher hinterher. Ihm war klar, dass er einen ähnlich akrobatischen Einstieg nie und nimmer hinbekommen würde.
"Keine Tür!"
"Keine Tür?"
"Nein, da haut das Qi ab."
"Aha, und wer bitte ist dieses Tschi? Ist das Ihr Haustier, oder was?" Kluftinger stellte sich ein Wiesel oder einen ähnlichen Nager vor.
Der Mann sah ihn mit großen Augen an und trat ans Fenster. "Das Qi ist die Lebensenergie, die uns alle durchströmt. Auch dich!" Dann drehte er sich vom Fenster weg und rief ihm über die Schulter zu: "Neben dem Fenster liegt ein Schemel auf dem Boden. Mit dem kannst du reinsteigen."
Tatsächlich entdeckte Kluftinger die Einstiegshilfe und kletterte ungelenk nach drinnen.
Das Erste, was ihm dort auffiel, war die unerträgliche, schwüle Hitze. Es herrschten weit über vierzig Grad in dem kleinen, stickigen Raum. Außerdem fehlten dem Zimmer jegliche Möbel. Lediglich ein paar große Strohsäcke lagen herum. An einer Wand war ein Regal angebracht, auf dem allerlei Krimskrams herumlag. Darauf stand ein Käfig mit einem Kaninchen. Der Rest des Raumes wurde beherrscht von einem riesigen, seltsam geformten Ofen: Schmal und länglich wie ein halbiertes U-Boot stand er auf dem gestampften Lehmboden, die Oberfläche war aus rohem Metall, das mit Flugrost überzogen war. Es sah so aus, als habe der Mann den Ofen selbst zusammengeschweißt. Auf dem Unterteil ruhte eine Metallplatte, auf der mehrere verschieden große Emailletöpfe mit Wasser vor sich hin dampften und Treib­hausatmosphäre verbreiteten.
Kluftinger wischte sich die ersten Schweißtröpfchen von der Stirn: "Was für eine Temperatur haben Sie denn hier drin?"
"Findest du es zu kalt?", fragte der Bärtige schnell und blickte ihn besorgt an. Dann lief er zu dem Regal, holte den Käfig mit einem kleinen, grauen Kaninchen hervor, griff sich ein paar der schwarzen Köttelchen, die darin lagen, roch daran und sagte erleichtert: "Nein, nein, da irrst du dich. Ist genau richtig."
Kluftinger, der zwischen Ekel und Erstaunen hin und her gerissen war, versuchte, ruhig zu bleiben. Immerhin hatte er wichtige Fragen auf dem Herzen. "Nein, ich find es nicht zu kalt. Zu warm, meinte ich, viel zu warm!"
"Oh nein. Es ist vielleicht etwas ungewohnt für dich, aber du musst es nur zulassen. Was du hier fühlst, ist die Wärme und Feuchte des Mutterschoßes."
Priml! Dieser verwirrte Aushilfsindianer sollte ihm weiterhelfen? Kluftinger zweifelte ernsthaft daran, doch zumindest einmal wollte er es noch versuchen. Sollte er wieder so einen bizarren Schmarrn zur Antwort bekommen, würde er eben einfach gehen und den Mann mit seinem ganzen ... was auch immer er hier eben tat, alleine lassen.
"Föhnst du dein Haar?", fragte der Mann plötzlich und Kluftinger war so verwirrt, dass er ihm wahrheitsgemäß mit "Ja" antwortete.
"Hör auf damit!", kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Schnalke sah dabei aus, als meine er es todernst.
Beinahe hätte Kluftinger "Warum" gefragt, doch er hatte sich Gott sei Dank rechtzeitig wieder im Griff und sagte stattdessen: "Waren Sie nun gestern hier?"
"Ja, wie schon gesagt: Ich bin immer hier. Jemand muss sich ja um das seelische Gleichgewicht des Sees kümmern. Er ist noch nicht über den Tunnelbau hinweg, aber es geht ihm besser."
"Ach was ... äh ... haben Sie gestern irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt? Wir haben diesen Mann hier gefunden."
Er reichte ihm ein Foto von dem jungen Mann in der roten Lache. Als Schnalke es in Händen hielt, wurde er bleich. Offenbar kannte er den Mann, mutmaßte Kluftinger und gratulierte sich bereits zu seiner Hartnäckigkeit.
"Blutet er wieder?", fragte der Schamane flüsternd.
"Der Mann? Nein, wir haben ..."
"Nicht der Mann. Der See! Blutet er wieder?"
Jetzt riss Kluftinger der Geduldsfaden: "Herrgott nochmal, könnten Sie mal auf meine Fragen antworten?"
Schnalke setzte sich auf einen der Strohsäcke, griff nach hinten und holte ein hölzernes Gebilde hervor, das ein bisschen wie eine Pyramide aussah. Es bestand aus kleinen Holzleisten, die an den Enden mit Kügelchen aus Knetmasse zusammengefügt worden waren. Er setzte es sich zu Kluftingers großem Erstaunen auf und schüttelte dann den Kopf. "Stell mir eine andere Frage. Etwas, was dich bewegt."

Resigniert ließ sich Kluftinger nun ebenfalls auf einem Strohsack nieder. Verzweifelt sagte er: "Mich bewegt eben diese Frage: Haben Sie gestern irgendetwas gesehen?"
"Nein!"
Kluftinger seufzte. Wenigstens hatte er nun eine klare Antwort bekommen, auch wenn er damit letztlich nichts anfangen konnte.
"Du bist ein Fisch", überraschte ihn sein Gegenüber auf einmal mit einer neuen Erkenntnis.
Der Kommissar sah ihn prüfend an. Was wollte er ihm damit nun wieder sagen?
"Als Sternzeichen, ich meine, du bist als Sternzeichen Fisch."
Kluftinger war verblüfft. Der Bärtige hatte Recht. Er nickte und wollte ihn gerade fragen, wie er darauf gekommen sei, da schob der Mann nach: "Es wäre besser, du wärst als Wassermann geboren worden."
"Soso." Kluftinger stand auf. Es war Zeit, zu gehen. Den Sud aus verschiedenen Wurzeln, den ihm der Schamane anbot und in den er zuvor noch Tannenreisig und etwas, das aussah wie Sägemehl, gegeben hatte, lehnte er dankend ab.
"Dann wirst du krank", prognostizierte ihm Schnalke, doch das war Kluftinger egal. Er würde krank werden, wenn er noch länger hier bliebe. Als er aus dem Fenster geklettert war, wirkte die schneidend kalte Luft wie eine Befreiung. Er drehte sich noch einmal um und sah, wie der Mann ein Scheit aus dem Ofen nahm, es ausblies und mit dem qualmenden Holz Kreise über dem Strohsack in die Luft malte, auf dem Kluftinger eben gesessen hatte. Kopfschüttelnd wandte sich der Kommissar um und ging schnellen Schrittes in Richtung See.
Als er ihn schon fast erreicht hatte, hielt er auf einmal inne, weil aus der Hütte Musik ertönte, die klang, als komme sie von einer Harfe.
Noch einmal drehte er sich um und sah Norbert Schnalke am Fenster stehen. Im Arm hielt er eine kleine Lyra, auf der er mit einer Hand herumzupfte. Er rief ihm etwas nach: "Es würde mich nicht wundern, wenn der Seegrund die Antwort auf deine Fragen hätte."

Frage

Kluftinger verhört den selbst ernannten Schamanen, den er für sich "verwirrter Aushilfsindianer" nennt. Wie geht Kluftinger vor? Bringe die folgenden Aussagen in die richtige Reihenfolge.

a) Zum Abschied prophezeit der Schamane Kluftinger, dass er krank werden wird und der Seegrund ihm Antwort auf seine Fragen geben wird.

b) Schnalke sagt aus, dass er nichts gesehen hat.

c) Kluftinger sucht den Schamanen auf, da er hofft, dass dieser etwas von dem Tauchunfall, oder was auch immer es war, gesehen hat

d) Als er statt Antworten nur esoterisches Gefasel zu hören bekommt wird Kluftinger sehr deutlich, was den Mann dazu veranlasst seinen Namen zu nennen.

e) Die seltsamen Aussagen des Schamanen und die extreme Wärme in der Hütte verwirren Kluftinger.

f) Kluftinger klettert in die Hütte ohne Tür, um sich mit Norbert Schnalke zu unterhalten.


Notiere dir die Aussagen, in der entsprechenden Reihenfolge.

Antwort

Richtig sind:
c = a) Kluftinger sucht den Schamanen auf, da er hofft, dass dieser etwas von dem Tauchunfall, oder was auch immer es war, gesehen hat.

d = b) Als er statt Antworten nur esoterisches Gefasel zu hören bekommt wird Kluftinger sehr deutlich, was den Mann dazu veranlasst seinen Namen zu nennen.

f = c) Kluftinger klettert in die Hütte ohne Tür, um sich mit Norbert Schnalke zu unterhalten.

e = d) Die seltsamen Aussagen des Schamanen und die extreme Wärme in der Hütte verwirren Kluftinger.

b = e) Schnalke sagt aus, dass er nichts gesehen hat.

a = f) Zum Abschied prophezeit der Schamane Kluftinger, dass er krank werden wird und der Seegrund ihm Antwort auf seine Fragen geben wird.


4