Gesundheitstag


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Hexenschuss Was tun bei plötzlichem Rückenschmerz?

Eine falsche Bewegung, plötzlich ein höllischer Schmerz und nichts geht mehr: der Hexenschuss ist da! Die meisten trifft es im Alter zwischen dreißig und fünfzig. Aber ist ein Hexenschuss gefährlich? Was passiert dabei genau und was hilft? Die gute Nachricht vorneweg: Jeder kann sich einfach und effektiv davor schützen.

Von: Bernd Thomas

Stand: 07.11.2017

Deutschland ist Weltmeister, nicht nur im Fußball, sondern auch was die Rückenleiden angeht. Den Hexenschuss kennen dabei selbst diejenigen aus leidvoller Erfahrung, die noch keine chronischen  Rückenbeschwerden haben.  Eine Lumbago, wie die Ärzte den Hexenschuss nennen, ist eine schmerzliche Warnung und Aufforderung, das eigene Verhalten zu überdenken: Höchste Zeit, etwas zu tun. Denn das Gemeine daran ist: Nach dem ersten Mal verdreifacht sich das Risiko für einen weiteren Zwischenfall.

Hexenschuss: Schmerzen und die Unfähigkeit, sich zu bewegen 

Dr. med. Marko Ständer ist Neurochirurg im Münchner Wirbelsäulenzentrum am Stiglmaierplatz. Oft sieht er Patienten mit Hexenschuss, die nur mit Assistenz oder im Rollstuhl überhaupt in der Lage sind, zu ihm in die Praxis zu kommen.

Ein Hexenschuss kann auch im Nacken auftreten.

Typisch ist bei ihnen die gebeugte Haltung und die Unfähigkeit, sich zu bewegen. Der Schmerz sitzt oft im Bereich der Lendenwirbelsäule, kann aber auch im Nacken auftreten. Aber was genau ist ein Hexenschuss?

"Der Hexenschuss ist keine eindeutige Diagnose. Selten verbergen sich dahinter schwere, ernste Erkrankungen. In der Regel sind es aber Verkrampfungen in der Muskulatur und Entzündungen an verschiedenen Teilen der Wirbelsäule, die in wenigen Tagen bis Wochen wieder vollkommen ausheilen."

Dr. med. Marko Ständer, Neurochirurg, München

Die Wirbelsäule: Ein komplexes System, das trainiert werden will

Modell der Wirbelsäule mit Gelenken, Bandscheiben, Muskeln und Bändern.

Oft ist der Hexenschuss nur der schmerzhafte Höhepunkt bereits bestehender Störungen. Denn die Wirbelsäule ist ein hochentwickeltes, äußerst komplexes anatomisches Meisterwerk. Das aber will regelmäßig bewegt und gefordert werden, um fit und in Form zu bleiben. Doch wir bewegen uns heute im Gegensatz zu unseren Vorfahren, die täglich noch bis zu vierzig Kilometer Wegstrecke zurücklegten, nur noch wenige hundert Meter pro Tag. Die Folgen untrainierter Muskeln, aber auch von Zwangshaltungen und Fehlbelastungen, sind oft:

  • Die kleinen beweglichen Wirbelgelenke verhaken sich,
  • Bandscheiben wölben sich vor
  • und Bänder sind ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen.

Aufgrund dieser Störungen kommt es oft zu Entzündungen, die selbst noch gar keine Schmerzen verursachen müssen. Aber da die Muskulatur zu schwach ist, verkrampft sie nach einer gewissen Zeit schlagartig, es kommt zum Hexenschuss. Und erst die verkrampften Muskeln verursachen dann die eigentlichen Schmerzen. 

Gesund oder krank? So sieht es im Rücken aus

Ein Bandscheibenvorfall muss nicht die Ursache eines Hexenschuss' sein

 Viele glauben, der Hexenschuss werde durch einen Bandscheibenvorfall ausgelöst. Aber Neurochirurg Marko Ständer gibt Entwarnung:

"Nein, das ist nicht so. Stellen Sie sich die Bandscheiben vor wie einen Krapfen. Wir haben außenherum einen Faserring, innen die Gallertmasse. Wenn ich dann auf diesen Krapfen drücke, wird dieser breit und wenn das genauso mit der Bandscheibe passiert, kann das  schon Schmerzen verursachen. Es entsteht ein Hexenschuss. Wenn hingegen die Gallertmasse austritt, vergleichbar der Marmelade beim Krapfen, dann habe ich einen Bandscheibenvorfall, der in der Regel immer mit Beinschmerzen verbunden ist und auch Lähmungen und Gefühlsstörungen verursachen kann."

Dr. med. Marko Ständer, Neurochirurg, Wirbelsäulenzentrum am Stieglmaierplatz, München

Der Arzt überprüft deshalb, ob alle Reflexe vorhanden sind. Wenn Lähmungserscheinungen oder Probleme mit dem Stuhlgang auftreten, sind weitere Untersuchungen nötig. Das ist bei den meisten aber nicht der Fall. Sie können getrost wieder nach Hause gehen.

Die Therapie: Ruhe, Geduld, Medikamente und Bewegung

Hexenschuss: In der akuten Phase helfen vor allem Ruhe, das Hochlagern der Beine, Wärme und Medikamente.

In der akuten Phase helfen vor allem Ruhe, das Hochlagern der Beine, Wärme und Medikamente. Die lindern die Schmerzen und sorgen dafür, dass sich die Muskeln wieder entspannen. Sind die Schmerzen besonders groß, können die Medikamente auch gespritzt werden. Nach wenigen Tagen sind dann bei rund zwei Drittel aller Patienten die akuten Symptome vorüber. Nach wenigen Wochen sind neun von zehn Patienten wieder vollkommen beschwerdefrei.  Aufstehen darf jeder übrigens, sobald es geht. Und was ist mit den verschobenen Wirbelgelenken, sollte man die „einrenken“?

"Manche Ärzte finden es gut, andere lehnen es rundweg ab. Generell sollte es nur durch Fachleute gemacht werden. Das Einrenken durch eigene Bewegungen, also wenn der Rücken dann mal knackst, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Grundsätzlich gilt beim Hexenschuss: wenn möglich Bewegung, sich bewegen."

  Dr. med. Marko Ständer, Neurochirurg, München

Fehler, die zum Hexenschuss führen

Hexenschuss: Das sollten Sie vermeiden!

Bewegungsmangel

Zu wenig Bewegung ist Ursache vieler Rückenbeschwerden. Stundenlanges Sitzen am Schreibtisch und zu wenig Ausdauertraining schaden der Wirbelsäule generell.
Dagegen hilft: Bewegungspausen einlegen, Bewegung in den Arbeitsalltag bringen.

Fehlende Ergonomie am Arbeitsplatz

Die falsche Anordnung der Arbeitsgeräte führt zu Fehl- und Zwangshaltungen. Die wiederum können zu Muskelverkürzungen führen.  

Übergewicht

Zu viele Kilos auf der Waage können alle Strukturen der Wirbelsäule vorzeitig verschleißen.

Fehler beim Heben und Tragen

Falsche Bewegungen und vor allem die falsche Technik beim Tragen führen zu teilweise extremen Belastungen.

Psychische Belastungen

Auch seelische Probleme können sich auf die Körperhaltung auswirken.

Handies

Den Kopf stundenlang vornüber zu beugen bedeutet, dass durch die Hebelwirkung statt rund fünf Kilogramm Kopfgewicht über zwanzig Kilogramm Gewicht an der Halswirbelsäule zerren.  

Zugluft

"Durch den Luftzug kommt es zu einer Abkühlung der Muskulatur, damit zu einer verminderten Durchblutung und damit zu einer verminderten Nährstoffversorgung. Das erhöht die Krampfbereitschaft der Muskulatur und dadurch kommt es schneller zu einem Hexenschuss." sagt Dr. med. Marko Ständer, Neurochirurg, München

Fazit

"All das sind Faktoren, die schlecht für die Wirbelsäule sind. Wenn dann noch Stress hinzukommt, ist die Wirbelsäule schnell überlastet. Wenn die Muskulatur es dann nicht mehr schafft, diese Überlastung zu kompensieren, dann kommt es zum Hexenschuss." Dr. med. Marko Ständer, Neurochirurg aus München

Vorbeugen kann jeder überall!

Grundsätzlich gilt: Bewegung in den Alltag bringen. Schon mit wenigen Übungen, zehn bis fünfzehn Minuten pro Tag, lässt sich vieles positiv verändern. Die Muskulatur wird gestärkt, besser durchblutet  und damit die Krampfneigung  verringert. Das geht ohne großen Aufwand überall und stärkt den Rücken insgesamt.


Gute Ergonomie beginnt im Kopf und lässt sich jederzeit umsetzen! Schon eine erste kritische Überprüfung des Arbeitsplatzes bringt viel.  Oft lässt sich die Situation außerdem ohne großen Kosten- und Zeitaufwand mit wenigen Handgriffen effektiv verändern. Und natürlich sollte man sich besonders beim Tragen schwerer Lasten nicht überschätzen und die richtigen Techniken im Alltag anwenden. Achtsamkeit und selbstkritisches Verhalten schützen.

  • Gesundheit! Was tun bei Hexenschuss? 10. März 2015, 19. Uhr, BR Fernsehen
  • Gesundheit! Rückenschmerzen: fünf häufige Irrtümer. 11.04.2017, 19:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Gesundheitsgespräch: Entlastung für die Wirbelsäule. 11.03.2017, 12.05 Uhr, Bayern 2

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