Gesundheitstag


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Bandscheibenvorfall operieren? OP und konservative Behandlung im Vergleich

Bandscheibenvorfall - und jetzt? Nicht immer ist eine Operation zwingend. Wann ist eine OP nötig, wann sind konservative Behandlungsmethoden erfolgversprechender? Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Therapien.

Von: Katharina Kerzdörfer

Stand: 07.11.2017

Ärzte in Operationssaal: Sind Rückenoperationen bei einem Bandscheibenvorfall manchmal unnötig? Konservative Therapien helfen oft genauso gut gegen Rückenschmerzen. | Bild: Bayerischer Rundfunk

Zahlreiche Studien haben untersucht, welche Behandlungsmethode nach einem Bandscheibenvorfall effektiver ist: Operation oder konservative Therapie. Das erstaunliche Ergebnis: Mit konservativen Verfahren wie Krankengymnastik hat man ähnliche Erfolgschancen wie mit einer Operation. Eine Garantie auf Beschwerdefreiheit gibt es in beiden Fällen allerdings nicht.

"Man muss immer zurückhaltend sein, wenn es darum geht, eine Operationsindikation zu stellen. Insbesondere wenn es um den Rückenschmerz geht, kann man dem Patienten keine Garantie auf eine Besserung geben. 80 Prozent der Patienten sind nach einer Operation zur Behandlung des Rückenschmerzes mit dem Ergebnis zufrieden und sagen, der Eingriff hat sich für sie gelohnt. Bei 20 Prozent ist dies nicht der Fall. Das müssen die Patienten vorher wissen."

Prof. Dr. med. Bernhard Meyer, Direktor der Neurochirurgischen Klinik und Poliklinik, Klinikum rechts der Isar der TU München

Diagnose Bandscheibenvorfall

Röntgenaufnahme eines Bandscheibenvorfalls

Die Diagnose erfolgt in der Regel anhand von bildgebenden Verfahren wie CT- oder MRT-Aufnahmen. Viele Bandscheibenvorfälle machen den Betroffenen wenig oder gar nicht zu schaffen. Erst wenn der Patient Beschwerden wie Schmerzen oder Taubheitsgefühle hat, ist eine Therapie ratsam.

Und selbst dann ist eine sofortige OP nicht zwingend erforderlich.

"Es sind diejenigen, die schwere Ausfälle, also neurologische Ausfälle haben. Entweder sie haben eine Lähmung, das heißt, sie können das Bein tatsächlich nicht mehr bewegen, oder sie können Blase oder Mastdarm nicht mehr kontrollieren. Das sind die einzigen Fälle, wo man tatsächlich operieren muss. Alle anderen kann man operieren, aber von Müssen ist keine Rede."

Professor Dr. med. Bernhard Meyer, Neurochirurg, Klinikum rechts der Isar, München

"Nicht jeder Bandscheibenvorfall, der nur weh tut, ist operationsbedürftig. Es gehört schon der Nervenausfall dazu. Und manchmal stellen wir zufällig bei einer Untersuchung fest, dass jemand einen Bandscheibenvorfall hatte, ohne dass er es je bemerkt hätte."

Prof. Reiner Gradinger, leitender Orthopäde an der TU München

Konservative Therapien beim Bandscheibenvorfall

Die Patienten, die keine neurologischen Ausfälle haben, beginnen in der Regel mit Schmerzmitteln und konservativen Therapien wie Krankengymnastik. Erst wenn das keine Linderung bei den Beschwerden bringt, werden weitere Therapien diskutiert.

"Physiotherapie ist die Grundlage für die Behandlung jeder Wirbelsäulenerkrankung, die Betonung liegt auf 'jeder'. Man kann sie einsetzen, um eine Operation zu verhindern. Und sollte eine Operation nötig geworden sein, hilft die Krankengymnastik dabei, mit dem Operationsergebnis besser zurechtzukommen. Welche Methode im Einzelfall sinnvoll ist, sollte mit dem Arzt beziehungsweise dem Physiotherapeuten abgesprochen werden."

Prof. Reiner Gradinger, leitender Orthopäde an der TU München

Operation beim Bandscheibenvorfall - die Methoden

Prof. Dr. med. Bernhard Meyer benutzt bei der Bandscheiben-Operation ein Mikroskop.

Die gängige Operationsmethode bei Bandscheibenvorfällen ist die operative Entfernung von ausgetretenem Bandscheibengewebe. Bei dem Eingriff wird der Teil der Bandscheibe entfernt, der gegen die Nervenstränge drückt und somit die Beschwerden verursacht. Der Patient liegt bei der OP auf dem Bauch. In vielen Fällen muss nur ein kleiner Schnitt von zwei bis drei Zentimetern Länge am Rücken gesetzt werden, um den Eingriff durchzuführen.

"Eine Operation an der Bandscheibe kann man als minimal-invasiven Eingriff bezeichnen - egal ob er über einen offenen Schnitt von zwei bis drei Zentimeter Länge stattfindet oder nur über kleine Röhrchen, die man bis zur Wirbelsäule einführen kann, um dann mit Hilfe eines Mikroskops zu operieren. Im Ergebnis macht das keinen großen Unterschied. Das dauert in der Regel 45 bis 60 Minuten und der Patient ist danach zügig wieder fit und belastbar."

Prof. Dr. med. Bernhard Meyer

In der Regel wird ein Sperrer oder Ring eingesetzt, durch den die Operationsgeräte eingeführt werden. Der Bandscheibenvorfall liegt unter den Nervensträngen, die von einer Hülle, der Dura Mater, umgeben sind. Bei dem Eingriff ist Millimeterarbeit gefragt, daher wird bei der Operation meist ein Mikroskop benutzt.

Eine Bandscheibenprothese ist bei einer Bandscheibenoperation manchmal das Mittel der Therapie

Bandscheibenprothesen können dann hilfreich sein, wenn die Erniedrigung der eigenen Bandscheibe zur Überlastung der hinten liegenden Wirbelgelenke und zur Einengung der Nervenaustrittslöcher geführt haben. Eine solche Indikation muss aber sehr streng gestellt werden. Mittelfristige Ergebnisse zeigen, dass die Euphorie verflogen ist - Bandscheibenprothesen werden nicht mehr häufig eingesetzt.

Mögliche Komplikationen bei der Bandscheiben-Operation

Auch wenn die Bandscheiben-OP als Standardeingriff gesehen wird, kann es Komplikationen geben. So kann zum Beispiel beim Entfernen des Gewebes die Dura Mater, die Hülle um die Nervenstränge, einen Riss bekommen. Nervenflüssigkeit tritt dann aus. Das passiert in schätzungsweise etwa zwei Prozent der Eingriffe. An sich ist das nicht gefährlich, sofern der Riss wieder verschlossen wird. Bei diesen Patienten kann aber einige Tage lang Schwindel auftreten.

Zwingende Gründe für eine Operation an der Wirbelsäule

  • Dauerhaft nicht beherrschbare Schmerzen trotz Ausschöpfung aller konservativen Methoden von Physiotherapie über Akupunktur bis Schmerztherapie
  • Ausgeprägte neurologische Ausfälle (z.B. Blasen- oder Enddarm-Lähmung oder Lähmung an Armen oder Beinen), die zu bleibenden funktionellen Ausfällen führen

In allen anderen Fällen muss nicht zwingend operiert werden. Und das bedeutet, dass man auch den Faktor 'Zeit' ins Spiel bringen muss. Erst wenn ein bestimmtes konservatives Therapieverfahren versagt hat, dann sollte ein operativer Eingriff erfolgen.

Operation bei Spinalkanalstenose (Wirbelkanalverengung)

Ein Beispiel für sinnvolle Operationen an der Wirbelsäule bis ins hohe Alter ist die Spinalkanalstenose. Bei diesem Krankheitsbild, das vor allem ältere Menschen betrifft, wird der Spinalkanal durch Knochen- und Bänderwucherungen immer enger, bis die darin liegenden Nerven gedrückt werden. Nach und nach entstehen dadurch Muskelschwäche und Beinschmerzen, die den Patienten in seiner Bewegungsfähigkeit einschränken.

"Teilweise können diese Patienten nur noch wenige Meter laufen, bevor die Beine schwach werden. Solche Spinalkanalstenosen, die den Patienten in seiner Bewegung stark einschränken und seine Lebensqualität massiv einschränken, sind Indikationen für eine Operation; wenn es die körperliche Gesundheit des Patienten zulässt. Das ist aber heute auch bei vielen 70- bis 90-Jährigen noch der Fall."

Prof. Dr. med. Bernhard Meyer

Modell der Wirbelsäule mit Spinalnerv

Je nach Ausprägung können Spinalkanalstenosen an einer oder auch mehreren angrenzenden Wirbeln operiert werden. Der Chirurg weitet den verengten Wirbelkanal, indem er Knochenmaterial oder verdickte Bandstrukturen entfernt. Diese Operation wird ebenfalls unter dem Mikroskop über einen kleinen Schnitt am Rücken durchgeführt und dauert ebenfalls nur 45 bis 60 Minuten. Die meisten Patienten bemerken trotz Wundschmerzen schon direkt nach der Operation bereits eine deutliche Besserung ihrer Beschwerden.

Bandscheiben-OP: ein riskanter Eingriff

"Gerade bei der Spinalkanalstenose handelt es sich allerdings um eine der riskanteren Operationen, auch wenn das Querschnittsrisiko bei deutlich unter einem Prozent liegt. Man muss den gesamten Knochen am Rücken wegnehmen, um dem Rückenmark und den Nervenwurzeln wieder Luft zu verschaffen. Man muss gleichzeitig ein stabilisierendes System einsetzen mit Schrauben und Gestänge, damit der Rücken stabil bleibt."

Prof. Reiner Gradinger

  • IQ - Wissenschaft und Forschung: Verschleißteil Bandscheibe. 17.01.2017, 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Bayern 1: Mit zweiter Meinung zu weniger Rücken-OPs. 05.05.2017, 12:05 Uhr, Bayern 1
  • Gesundheitsgespräch: Entlastung für die Wirbelsäule. 11.03.2017, 12.05 Uhr, Bayern 2
  • Gesundheit! Bandscheibenvorfall operieren oder nicht? 25.04.2014, 19.00 Uhr, BR Fernsehen
  • Notizbuch: Überflüssig oder überfällig? Wann eine Rücken-OP wirklich sein muss, 10.03.2014, 10.05 Uhr, Bayern 2

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