Gesundheitstag


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Auswirkungen auf Gesundheit und Psyche Schlapp und krank? Kindheit vor dem Bildschirm

Draußen rumtoben, wild raufen, tollkühn klettern: Das war einmal. Heute bewegen sich nur noch die Finger und die Augen. So sieht Kindheit heute aus. Aber: Stimmt das wirklich? Sind unsere Kinder schlapp wie nie und dadurch vielleicht auch krank wie nie?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 07.05.2018

Landshut, Grundschule Carl-Orff. Lehrerin Claudia Wimmer und ihre 4. Klasse haben einen ehrgeizigen Plan: Sie wollen runter vom Sofa. Bis zum Ende des Schuljahres wollen sie es schaffen, dass jeder 15 Minuten oder sogar 30 Minuten laufen kann – ohne Unterbrechung.

Kinder in Bewegung bringen:  Projekt „Lauf dich fit!“

Lauf dich fit! – so heißt das Projekt, mit dem der Bayerische Leichtathletikverband Kinder wieder in Bewegung bringen will. Und das ist auch dringend nötig.

"Wir haben Kinder, die haben so viel Gewicht, die können nicht mal aus eigenem Antrieb auf eine dieser Langbänke hochsteigen, weil das zu schwer ist für ihre Gelenke. Das ist leider kein Einzelfall, sondern immer häufiger zu sehen."

Claudia Wimmer, Grundschullehrerin Carl Orff Grundschule, Landshut

Wenn Kinder sich nicht bewegen, macht sie das krank.

Die gute Nachricht:  Es ist zu schaffen. Kinder haben ja eigentlich Spaß am Bewegen. Und wenn man ihnen den nicht verdirbt, klappt es auch mit der Ausdauer. Die schlechte Nachricht: Wenn Kinder sich nicht bewegen, dann macht sie das tatsächlich krank.

Schmerzen durch Bewegungsmangel nehmen zu

Häufiger als früher sieht sich der Landshuter Kinderorthopäde Schönecker bei Kindern mit den Konsequenzen von Bewegungsmangel konfrontiert.

"In den letzten Jahren hat die Häufigkeit an Fällen von Kindern mit Rückenschmerzen deutlich zugenommen, und es kommen zunehmend Kinder mit Kopfschmerzen zu mir."

Dr.med. Gregor Schönecker, Kinderorthopäde, Landshut

Viele Eltern befürchten, die Ursache läge in orthopädischen Problemen, wie Knochenfehlstellungen oder Wirbelsäulenverkrümmungen. Aber in 90 Prozent der Fälle bewegen sich die Kinder einfach zu wenig.

"Wenn ich den Eltern dann sage, ‚ich kann Sie beruhigen, ich sehe keine manifeste orthopädische Erkrankung hinter den Beschwerden‘ - dann sind viele zufrieden. Aber dann sage ich ihnen, ‚die Schmerzen werden jetzt nicht durch Abwarten weggehen, sondern die Schmerzen werden durch Aktivität weggehen‘."

Dr. med. Gregor Schönecker, Kinderorthopäde, Landshut

Das beste Rezept gegen Wachstumsschmerzen im Bewegungsapparat bei Kindern: Bewegung. Das klingt einfach, ist in der Praxis aber für viele Familien sehr schwierig umzusetzen, so die Erfahrung von Schönecker.

Kindheit am Bildschirm: gesundheitliche Konsequenzen

Für alle alarmierenden Erfahrungen der Praktiker hat er die harten Zahlen: Prof. Alexander Woll vom Karlsruher Institut für Technologie. Er leitet die größte deutsche Studie zum Thema ‚Bewegung bei Kindern‘. Und er berichtet sogar von positiven Trends - aber nur auf den ersten Blick.

"Wir haben sowas wie ein Bewegungsparadoxon: Noch nie waren so viele Kinder im Sportverein. Auf der einen Seite könnte man also sagen, gar kein Problem mit dem Thema Bewegung. Aber die körperliche Alltagsaktivität bei Kindern hat deutlich abgenommen."

Prof. Dr. phil. Alexander Woll, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft

Kinder sitzen zu viel vor dem Bildschirm

Eine Stunde rennen, laufen, Fahrrad fahren pro Tag - das empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Kinder. Das schafft aber nur ein Drittel unserer Kinder, so die Forschungsergebnisse von Prof. Woll. Zwei Drittel der Kinder dagegen schaffen täglich drei Stunden und mehr vor dem Bildschirm. Glücklich macht sie das nur kurzfristig.

"Wir stellen fest, dass psychische Symptome sehr stark zunehmen bei Kindern und Jugendlichen. Und wir stellen fest, dass körperlich aktive Kinder darunter wesentlich weniger leiden als körperlich inaktive. Also körperliche Aktivität ist so ein Schutzfaktor für die psychische Gesundheit. Sie kann mithelfen, ein besseres Körperselbstkonzept zu entwickeln und damit auch einen Beitrag leisten für die Entwicklung von Selbstvertrauen bei Kindern und Jugendlichen."

Prof. Dr. phil. Alexander Woll, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft

Laufen macht glücklich und schlau

Die Landshuter Viertklässler, die eifrig bei den Laufspielen von „Lauf dich fit“ mitmachen, tun also viel für ihre psychische Gesundheit. Außerdem für den Fettstoffwechsel, den Kreislauf, die Knochendichte. Der Trick dabei: Es fühlt sich nicht an wie Arbeit, sondern wie Spiel.

"Manchmal müssen sie ein Domino aufbauen, manchmal müssen sie ein Memory lösen. Das sind so viele verschiedene Arten, wie die Kinder laufen. Und das wichtigste ist: Sie merken nicht, dass sie laufen. Aber sie laufen viel, sie laufen ausdauernd, und sie laufen richtig."

Claudia Wimmer, Grundschullehrerin Carl Orff Grundschule, Landshut

Übrigens: auch der Lernerfolg von Kindern kann durch Bewegung verbessert werden. Sport in der Schule: Das ist kein Luxus, sondern regelrechtes Doping fürs Gehirn.

"Kinder können sich besser konzentrieren, können besser andere Dinge abschirmen. Können sich fokussieren und sich auch das Arbeitsgedächtnis besser behalten. Das Gehirn wird besser durchblutet. Schon wenn sie einen kleinen Spaziergang machen steigt die Durchblutung des Gehirns um 20 Prozent. Also schon zur Schule laufen, ist das erste Gesundheits - oder geistige Training am Morgen."

Prof. Dr. phil. Alexander Woll, Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft

Sogar das Risiko für die gefürchtete Aufmerksamkeitsstörung ADHS lässt sich durch Bewegung beeinflussen. Es gibt also tausend Gründe dafür, den Kindern wieder mehr Bewegung zu gönnen.

Manchmal ist das ganz einfach - und sehr oft ein Haufen Arbeit. Der Kampf: ‚Eltern gegen Monitor‘ lohnt sich im Interesse unserer Kinder aber ganz bestimmt.


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