Gesundheitstag


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Übergewicht Wann ist das Lymphsystem schuld?

Sie quälen sich durch eine Diät nach der anderen, treiben Sport bis zum Umfallen und nehmen trotzdem nicht ab? Daran könnte ihr Lymphsystem schuld sein. Wenn es krank ist, können unter anderem Arme und Beine anschwellen. Eine solche Erkrankung ist meist genetisch bedingt.

Von: Judith Kotra

Stand: 19.07.2010 | Archiv

Abnehmen, Diät, Ernährung | Bild: BR/Julia Müller

Die Bedeutung des Lymphsystems, seine Wichtigkeit für unser Leben, ist vielen Menschen gar nicht bewusst. Würde man das Lymphsystem zum Beispiel nur an einem Bein unterbrechen, würde binnen 24 Stunden der Tod eintreten. Personen mit Elephantiasis, einer extremen Form des Lymphödems, sehen oft monströs aus. Sie haben bis zur Unkenntlichkeit angeschwollene Beine oder Arme, können sich kaum noch bewegen. So ein Anblick ist erschreckend und dürfte manchen von uns aufrütteln, darüber nachzudenken, was überhaupt dahinter steckt. Die Frage ist: Was können wir dazu beitragen, dass das Lymphsystem nicht derart entgleist und gesund bleibt?

Genetische Veranlagung

Die Suche nach einer Antwort führte uns nach Hinterzarten im Schwarzwald. Dorthin kommen Schwerkranke aus aller Welt, um Hilfe zu suchen. Die Lymphologie ist ein Stiefkind der Wissenschaft, kompetente Experten auf dem Gebiet gibt es nur wenige. Kaum jemand kennt die Geheimnisse des Lymphsystems besser als Frau Prof. Dr. med. Ethel Földi. Das Gen für eine Lympherkrankung tragen einige in sich, sagt die Expertin. Doch oft gibt es noch andere Faktoren, die hier eine Rolle spielen:

"Die Lymphgefäßerkrankungen, welche zu Lymphödemen führen, können eine Folge der Fehlentwicklung der Lymphgefäße sein. Aber auch im Laufe des Lebens kann es zu Lymphgefäßschäden kommen - in Folge von verschiedenen Erkrankungen, Unfällen, Operationen aber auch einer ungesunden Lebensweise."

Prof. Dr. med. Ethel Földi

Typisch für eine Lympherkrankung sind Ödeme in Beinen oder Armen. Betroffen davon sind meist Frauen. Charakteristisch für eine solche Erkrankung: die sogenannten Reiterhosen - oben Größe 40 und unten 56. Ist das einfach Übergewicht oder eine Lympherkrankung? Wer ist Verursacher, wer Opfer? Um dahinterzukommen, haben wir eine Art Steckbrief des Lymphsystems zusammengestellt. Was ist das Lymphsystem und was tut es?

Neben Blut, das durch Arterien und Venen fließt, gibt es ein weiteres flüssiges Transportsystem: die Lymphe, eine wässerige, hellgelbe Flüssigkeit. Ihr Ursprung ist im Bindegewebe. Für das bloße Auge ein unsichtbares, hauchzartes Netz, wie eine große Kläranlage, die unmerklich neben Flüssigkeit vor allem Eiweiße, Zellen aber auch Fremd- und Schadstoffe, also den Sondermüll des Organismus entsorgt.

Die Polizei des Körpers

Das Lymphsystem ist ein wichtiger Bestandteil unserer Immunabwehr. Die Lymphe produziert weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten. Sie sind die Polizisten des Körpers, die Krankheitserreger entdecken und unschädlich machen. Wenn bei einer Rachenentzündung die Halslymphknoten anschwellen und die Mandeln dick und entzündet sind, liegt das daran, dass das Lymphsystem in Aktion tritt. Geschwollene Lymphknoten unter den Achseln sind das Schreckgespenst jeder Frau, denn die Schwellung kann bedeuten, dass sich Krebs oder Metastasen gebildet haben.

Kampf den Keimen

Mandeln, Milz, Thymus und Lymphknoten sind sozusagen die Wachposten des Lymphsystems. Egal ob unter den Achseln oder an den Leisten: Geschwollene Lymphknoten sind stets ein Alarmzeichen, das nicht ignoriert werden sollte. Ein Signal dafür, dass das Immunsystem aktiviert ist und in den Knoten eine Abwehrschlacht tobt, die auch mit Fieber einhergehen kann. Denn Lymphknoten sind die Sammelstellen des Organismus.

Feindliche Elemente wie Keime in der Lymphe werden von den Immunzellen aufgespürt, hierhin gespült und unschädlich gemacht. Das erklärt auch, warum sich ein Großteil der Lymphknoten gerade im Darm befindet. Das Abwehrduo Lymphe und Immunsystem muss dort besonders stark vertreten sein, da die meisten Infektionen über den Magen-Darm-Trakt in den Körper gelangen.

Es gibt Anzeichen für eine Fehlfunktion des Lymphsystems, die man nicht ignorieren sollte und bei denen man unbedingt einen Arzt aufsuchen sollte, warnt Frau Prof. Dr. med. Ethel Földi:

"Wenn die Funktion der Lymphgefäße gestört ist, treten abendliche Beinschwellungen auf, schwere Beine, auch dies ist ein Alarmzeichen…"

. Prof. Dr. med. Ethel Földi

Lipödem oder Übergewicht?

Dieses Alarmzeichen wird leider allzu oft nicht rechtzeitig erkannt. Ein Lipödem, eine krankhafte Fettgewebevermehrung und Schwellung, ist nicht das gleiche wie Übergewicht. Übergewicht belastet womöglich die Psyche, physisch tut es aber nicht weh. Bei einer Lympherkrankung ist die Haut prall gespannt und schmerzt. Außerdem weist sie zahlreiche blaue Flecken auf.

Frauen mit der angeborenen Variante, die sich mit einer Diät nach der anderen abquälen, bis zum Umfallen Sport treiben und damit dennoch nichts bewirken, sind dann völlig geschockt, wenn sie erfahren, dass sie nicht dick, sondern krank sind. Weil die Erkrankung oft erst erkannt wird, wenn sie schon weit fortgeschritten ist, fühlen sich manche Betroffenen von den Ärzten im Stich gelassen. Cellulite kann eine Vorstufe des Lipödems sein.

Das schadet dem Lymphsystem:

Staus mag es überhaupt nicht. Auf langes Sitzen reagiert es sauer und lässt die Beine dick werden. Auch langes Stehen und Stöckelschuhe sind ihm verhasst, da reagiert es prompt mit angeschwollenen Knöcheln. Damit die Lymphe nicht neben der Spur fließt und entgleist, darf sie nicht durch Engpässe wie etwa zu enge Kleidung oder Gürtel behindert werden. Und auch das schadet: Zuviel Sonne und Sonnenbrand verträgt das Lymphsystem überhaupt nicht, genauso wenig wie unsere Haut.

Bewegung absolut notwendig

Während der Blutkreislauf vom Herz angetrieben wird und schnell fließt, ist der Fluss der Lymphe sehr langsam. Denn sie muss Schädlinge erkennen und Zeit haben, sie unschädlich zu machen. Auch braucht die Lymphe Impulse von Außen, die Fortbewegung der Lymphe hängt von der Pulsation beim Öffnen und Schließen feiner Einwegklappen ab.

Diese benötigen einen gewissen Druck und dieser entsteht durch die Kontraktion der Muskeln, wenn wir uns bewegen. Deswegen schwellen nach langem Sitzen oder Stehen die Beine an. Sobald man sich wieder bewegt, kommt auch Bewegung in den Lymphfluss und die angestaute Flüssigkeit in den Beinen fließt ab. Bewegung ist unerlässlich, um die Lymphgefäße gesund zu halten. Das betont Frau Prof. Dr. med. Ethel Földi immer wieder:

"Wenn jemand schläft, ist diese Pulsation langsam, etwa fünfmal pro Minute, wenn jemand im Büro arbeitet, höchstens acht- bis zehnmal pro Minute, aber wenn jemand sich bewegt, kann diese Pulsation sich bis auf 30 erhöhen. Dementsprechend beschleunigt sich der Lymphfluss."

Prof. Dr. med. Ethel Földi

Daraus ergibt sich auch die Behandlung. Gegen Lympherkrankungen gibt es keine Medikamente. Das erkrankte Lymphsystem muss wieder in Bewegung kommen und das geschieht durch Lymphdrainage. Was wie Massage aussieht, ist es nicht. Durch gekonnte kreisförmige Handgriffe und sanften Druck entlang der Lymphbahnen wird ein Sog auf die Lymphe ausgeübt und dadurch Eiweiß, Wasser und Fett herausmassiert.

Tägliches Bandagieren ist für Betroffene mit einem Lymphödem unerlässlich. Zugegeben, Bandagen oder Kompressionsstrümpfe sind sicherlich umständlich und nicht gerade bequem. Doch auf langen Reisen kann dies vor geschwollenen Beinen und Thrombosen schützen.

Sport und gesunde Ernährung

Unter den Bewegungsarten stehen Radfahren, Schwimmen, Walken oder Steppen an erster Stelle. Das baut Stress ab und bringt Schwung ins erschlaffte Lymphsystem. Absolut notwendig ist eine Umstellung der Ernährung auf eine gesunde, vitaminreiche Kost. Fetthaltige Mahlzeiten produzieren nur noch mehr Fettgewebe - das würde die Lymphgefäße verformen und den Lymphtransport behindern.

Um alles in Fluss zu halten, ist auch Hautpflege wichtig. Eincremen hilft gegen Verhärtungen. Feuchtigkeit macht die Haut geschmeidiger und die Fettkammern der Unterhaut werden nicht mehr sichtbar. Richtige Hautpflege tut aber jedem gut, nicht nur Menschen, die bereits mit Lymphödemen zu kämpfen haben. Bei Lympherkrankungen gehen Behandlung und Vorbeugung Hand in Hand.


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