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Kommentar zum Kultur-Lockdown Das Krokodil gewinnt

Kultureinrichtungen müssen wieder schließen, um die Ansteckungszahlen in der Corona-Pandemie zu senken. Die Falschen werden bestraft, findet unser Autor Matthias Rüd. Ein Kommentar zum Kultur-Lockdown.

Von: Matthias Rüd

Stand: 30.10.2020

Danke, Frau Bundeskanzlerin Merkel,
Danke, Herr Ministerpräsident Söder.

Das Leben geht weiter – dafür haben sie mir ihrem Quasi-, Irgendwie-Lockdown gesorgt: die Weihnachtseinkäufe sind gesichert, die Schule auch. Und endlich, ja endlich werden die Streber bestraft. Die waren doch schon zu Schulzeiten super anstrengend.

Die Streber wären in diesem Falle ihre Kulturbetriebe. Die wollten es Ihnen wirklich, wirklich recht machen, hätten das alles aber auch sein lassen können. Opernhäuser, Theater und Kinos haben über Monate hinweg alle ihre Regeln und Auflagen bis ins Kleinste verstanden und umgesetzt, haben den Ernst der Lage erkannt, im ersten Lockdown ausgeharrt, sich vor der Sommerpause noch schnell coronakonform umgebaut, Einbahnstraßen durch Opernhäuser gezogen, Stücke gekürzt, Sitzreihen ausgebaut, bis zuletzt tapfer große Opern vor ausverkauftem, aber doch schrecklich leerem Haus gespielt. Abstand und Masken sind hier selbstverständlich.

Alles für die Kunst. Und es hat funktioniert. Studien belegen: Kaum jemand hat sich hier angesteckt. Theater, Konzerthallen, Kinos und Opernhäuser quer durch den Freistaat lieferten den Beweis, dass ein Stück normales Leben möglich ist, wenn man sich nur anstrengt. Das könnte man gerade jetzt argumentativ nutzen. Schaut her, liebe Bürger ...

All das ist Ihnen aber anscheinend ziemlich egal. Der Kontakt mit Kultur fällt für Sie, Frau Bundeskanzlerin, gerade in die Kategorie unnötig, steht damit auf einer Stufe etwa mit dem sicher auch anregenden Besuch im FKK Paradies gleich um die Ecke hier im Nürnberger Westen – sowas muss jetzt auch schließen. Müsste das Kindertheater nicht ebenfalls in den Lockdown, dann hätte in dieser Aufführung gerade endlich das Krokodil gewonnen, der Kasperl verloren.

Das Krokodil, das steht für all die, denen Ihre Regeln schon immer ziemlich egal waren, die weitgehend ungestraft und unbehelligt Privatfeiern in muffigen Partykellern veranstaltet, sich die Shisha-Bar mit Kundschaft vollgeschlichtet, illegal geraved haben. Die heute noch stolz ohne Maske ihre dumme Ignoranz in der Nürnberger U-Bahn zur Schau stellen. Das Krokodil, sind wir mal ehrlich, wurde bisher kaum bis gar nicht verfolgt, brauchte sich nicht mal wirklich zu verstecken. Jetzt müssen dafür eben alle in die Zelle vom Wachtmeister – oder, eine kleine Referenz an die RTL-Pädagogik-Legende Katharina Saalfrank, auf die berühmte stille Treppe.

Und die wird in den kommenden Wochen schrecklich still. Gerade jetzt, gerade in dieser verwirrend schlimmen Zeit könnte der Streber Kultur genau das beitragen, was wir alle bräuchten: Auszeit, Hoffnung, neue Gedanken – in einem vor dem Coronavirus sicheren Raum. Das als unnötig abzutun. Sie hatten schon bessere Momente, Frau Bundeskanzlerin.

Sie, Herr Ministerpräsident Söder, haben wieder viele Millionen an Hilfe versprochen. Hoffen wir, dass sie dieses Mal auch bei den Künstlern ankommen und nicht im Ankündigungsnirvana abseits der Kameras verpuffen. Und, meine größte Hoffnung: dass sie vielleicht bald endlich das Krokodil jagen und den Kasper belohnen, weil er das Richtige tut. Wir brauchen Streber und die Streber brauchen sie.


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