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40 Jahre Gebietsreform Der Streit um den Kreissitz von Main-Spessart

Wer wird Kreisstadt: Karlstadt oder Lohr? Diese Frage stand am Anfang der Gründung des Landkreises Main-Spassart 1972. Das größere Lohr machte sich berechtigte Hoffnung. Nach erbittertem Streit entschied die Mehrheit jedoch anders.

Stand: 02.07.2012

Ansicht von Karlstadt | Bild: picture-alliance/dpa

Vor 40 Jahren entstand der Landkreis Main-Spessart als Zusammenschlus der Altlandkreise Karlstadt, Gemünden, Lohr und Marktheidenfeld. Ein besonders heikler Aspekt dieses Zusammenschlusses, der Anfang der 1970er-Jahre viele Gemüter bewegte: In welcher Stadt soll das Landratsamt des neuen Flächenlandkreises entstehen?

"Erste unter Gleichen"

An Lohr am Main, der größten und wirtschaftlich stärksten Stadt im neuen Landkreis, komme wohl niemand vorbei – so dachten zumindest viele, erinnert sich der spätere Bürgermeister von Lohr, Siegfried Selinger. "Lohr war immer etwas Besonderes und die Lohrer haben sich als etwas Besonderes gefühlt", stellt Selinger fest. "Lohr wurde zugebilligt, der Erste unter Gleichen zu sein", sagt auch Wolfgang Kunz aus Karlstadt, damals Vorsitzender der Jungen Union in seiner Heimatstadt.

Designierter Landrat will auch Kreisstadt bestimmen

Was die meisten Bürger des neuen Landkreises Main-Spessart nicht ahnten: Hinter den Kulissen war längst ein Machtkampf entbrannt. Der bisherige Landrat des Kreises Karlstadt, Erwin Ammann, hatte sich CSU-intern als künftiger Landrat von Main-Spessart durchgesetzt. Jetzt wollte er auch den Kreissitz nach Karlstadt holen, erzählt Ex-JU-Mann Kunz. "Amman war unwahrscheinlich engagiert. Die CSU in Karlstadt wurde damals sehr stark mit Mitgliedern aufgerüstet, um immer mehr Delegierte zu kriegen."

Häme aus Karlstadt

Ansicht von Lohr am Main

Die Bürger aus Lohr glaubten damals nicht, dass man ihnen den Titel als Kreisstadt verwehren könnte. Zu gut schien alles für sie zu laufen, erinnert sich der Journalist und Stadthistoriker Karl Anderlohr. Doch dann kam der Tag der Entscheidung: Als das Kabinett in München seine Beratungen beendet hatte, hieß die neue Kreisstadt von Main-Spessart nicht Lohr, sondern Karlstadt. Wie Stadthistoriker Anderlohr berichtet, fühlten sich die Lohrer daraufhin verraten und verkauft. Die Volksseele kochte und ließ sich kaum beruhigen. Mehrere Tausend Lohrer fuhren sogar im Sonderzug zum Protest nach München. Schon auf dem Weg zu ihrem letztlich erfolglosen Marsch erreichte sie die Häme aus Karlstadt. Die Junge Union empfing sie am Bahnsteig mit einem Schild, auf dem stand: "Auch von Lohr fährt der Zug nach München über Karlstadt."

Zerwürfnisse in der unterfränkischen CSU

Die Entscheidung für Karlstadt und gegen Lohr riss gerade in der CSU tiefe Wunden. Altgediente Lohrer Parteimitglieder traten aus und gründeten die Main-Spessart-Union. Diese Regionalpartei war lange erfolgreich tätig. Nur langsam glätteten sich die Wogen. Die Main-Spessart-Union wurde erst 2005 wieder aufgelöst. Die einst heftig umstrittene Entscheidung wurde letztendlich akzeptiert. Vier Jahrzehnte nach dem denkwürdigen Streit steht fest: Die Vergabe des Kreissitzes hat Karlstadt genützt, aber Lohr nicht geschadet. Beide Städte haben sich positiv weiterentwickelt. "Die Zeit heilt alle Wunden", meint auch Lohrs Ex-Bürgermeister Selinger.


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