Franken - Kultur


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Leerer Himmel Jean Paul und sein Blick ins Nichts

Jean Paul liebte den Sphärenflug, der ihn in die azurnen Gefühlshöhen hinwegtrug. Mit ihm kann man aber auch den Höllensturz erleben. Viele dunkle Albträume haben ihn heimgesucht und er hat sie atemberaubend beschrieben.

Von: Hermann Glaser

Stand: 10.07.2013 | Archiv

Jesusstatue mit Kreuz | Bild: picture-alliance/dpa

Jean Paul begegnete einmal auf dem Friedhof, wo Schatten an den Mauern der Kirche flogen, die niemand warf, dem toten Christus, einer edlen "Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz, aus der Höhe auf den Altar herniedersinkend"; er fragte ihn, ob ein Gott sei; er verkündete mit kalter Stimme: "Es ist keiner."

"Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: 'Vater, wo bist du?' aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Westen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Misstöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!"

Jean Paul, 'Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei'

Radikale Beschreibung des leeren Himmels  

Mit dieser "Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" ist der Nihilismus des 19. und 20. Jahrhunderts vorweggenommen. Keiner hat so radikal den leeren Himmel beschworen; aber am Ende gibt es die trostreiche Lösung: Der Dichter erwacht – alles ist "nur" ein Traum gewesen. "Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte – und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet."       

Christus, von hinten gänzlich unbekleidet

Altar und Kanzel in der Joditzer Pfarrkirche bieten ein Kuriosum, das den jungen Johann Paul Friedrich Richter beeinflusst haben mag. Die Christusfigur auf dem Schalldeckel der Kanzel ist für die Gemeinde in den Kirchenbänken bekleidet, aber der Pfarrer auf der Kanzel sieht die Rückseite der Christusfigur und die ist gänzlich unbekleidet. Der Dichter Jean Paul hat Heiligkeiten auch von hinten, ohne Kleider, dekuvriert gesehen.


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