Franken - Kultur


22

Der Prolog "Und wer da kommt, der soll willkommen sein"

Wenn das Christkind den Christkindlesmarkt eröffnet, lauschen Zigtausend Kinder und Erwachsene dem traditionellen Prolog. Viele können den Text schon auswendig, alle anderen können ihn hier nachlesen.

Stand: 23.11.2016

Wenn alljährlich am Freitag vor dem ersten Advent um halb sechs die Lichter auf dem Hauptmarkt ausgehen, richten sich Zigtausend Augenpaare auf die Empore der Frauenkirche. Dort steht, im Scheinwerferlicht und von Posaunenklängen angekündigt, das Christkind und spricht seinen Prolog.

Seit 60 Jahren immer derselbe Prolog, mit immer denselben Strophen: Viele Kinder der Stadt, die von klein auf die Eröffnungszeremonie mitfeiern, können ihn schon auswendig.

Für alle anderen: Hier können Sie die Eröffnungsrede des Nürnberger Christkinds nachlesen:

Der Prolog des Nürnberger Christkinds

(Text: Friedrich Bröger)

Ihr Herrn und Frau'n, die Ihr einst Kinder wart,
Ihr Kleinen, am Beginn der Lebensfahrt,
Ein jeder, der sich heute freut und morgen wieder plagt:
Hört alle zu, was Euch das Christkind sagt!

In jedem Jahr, vier Wochen vor der Zeit,
Da man den Christbaum schmückt und sich aufs Feiern freut,
Ersteht auf diesem Platz, der Ahn hat´s schon gekannt,
Was Ihr hier seht, Christkindlesmarkt genannt.
Dies Städtlein in der Stadt, aus Holz und Tuch gemacht,
So flüchtig, wie es scheint, in seiner kurzen Pracht,
Ist doch von Ewigkeit. Mein Markt bleibt immer jung,
Solang es Nürnberg gibt und die Erinnerung.

Denn alt und jung zugleich ist Nürnbergs Angesicht,
Das viele Züge trägt. Ihr zählt sie alle nicht!
Da ist der edle Platz. Doch ihm sind zugesellt
Hochhäuser dieses Tags, Fabriken dieser Welt,
Die neue Stadt im Grün. Und doch bleibt´s alle Zeit,
Ihr Herrn und Frau´n: das Nürnberg, das Ihr seid.
Am Saum des Jahres steht nun bald der Tag,
An dem man selbst sich wünschen und andern schenken mag.

Doch leuchtet der Markt im Licht weit und breit,
Schmuck, Kugeln und selige Weihnachtszeit,
Dann vergesst nicht, Ihr Herrn und Frau´n und bedenkt,
Wer alles schon hat, der braucht nichts geschenkt.
Die Kinder der Welt und die armen Leut',
Die wissen am besten, was Schenken bedeut´t.

Ihr Herrn und Frau´n, die Ihr einst Kinder wart,
Seid es heut´ wieder, freut Euch in ihrer Art.
Das Christkind lädt zu seinem Markte ein,
Und wer da kommt, der soll willkommen sein.

Zeremonie seit 1933

Das Christkind als Rauschgoldengel während der Nazizeit

Die Eröffnungszeremonie samt Gedicht tauchte zum ersten Mal im Jahr 1933 auf. Ganz im Sinne des nationalsozialistischen Bedürfnisses nach Verklärung stand ein Rauschgoldengel im Mittelpunkt der Feier, begleitet von Kinderchören und Kirchenglocken.

Nach dem Krieg wurde der Rauschgoldengel durch ein Christkind ersetzt. Friedrich Bröger, Chefdramaturg des Nürnberger Theaters, verfasste einen Prolog, der seit 1948 vom Nürnberger Christkind gesprochen wird. Der Text nimmt Bezug auf die Situation und die Umgebung des Marktes im Nachkriegsdeutschland. In den vergangenen sechs Jahrzehnten blieb die Zeremonie nahezu unverändert.

Arbeiterdichter Karl Bröger

Karl Bröger

Friedrich Bröger ist Sohn des Nürnberger Arbeiterdichters Karl Bröger, der mit anderen SPD-Funktionären 1933 verhaftet und für mehrere Monate ins KZ Dachau verschleppt wurde. Dennoch wurden einige seiner Gedichte von der NS-Propaganda ausgeschlachtet. Karl Bröger starb 1944 mit 48 Jahren an Krebs.


22