Franken - Klassik


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Vom Ziehen aller Register Bruckners Neunte als Orgel-Sinfonie

Kann man mit zwei Händen und zwei Füßen auf der Orgel eine Symphonie spielen, die vor vielstimmiger Polyphonie strotzt und für ein achtzigköpfiges Orchester geschrieben ist? Gerd Schaller machts möglich. In der Welt-Ersteinspielung hat er Bruckners Neunte in der von ihm selbst eingerichteten Fassung für Orgel in der ehemaligen Abteikirche Ebrach auf CD aufgenommen. "Das Unbeschreibliche, hier ists getan."

Von: Klaus Meyer

Stand: 18.03.2021

Gerd Schaller Bruckners Neunte für Orgel | Bild: © Profil Hänssler

Er ist ein ausgewiesener Bruckner-Experte, der sich wohl wie derzeit kein anderer Dirigent auskennt in dem schier undurchschaubaren Dickicht der verschiedenen Fassungen der Symphonien des österreichischen Spätromantikers: Gerd Schaller, gebürtiger Bamberger, Ex-GMD in Magdeburg, Dirigent, Gründer und Leiter des oberfränkischen Festivals Ebracher Musiksommer. Von der internationalen Presse gewürdigt und gefeiert hat er zwischen 2010 und 2015 alle elf Bruckner-Symphonien aufgeführt und aufgenommen. Mittlerweile visiert Gerd Schaller das enzyklopädische Bruckner-Total an: BRUCKNER2024 heißt sein Projekt, das in Kooperation des Ebracher Musiksommers, BR-KLASSIK - Franken und des CD-Labels Profil Edition Hänssler zum Ziel hat, sämtliche Symphonien Bruckners in allen relevanten Fassungen bis zum 200. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2024 aufzuführen und auf CD einzuspielen. Einbezogen sind dabei auch die großen chorsymphonischen Werke.

Trost und Muße in Corona-Zeiten

Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 war freilich allen Aufführungen und Aufnahmen von großbesetzten vokalen und orchestralen Werken vorläufig ein Ende gesetzt. Doch Gerd Schaller nutzte die erzwungene Pause und fand wieder Zeit, sich mit der Orgel zu beschäftigen. Trost und Muße für den Dirigenten, dem in Corona-Zeiten wie bei so vielen Künstlern alle Auftritte weggebrochen sind. Im Herbst 2020 dokumentierte er dann seine kreative Auseinandersetzung mit der Orgel: Anfang November, als der zweite Lockdown schon verhängt war, spielte er seine Orgelfassung der Neunten Symphonie Bruckners auf der Eisenbarth-Orgel der ehemaligen Zisterzienserabteikirche Ebrach ein - in einer Koproduktion des Ebracher Musiksommers, BR-KLASSIK - Franken und des CD-Labels Profil Edition Hänssler.

Klangrausch mit Finale

Natürlich bearbeitete und spielte Gerd Schaller die unvollendete, nur dreisätzig hinterlassene Symphonie mit dem eigens von ihm selbst nach originellen Quellen ergänzten und vervollständigten vierten Satz - eine kluge, überzeugende Arbeit, die den Satz endlich wirklich als "Apotheosen-Finale" erlebbar macht. Wichtig war ihm bei seiner Bearbeitung, jenseits einer 1:1-Transkription für Orgel, einzig und allein die Essenz der neunten Symphonie herauszudestillieren, gewissermaßen also den strukturellen Kern herauszuschälen, die die Orchesterfassung im Innersten zusammenhält. Die Fassung für Orgel nutzt im Finale wie in den anderen drei Sätzen die Kraft und Majestät, die Erhabenheit und Anmut der "Königin der Instrumente" maximal aus. Jedoch klarer, transparenter und deshalb zugleich intensiver hat man Bruckners Neunte bislang noch nicht gehört! Gerd Schaller zieht alle Register - von den zartesten Tönen bis zum entfesselten Klangrausch. Man spürt Bruckners Geist, der bekanntlich selbst ein gefeierter Orgel-Virtuose war.

Die CD ist bei Profil Hänssler, die Noten beim Verlag Ries & Erler erschienen.


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