Franken - Buchtipps


0

Wulf Segebrecht (Hrsg.) Deutsche Balladen

Der Bamberger Germanistikprofessor Wulf Segebrecht hat in jahrelanger Arbeit eine Anthologie mit deutschen Balladen zusammengestellt. Ein echtes Hausbuch, das in jede Bibliothek gehört, meint Rezensent Dirk Kruse.

Von: Dirk Kruse

Stand: 05.12.2012

Weihnachts-Buchtipps 2012 | Bild: BR-Studio Franken/Rainer Aul

"Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm."

Aus 'Erlkönig' von Johann Wolfgang von Goethe

Bei den einen lösen solche Balladenzeilen ungute Erinnerungen ans Auswendiglernen in der Schule aus, bei den anderen nostalgische Gefühle an gereimte Geschichten voller Abenteuer. Der Bamberger Germanistikprofessor Wulf Segebrecht hat in jahrelanger Arbeit eine dicke Anthologie mit "Deutschen Balladen" zusammengestellt und dabei eine interessante Entdeckung gemacht: Diese altmodische Gattung, von der Literaturwissenschaft schon seit langem totgesagt, ist überraschend modern und aktuell, wenn man auch außerhalb von Klassik und Romantik nach Balladen sucht. Und vor allem dort, wo andere nicht hinschauen. In Texten von Liedermachern wie Hannes Wader, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker etwa. Ja, balladenhafte Gedichte gibt es sogar in der aktuellen Popmusik, weshalb die Anthologie überraschenderweise mit einem Songtext von Tocotronic beginnt.

"Das Blut an meinen Händen ist von dir.|Ich habe es nicht selbst vergossen,|ich war zu feige, zu verdrossen,|ich brauchte dich dafür."

Tocotronic: Das Blut an meinen Händen

Die von Wulf Segebrecht herausgegebene Anthologie beginnt mit aktuellen Texten und endet mit Hans Sachs in der Renaissance. Und sie definiert den Begriff der Ballade neu, als ein Gedicht, das eine dramatische Geschichte erzählt. In der Ballade treffen die drei literarischen Gattungen Lyrik, Epik und Drama aufeinander, um einen schaurig-schönen Dreiklang zu bilden. Denn meistens geht es in ihnen um Mord und Totschlag, Schuld und Sühne, und andere Katastrophen.

"Das Sensationelle ist zugleich das Populäre. Jeder weiß das. Er weiß das auch aus den Zeitungen. Da finden sich die Menschen zusammen, da wollen sie zuhören. Dieser Affekt gehört eigentlich zur Ballade dazu. Man kann die Ballade als eine Affekterregungskunst bezeichnen." Wolf Segebrecht

Aber Segebrecht beweißt auch, dass komische Gedichte zum Balladenrepertoire gehören. Vom Bänkelsang und Kabarettsongs eines Wedekind, Klabund oder Ringelnatz bis hin zu Humoristen wie Robert Gernhardt, Ror Wolf oder Heinz Erhardt.

"Es stand an seines Schlosses Brüstung
der Ritter Fips in voller Rüstung.

Da hörte er von unten Krach
und sprach zu sich: 'Ich schau mal nach!'
und lehnte sich in voller Rüstung
weit über die erwähnte Brüstung.

Hierbei verlor er alsobald
zuerst den Helm und dann den Halt,
wonach – verfolgend stur sein Ziel – 
er pausenlos bis unten fiel.
Und hier verlor er durch sein Streben
als drittes nun auch noch sein Leben,
an dem er ganz besonders hing ---!

Der Blechschaden war nur gering ...

Schlussfolgerung:
Falls fallend Du vom Dach verschwandest,
so brems, bevor Du unten landest."

Heinz Erhardt: Ritter Fips von Fipsenstein

Info

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Wulf Segebrecht (Hrsg.): Deutsche Balladen. Gedichte, die dramatische Geschichten erzählen, München 2012, Hanser Verlag, 888 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978-3-446-23995-1

888 Seiten Balladen voller Überraschungen, aber auch Altbekanntem. Ein gelungener Wiederbelebungsversuch an einer überkommenen Gattung, die einfach nicht tot zu kriegen ist. Ein echtes Haus- und Lesebuch, das obendrein dank der schönen Ausstattung mit Bibelpapier und flexiblem Leineneinband auch angenehm zu lesen ist. Wulf Segebrecht hat ein neues Standardwerk geschaffen, das in jede gute Bibliothek gehört.


0

Kommentare

Inhalt kommentieren

Mit * gekennzeichnete Felder sind verpflichtend.

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein: