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Thomas Schauerte Dürer-Biografie für Spezialisten

Pünktlich zur großen Dürer-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum ist eine neue Biografie über Nürnbergs großen Maler erschienen. In "Das ferne Genie" versucht Thomas Schauerte gängige Dürer-Klischees zu durchleuchten.

Von: Barbara Bogen

Stand: 04.07.2012

"Dürer – Das ferne Genie" von Thomas Schauerte | Bild: BR-Studio Franken/Julia Hofmann

Das erste was vielleicht ins Auge fällt, ist der Untertitel: Das ferne Genie. Unwillkürlich fragt man sich: Dürer? Uns fern? Der Genius Dürer, der berühmteste deutsche Maler und Graphiker? Ist er uns nicht im Gegenteil vertraut wie kein Zweiter? Verfügen wir nicht wie selbstverständlich über Kenntnisse seines Werkes und seiner Biographie? Die berühmten Selbstbildnisse hat man vor Augen, die Rätsel- und Denkbilder, den Kupferstich "Melancholie", "Hieronymus im Gehäus", die Reiter der Apokalypse ...

Doch schon auf den ersten Seiten des Buches wird deutlich, worum es dem Autor Thomas Schauerte geht. Er will zu dieser, wie er sagt, "subjektiv empfundenen Nähe", die wir zu haben scheinen, ein Gegengewicht liefern, Respekt äußern vor einem halben Jahrtausend Menschheitsgeschichte, das uns von einer Figur wie Dürer und seiner Zeit eben entfernt.

Zwar hatte kaum ein anderer Maler ein derartiges Bedürfnis nach Selbstzeugnissen, zwar gibt es kaum über einen Zweiten eine solche Fülle an Dokumentationen und doch, meint Schauerte, wissen wir prinzipiell nichts, wenn es zum Beispiel heißt: "Das ist Kaiser Maximilian. Den habe ich, Albrecht Dürer, zu Augsburg hoch oben in seinem kleinen Stübchen konterfeit, als man zählte 1518 am Montag nach dem Fest Johannis des Täufers." Ein unwiderlegbares Zeugnis einer persönlichen Begegnung zwischen zwei der bedeutendsten Menschen ihres Zeitalters, zweifellos! Aber, so schreibt der Autor:

"Und doch wissen wir über deren Verlauf nicht das geringste."

Thomas Schauerte

Eindringlich mahnt Schauerte zu Vorsicht mit Psychogrammen, warnt vor dem Kult, dem Geniekult, der bereits ab dem 19. Jahrhundert die Figur Dürers, der den Weg vom einfachen Handwerker zum freien Künstler nahm, zur Projektionsfläche werden ließ.

"Offenbar ist bei ihm ja offensichtlich alles, was der hergebrachte Geniekult von seinen Helden verlangt, in überreichem Maße vorhanden: Aufstieg aus der Bedeutungslosigkeit zum Weltruhm, Durchbrechen der ständischen Hierarchien, eine idealische Künstlerfreundschaft mit (Willibald) Pirckheimer und die 'Sehnsuchtsreise' des Künstlers nach Italien. Zudem Selbstzweifel, Schaffenskrisen und die intellektuelle Einsamkeit des Pioniers inmitten weiten Neulands. Diese staunenswerte Modernität von Dürers Denken und Schaffen erzeugt unweigerlich ein Nahverhältnis, das – auch und nicht zuletzt – Sympathie hervorrufen kann. Diese Sympathie war eine Voraussetzung dafür, dieses Buch zu schreiben und sie mag auch der Anlass dafür sein es zu lesen."

Thomas Schauerte

Weitere Fragen: Dürers Ehe mit Agnes Frey bleibt "ein Privatissimum". Warum hatte das Paar keine Kinder? Tauschten sich die beiden über künstlerische Probleme aus? Sind Andeutungen über außereheliche Vergnügungen in den Briefen an Pirckheimer aus Venedig wirklich wahrheitsgetreue Schilderungen oder am Ende "verbale Kraftmeierei"? Auch gibt "nicht ein einziges geschriebenes Dokument", wie Schauerte erklärt, Aufschluss über Verlauf und Dauer der ersten Reise nach Venedig. Diese bezeichnet der Autor als einen "biographischen Schemen". 

Fest steht für Schauerte indessen, dass Konrad Celtis, der berühmte Humanist, der in Nürnberg zum Dichter gekrönt wurde, eine viel entscheidendere Rolle in Dürers Leben spielte als bisher angenommen. Er muss Dürers intellektuelle Entwicklung demnach maßgeblich beeinflusst und gefördert haben – stärker als man bislang wusste und vor allem viel früher. Dürer wusste sich schon damals gut zu vermarkten, und Celtis' Ruhm und Beziehungen hat der Künstler wohl auch für das eigene Fortkommen genutzt.

"Es ist leicht vorstellbar, dass es Celtis ist, der den Fürsten (Kurfürst Friedrich III. der Weise von Sachsen) dabei auf den jungen, als Maler noch kaum hervorgetretenen Künstler aufmerksam gemacht hat. Zudem wird für Friedrich, der stets nach ausländischen namentlich italienischen Künstlern Ausschau hielt und der 1493 selbst Venedig besucht hatte, der soeben von dort zurück gekehrte Dürer von einigem Interesse gewesen sein."

Thomas Schauerte

Zwar erklärt der Autor, er habe mit dem Buch das Rad nicht neu erfunden, doch dekliniert er Dürer-Mythen trotzdem neu durch, analysiert, durchleuchtet Rätsel, Spekulationen und Ungereimtheiten und interpretiert Dürer vor allem als Kupferstecher und Grafiker, als beinahe obsessiven Buchillustrator, als Experimentator und letztlich sogar als einen Vorläufer der Abstraktion. 

Info

Wertung: 3 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Dürer – Das ferne Genie" von Thomas Schauerte, Reclam, 290 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-15-010856-7

Thomas Schauerte, der zweifellos zu den profundesten Kennern Albrechts Dürers gehört, wollte eine schlanke Publikation für eine breite Leserschicht schreiben. Das allerdings ist dem Experten nicht ganz gelungen. Denn wer sich nicht schon seit längerem mit Dürer, seinem Leben und Werk beschäftigt hat, mag sich vom ausufernden Kenntnis- und Detailreichtum leicht überfordert fühlen. "Das ferne Genie" kommt uns nicht wirklich näher. Das Buch ist vielmehr eine feinsinnige, akademisch formulierte Biografie, die vor allem die intellektuelle Entwicklung Albrecht Dürers nachzeichnet. Ein Buch, das sich in erster Linie an Spezialisten wendet.


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