Franken - Buchtipps


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Tanja Kinkel Stimmen aus Abenberg

2017 feierte Abenberg eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal war eine Frau Turmschreiberin der mittelfränkischen Kleinstadt, und erstmals auch eine Bestsellerautorin: Tanja Kinkel, die im Turm einen Erzählband geschrieben hat.

Von: Tilla Schnickmann

Stand: 02.08.2019

Gestern auf Burg Abenberg - Blick zum Schottenturm | Bild: Erika Rauh, Nürnberg, 24.06.2019

Majestätisch thront die Burg Abenberg über der Stadt mit Ihren Mauern und Zinnen, in der Mitte ragt der Schottenturm auf. Hier hoch über den Dächern wohnte im Mai 2017 die Autorin Tanja Kinkel, als Turmschreiberin. Die ersten Klänge, die auffallen, sind die Stimmen der Vögel, sagt sie. "Sie sind sehr laut, aber nicht auf unangenehme Weise. Aber man hört es, wenn man da oben im Turm ist", sagt Kinkel.

Blick über Abenberg von der Burg aus

Dohlen und Mauersegler machen die Musik, für das Märchen sorgt aber der Blick. "Wenn man aus dem Fenster raus schaut, kann es sein, dass der Nebel in der Stadt liegt und da sieht man rüber zum Kloster Marienburg und sieht die einzelnen Dächer von Abenberg aus dem Nebel hochsteigen."

Es sei ein wenig ein Mädchentraum gewesen, sagt Kinkel. Mit über 20 vorwiegenden historischen Romanen - der bekannteste "Der Puppenspieler" - und einer millionenfachen Auflage, ist sie ein Schwergewicht des Büchermarktes. Bei den Recherchereisen für ihre vielen Romane hatte Kinkel schon italienische Palazzi, amerikanischen Villen, eine Jurte in der Mongolei bewohnt - doch noch nie einen Burgturm.

Über die Turmschreiber

Seit dem Jahr 2004 lädt der Landkreis Roth zusammen mit dem Förderkreis Burg Abenberg im dreijährigen Turnus einen Turmschreiber in die Burg Abenberg ein. Einen Monat lang wohnen die Autoren im Schottenturm der Burg und können sich dort inspirieren lassen. Am Ende soll den Aufenthalt eine Veröffentlichung, ein Buch krönen.
Reinhard Knoth, Gerd Scherm, "Käpt'n-Blaubär"-Autor Bernhard Lassahn und Klaus Gasseleder sind schon in die Burg eingezogen. Der letzte Aufenthalt im Jahr 2017 war allerdings eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal lebte mit der in Bamberg geborenen und in München lebenden Autorin Tanja Kinkel eine Frau, und zum ersten Mal eine Bestsellerautorin im Turm.
In diesem Frühjahr ist nun der Erzählband der Turmschreiberin erscheinen: "Stimmen aus Abenberg".
Nächster Abenberger Turmschreiber wird übrigens der in Nürnberg lebende Autor Leonhard F. Seidl.

Ins kleine Abenberg im Landkreis Roth mit seinen 5.500 Einwohnern kam die gebürtige Bambergerin, die jetzt in München lebt, mit großer Offenheit: "Ich hatte noch keinen Plan, als ich hergekommen bin." Die Bücher ihrer Vorgänger, der anderen Turmschreiber, hat sie gelesen und dabei viele Erlebnisberichte entdeckt. Sie wollte dagegen "etwas anderes, Neues machen. Plus, mein Ansatz als Autorin von vornehmlich historischen Romanen ist der der Recherche."

Durch Wanderungen erschloss sie sich Stadt und Umland und recherchierte in Archiven und Bibliothek. Vor allem aber suchte sie Kontakte zu Menschen, die ihr aus der Abenberger Geschichte berichten konnten, ob als Fachleute oder persönlich Betroffene.

Kinkel sammelt in ihrem Erzählband "Stimme aus Abenberg" Geschichte aus vielen Jahrhunderten, sie reichen vom 12. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Immer haben sie einen historischen Kern.

So imaginiert die Geschichte "Gründerinnen" die Anfänge des Abenberger Klosters Marienberg durch zwei verwitwete und gewitzte Nürnbergerinnen im Jahr 1488. "Rückkehr" ist die Geschichte des Juden Hanno Herrschel, der seine Liebe und Heimat verlassen musste und nun erstmals nach Kriegsende nach Franken zurückkehrt. Und in "Vorstellung" wird der fränkische Schwiegersohn türkischen Eltern in Abenberg vorgestellt.

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Tanja Kinkel: Stimmen aus Abenberg. Eigenverlag des Landkreises Roth, 141 Seiten. 11,80 Euro, ISBN 978-3-9815571-6-9. Kann über das Landratsamt Roth bezogen werden.

"Stimmen aus Abenberg" - übrigens der erste eigene Erzählband von Kinkel - spiegelt ihre typische Herangehensweise wieder: historische Recherche, Entwickeln von fiktionalen Figuren und Einzelschicksalen - doch statt auf 800 Seiten wie in ihren Romanen, hier auf knapp 20 Seiten pro Geschichte.

Vielleicht ist es nicht ihre Paradedisziplin, denn ein wenig fehlen den Kurzgeschichten echte Dichte und sprachliche Pointiertheit. Doch sind die Erzählungen ein buntes Kaleidoskop der Geschichte: mal ergreifend, mal informativ, und in jedem Fall ein unterhaltsamer Schlüssel zu den historischen Ereignissen. In jedem Fall sind sie lesenswert und strahlen aus dem Schottentum der Burg weit über Abenberg hinaus.


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