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Philip Krömer Ein Vogel ist er nicht

Philip Krömer gehört zu den interessantesten Neuentdeckungen der fränkischen Literaturszene. Nach "Ymir" kommt nun "Ein Vogel ist er nicht": eine Sammlung mit humorvollen Lügengeschichten über historische Personen.

Von: Dirk Kruse

Stand: 18.02.2020 | Archiv

Was wäre, wenn Vincent van Gogh sich sein Ohr nicht im Wahn abgeschnitten, sondern es bei einem Unfall verloren hätte, als er gerade das Bungee Jumping erfand? Was wäre, wenn Napoleon die Schlacht bei Waterloo nur verloren hätte, weil ihm eine kleine Blume aus der Stirn wuchs? Und was wäre, wenn die von ihrer Ehe genervte Kaiserin Sissi den bayerischen Märchenkönig Ludwig II. dazu gedrängt hätte, zeitweise ihre Rollen zu tauschen? Das sind einige Fragen, die den Erlanger Autor Philip Krömer umtrieben und auf die er bizarr humorvolle Antworten fand.

"Bis Ludwig sie aber gefunden, eingefangen, entkleidet hat und wieder in seine eigene ungemütliche Rolle geschlüpft ist, hatte Sissi Gelegenheit, den Bau von Neuschwanstein anzustoßen, neue Blumen für seine Parkanlagen zu ordern und seine komplette Garderobe gegen eine aus Samt, Seide und auf Hochglanz poliertem Leder auszutauschen. Er wird aussehen wie ein Clown!"

Zitat aus 'Ein Vogel ist er nicht'

Sissis Mordkomplott gegen Ludwig II.

Die absurd komische Sissi und Ludwig-Geschichte erklärt sogar einleuchtend, warum der rätselhafte Tod des Märchenkönigs nur ein Mordkomplott der Kaiserin gewesen sein kann. Und das Verblüffende: So an den Haaren herbeigezogen scheint das Ganze nicht. Denn was wissen wir schon wirklich von Sissi und Ludwig, sagt Philip Krömer.

"Der Gedanke dahinter war natürlich: Wir meinen, diese Personen, diese historischen Figuren, zu kennen, verlassen uns aber hauptsächlich auf die Bilder im Kopf, die wir haben. Das ist einmal König Ludwig, der an seinen Aufgaben leidet und ganz andere Interessen hat. Hauptsächlich auch vermittelt durch Karl Mays Trash-Roman über ihn. Und bei Sissi sind es selbstverständlich diese Filme, die an Kitsch nicht zu übertreffen sind, finde ich."

Philip Krömer

Literarischer Beitrag zur Fake-News-Debatte

Denn diese Bilder der Popkultur decken sich nicht mit dem, was die Historiker über Sissi und Ludwig herausgefunden haben. Philip Krömer legt diese beiden Folien übereinander und schafft etwas Neues daraus: nämlich glaubwürdige Lügengeschichten. Umschreibungen nennt der Erlanger Autor deshalb seine Erzählungen und liefert damit auch einen literarischen Beitrag zur Fake-News-Debatte.

"Ich glaube, das ist etwas, das zurzeit jeden beschäftigt. Welchen Informationen kann ich überhaupt noch trauen? Wenn ich irgendwo ein Video sehe, ist dann das Gesicht auf einen fremden Körper montiert? Ist alles automatisiert, welche Informationen ich überhaupt aufbereitet bekomme? Und dieses Verlangen nach einem absolut glaubwürdigen, verifizierbaren Wissen hat, glaube ich, jeder von uns. Und damit spiele ich natürlich auch."

Philip Krömer

Leerstellen der Geschichte mit eigenen Ideen gefüllt

In seinen ebenso intelligenten wie unterhaltsamen Erzählungen greift sich Philip Krömer Aspekte der Kultur-, Literatur- oder Weltgeschichte und schreibt sie um. Der Autor recherchiert intensiv, nimmt die bekannten Fakten, findet die Leerstellen und füllt sie mit phantastischen Ideen auf. So auch in der Geschichte über das kurze Leben des Schriftstellers Edgar Allan Poe und seinen einzigen Roman „Die denkwürdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym“.

"Da gehen die Meinungen sehr weit auseinander bei der Bewertung dieses Romans, weil er voller Fehler ist. Man fragt sich bis heute: War Poe so genial, dass er schon moderne Erzähltechniken benutzt hat und sich über die Abenteuerromane seiner Zeit lustig gemacht hat oder war er einfach mit dem Stoff überfordert? Dazu kommt, dass Poe unter sehr umstrittenen Umständen ums Leben gekommen ist. Ich phantasiere jetzt aus in meiner Geschichte: Was wäre, wenn er seinen Tod bloß vorgetäuscht hätte und der 'Pym' gar kein umstrittener Roman ist, sondern ein tatsächlicher Erlebnisbericht."

Philip Krömer

Info & Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Philip Krömer: Ein Vogel ist er nicht, Neun Umschreibungen, mit Schwarzweißbildern von Florian L. Arnold, Ulm 2019, Topalian & Milani Verlag, 224 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-946423-09-6

Das ist alles andere als L’art pour l’art oder ein großer literarischer Jux. Es hat Relevanz. Philip Krömer schreibt eine anspruchsvolle, aber süffige Prosa, die phantasievoll mit alten Stilen spielt und sich wohltuend vom lakonischen Ton vieler junger Autoren abhebt. Sie ist zudem genau gearbeitet in Klang, Rhythmus und Form. Und sie steht in der Tradition so bedeutender Humoristen wie Ror Wolf, Urs Widmer, Wolfgang Hildesheimer oder Arno Schmidt. Philip Krömer gelingt es sogar mit nur einem einzigen Satz Mythen und Geschichte umzuschreiben.

"Tatsächlich war es so, dass Nero, weil er nämlich fürchterliche Angst allein im Dunkeln hatte, wieder einmal über Nacht die Kerzen brennen ließ, und alles Weitere ist bloße Unterstellung."

Zitat aus 'Ein Vogel ist er nicht'

Eine der Schwarzweiß-Zeichnungen im Buch

Philip Krömers "Ein Vogel ist er nicht" ist außerdem ein hervorragend gestaltetes und wirklich schönes Buch. Florian L. Arnold hat die neun Erzählungen mit surrealistischen Schwarzweiß-Bildern kongenial illustriert. Junge Literatur, die aufhorchen lässt.


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