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Helmut Haberkamm Das Kaffeehaus im Aischgrund

Als Dialektpoet ist Helmut Haberkamm berühmt geworden. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Zwar in Hochdeutsch geschrieben, aber durch und durch fränkisch. Er heißt "Das Kaffeehaus im Aischgrund" und setzt seiner Heimatregion ein literarisches Denkmal. Von Dirk Kruse

Von: Dirk Kruse

Stand: 26.10.2016 | Archiv

Buchcover: Helmut Haberkamm - Das Kaffeehaus im Aischgrund | Bild: ars vivendi Verlag / Bild: BR-Studio Franken

Im Herbst 1867 kehrt der nach Amerika ausgewanderte Michael Wegmann in das Dorf seiner Kindheit im mittelfränkischen Aischgrund zurück. Der durch Fleiß und Glück zu einigem Wohlstand gekommene Wegmann hat einen Traum. Er will mitten in der Provinz, in seinem Geburtsort Peppenhöchstädt, ein Kaffeehaus errichten.

Beharrlich und gegen alle Widerstände setzt er seinen Plan um und schafft dort eine Stätte der Begegnung und Bildung, der Gaumenfreude und Kultur für alle Stände. Ein Ort, an dem beflügelt vom Kaffeegenuss vor allem Geschichten erzählt werden.

Den Mann gab es wirklich. Es ist der Ururgroßvater des Autors, von dem ihm seine Oma anschaulich erzählt hat. Doch das Kaffeehaus ist Helmut Haberkamms Erfindung.

"Mich hat diese Geschichte immer fasziniert. Warum ist der rüber? Warum ist er wieder heim? Das hat mich nicht losgelassen. Und meine Oma war eine große Geschichtenerzählerin. Da kam in mir die Idee, einen Ort zu schaffen, den es so noch gar nicht gegeben hat. Und wenn es ihn nur in einem Buch gibt. Also einen Ort, der erfunden ist, aber gleichzeitig eine große Sogwirkung für viele Geschichten hat, die sich da anbinden und quasi eine Art Heimat für eine bestimmte Gegend, einen bestimmten Menschenschlag und die Geschichte einer Region mit einer eigenen Sprache und einem eigenen Erzählstil darstellt. Die unverwechselbar ist, eindeutig auf diese Region zuortbar und gleichzeitig aber auch etwas Eigentümliches und Merkwürdiges im besten Sinne hat. Diese Idee ist mir vorgeschwebt. Und dann habe ich es einfach probiert."

Helmut Haberkamm

"'Ach es geht doch nix über an gscheiten Kaffee!', sinnierte meine Oma. In ihrem Mund war eine Tasse Kaffee immer 'a Däßla', 'a Schälla' oder 'a Häferla', und in diesen Bezeichnungen liegt etwas unsagbar Gemütvolles und Seelenwarmes. Seitdem liebe ich die alten Ausdrücke, die wie der Kaffee für mich zum Inbegriff der Erquickung und Besonderheit wurden."

Zitat aus dem Roman

Wer einen historischen Roman mit ausgefeiltem Plot und einer spannenden Familiengeschichte erwartet, der dürfte enttäuscht werden.

Hier wird keine stringente Erfolgsstory erzählt, sondern eine ganze Landschaft mit ihren typischen Bewohnern, mit Hauptfiguren und jeder Menge Nebenfiguren. Ein Roman, in dem sich Geschichten, Erlebnisse, Anekdoten und Sagen wie Perlenschnüre aneinanderreihen.

"Meine Idee war ja ein Episodenroman wie beim mündlichen Erzählen, bei dieser Oraltradition, wo dauernd etwas Neues hineinkommt, was die Araber ja sehr gut können. Man denke an Scheherazade oder die Südamerikaner. Das hat mich schon immer fasziniert, weil meine Oma im Prinzip ähnlich erzählt hat. Und im Dialekt erzählt man ja auch so. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste, kommt wieder zurück, dann fällt einem wieder etwas anders ein. Und so erzählen wir uns ja auch Leben und Geschichte und Gesellschaft."

Helmut Haberkamm

Dass die Geschichte vom Kaffeehaus im Aischgrund ihren unwiderstehlichen Sog entfaltet, liegt vor allem an der kunstvollen, aber dennoch leicht zu lesenden Sprache Haberkamms. Er schreibt Hochdeutsch, benutzt den Dialekt sparsam, lässt aber das Fränkische in Rhythmus und Syntax anklingen.

Als Jean Paul-liebender Wörtersammler und -jäger trüffelt der Autor seinen Text mit altertümlichen Begriffen aus Ackerbau oder Viehzucht und Wortneuschöpfungen wie "Handfreude" oder "herzflügelleicht".

Und er rührt - ganz unzeitgemäß - eine wahre Flut von Adjektiven hinein.

"Ich liebe Adjektive. Und eines meiner Ziele beim Schreiben dieses Romans war auch diese kleine Provinz in ihrer Fülle und in ihrem Reichtum zu zeigen. Auch das zu feiern, was in so einer kleinen Gegend, in einem abgelegenen kleinen Ort alles drinstecken kann an Geschichte, an sinnlichen Wahrnehmungen, an Gerüchen, an Gewächsen, die da auf den Feldern und im Wald überall vorkommen. Auch das Schöne dort zu zeigen. Aber dann eben auch das Bittere und das Leidvolle, und das auszukosten."

Helmut Haberkamm

Info & Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Helmut Haberkamm: Das Kaffeehaus im Aischgrund, Cadolzburg 2016, Ars Vivendi Verlag, 320 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-86913-721-6

Durch Haberkamms sinnliche, eigenwillige Sprache, die einen ganz eigenen Sound hat, entwickelt er in zahlreichen Episoden einen historischen Heimatroman mit einer schönen Utopie. Er hat die geschichtlichen Hintergründe in fast zwanzigjähriger Arbeit an dem Buch intensiv recherchiert und sein profundes Wissen über das Leben der Altvorderen im Aischgrund organisch miteinfließen lassen. In diesem gehaltvollen, sanft dahinfließenden Roman beweist der Autor, dass selbst der kleinste Ort groß genug sein kann, um eine ganze Welt darzustellen. Und wer weiß, vielleicht wird Helmut Haberkamms Peppenhöchstädt ja einmal das, was Thomas Hardys Wessex und William Faulkners Yoknapatawpha County heute schon sind: Heimatorte der Weltliteratur.

"Die innere Stimme einer Landschaft kann man hören, den Geist eines Ortes spüren. Ihre Geschichten können uns verwandeln. In jedem Augenblick kannst du ein neues Ufer betreten. Jeder Schritt findet Grund genug für goldenen Boden."

Zitat aus dem Roman

Stichwort: Helmut Haberkamm

Franken lichd nedd am Meer. Dieser Satz ist in Franken mittlerweile sprichwörtlich geworden. Erfunden hat ihn der 1961 im mittelfränkischen Aischgrund geborene Bauernsohn Helmut Haberkamm. Es ist der Titel seines ersten Gedichtbandes, der 1992 erschien. Seitdem hat sich Helmut Haberkamm, der kürzlich erst zum "Künstler des Monats" gewählt wurde, als einer der vielseitigsten Mundartdichter und Theaterautoren einen Namen gemacht. Doch jetzt hat der Dialektpoet seinen ersten Roman veröffentlicht. Zwar in Hochdeutsch geschrieben, aber durch und durch fränkisch. Mit "Das Kaffeehaus im Aischgrund" setzt er seiner Heimatregion ein literarisches Denkmal.


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Hans E. Oertel, Montag, 09.Januar, 12:53 Uhr

2. "Das Kaffeehaus im Aischgrund" von Helmut Haberkamm

Obwohl ich aus Nürnberg stamme, fühlte ich mich bei der Lektüre schnell "daham" in diesem "Kaffeehaus", einfach dazugehörig zu diesen Romanfiguren und sauwohl in dieser Landschaft. Es ist ein Genuss, von Haberkamms facettenreichem Sprachkunstwerk vereinnahmt zu werden. Das soll aber nicht heißen, dass wir hier in eine unglaubwürdige, rührselige Idylle entführt werden um der harten Wirklichkeit zu entfliehen. - Ein großartiges Buch!

Werner Stöcker Bürgermeister der Gemeinde Uehlfeld, Mittwoch, 26.Oktober, 21:21 Uhr

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Peppenhöchstädt ist einer von sieben Ortsteilen der Gemeinde Uehlfeld. Als Bürgermeister konnte ich es nicht lassen mir das Buch sofort zu kaufen, und in kurzer Zeit auch zu lesen. Helmut Haberkamm hat es vorbildlich verstanden die Region, und auch den Weg von der Bahnstation von Neustadt Aisch in den Aischgrund nach Peppenhöchstädt, zu beschreiben. Diese Wegbeschreibung ist wie ein Film vor mir abgelaufen. Die Gegend um Peppenhöchstädt mit den Nachbarortschaften, die vielen regionalen Ereignisse der letzten Jahrhunderte und das Verhalten der Menschen in der Region, zu bestimmten geschichtlichen Veränderungen, sind sehr gut getroffen.
Die letzten achtzig Jahre sind kürzer beschrieben, doch Herr Haberkamm ist ja noch jung. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er sicherlich noch mehr aus unserer Region bringen. Ich bedanke mich bei Herrn Haberkamm, dass er für das " Kaffeehaus " den Aischgrund und noch dazu unsere Gemeinde ausgewählt hat. Geschichten spiegeln meist die Geschichte ??.