Franken - Buchtipps


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Thomas Kraft Jakob Wassermann Biografie

Neben Hermann Hesse und Thomas Mann zählte Jakob Wassermann Anfang der 1930er-Jahre zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Anlässlich seines 75. Todesjahres, hat der in Bamberg geborene Autor Thomas Kraft, die erste umfassende Wassermann-Biographie vorgelegt.

Von: Dirk Kruse

Stand: 04.11.2009

Buchcover: Jakob Wassermann, Thomas Kraft | Bild: Emons Verlag

Der 1873 in Fürth geborene Schriftsteller Jakob Wassermann war im letzten Jahrzehnt des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik ein Bestsellerautor. Mit Romanen wie "Caspar Hauser", "Der Fall Maurizius" oder "Die Juden von Zirndorf" erreichte er hohe Auflagen. Vor ein paar Jahren noch war der 1934 in Altaussee gestorbene Autor ziemlich vergessen. Doch mittlerweile gibt es bei dtv wieder einige seiner Romane zu kaufen, und anlässlich seines 75. Todesjahres, hat der in Bamberg geborene Autor Thomas Kraft, ebenfalls bei dtv die erste umfassende Wassermann-Biographie vorgelegt.

"Der neue Wassermann ist eingetroffen!" Mit diesem Schlachtruf stürzten die Leser in die Buchhandlungen und schnappten sich den neusten Roman des fränkischen Autors gegenseitig aus den Händen, versichert ein Rezensent 1931. Neben Hermann Hesse und Thomas Mann, zählte Jakob Wassermann damals zu den meistgelesenen deutschen Autoren. Er schrieb unterhaltsame Romane, ohne ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Thomas Kraft schildert Jakob Wassermann in seiner Biografie als einen geselligen Menschen und begnadeten Erzähler, der in Gesellschaft zur Hochform auflaufen konnte. Er war ziemlich selbstsüchtig, für seinen Verleger ein harter Verhandlungspartner, ein leidenschaftlicher Schürzenjäger, aber auch ein hilfsbereiter Kamerad. Mit vielen großen Autoren seiner Zeit war er eng befreundet: mit Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Alfred Döblin und Thomas Mann, der Jakob Wassermann als den "Weltstar des Romans" bezeichnete.

"Thomas Mann kannte er aus der Zeit beim Simplicissimus, als Thomas Mann noch vollkommen unbekannt war. Das Verhältnis war durchaus ein ambivalentes über all die Jahre. Thomas Mann hat es schon verstanden den Konkurrenten auch immer ein bisschen in Schach zu halten. Trotzdem hat er auch viel für Wassermann getan. Man ist zusammen in den Urlaub gefahren, zum Skifahren. Es gab immer herzliche Verbindungen, aber im Geschäft wurden auch mal die harten Bandagen ausgepackt."

Thomas Kraft

So ganz ernst nahmen die Freunde den sozialen Aufsteiger aus der fränkischen Provinz nicht immer, erläutert Thomas Kraft. Man mokierte sich über seine Aussprache, seine Seitensprünge, seinen zwar urwüchsigen aber auch zur Kolportage neigenden Schreibstil und neidete ihm mitunter den Erfolg. Im Grunde genommen blieb Wassermann ein Außenseiter. Auch unterschwelliger Antisemitismus spielte da wohl vielfach eine Rolle. Wassermann spürte das. In seiner schmalen Autobiographie "Mein Weg als Deutscher und Jude", seinem vielleicht besten Buch, beschrieb er schon Anfang der 20er-Jahre sehr hellsichtig den täglichen Judenhass und die Unmöglichkeit trotz aller Integrationsanstrengungen als Deutscher akzeptiert zu werden. Immer wieder thematisierte Wassermann in seinen Romanen und Erzählungen die fränkische Heimat, auch wenn seine Geburtsstadt Fürth, in der er die ersten 16 Jahre seines Lebens verbrachte, nicht immer gut wegkam: "Dies Fürth ist doch eine hässliche Stadt", ließ er eine Figur in der Novelle "Schläfst du, Mutter?" sagen und bezeichnete sie später als "Stadt der tausend Schlöte", so Thomas Kraft.

"Hier gab es einfach viele Schlöte. Da hat er ja nichts falsch berichtet, falsch dargestellt. Man muss bedenken, dass er ja eine Kindheit hatte, die nicht sehr freudvoll war. Er litt unter seiner Stiefmutter, die seine ersten Schreibversuche verhindert hat. Sein Vater war relativ streng, seine Mutter war früh gestorben. Das waren alles unerquickliche Lebensumstände, auch ökonomisch und sozial bedrängt, isoliert im sozialen Geflecht. Trotzdem hätte er seine Heimatstadt nicht so geschildert, wie er es getan hätte, wenn er sie in Bausch und Bogen verdammt hätte. Das wäre ein falscher Eindruck."

Thomas Kraft

Wenn der Blick auf Fürth nicht immer so innig war, so war es der Blick auf Nürnberg umso mehr. In "Das Gänsemännchen" beschrieb Wassermann sie als Kunst- und Kulturstadt. Auch Ansbach kam gut weg, und immer wieder auch die fränkische Landschaft. In einem Brief an seine Frau Julie geriet er über sie richtig ins Schwärmen.

"Und dann die Laubwälder, durch die wir fuhren, mit ihren herbstlich brennenden Gipfeln, das welke, rote Laub am Boden, auf dem die Räder ein Geräusch machten, wie wenn man über frische Semmeln fährt, die stillen Bäche, die klare, ferne Luft, der ganze Horizont, wie bestäubt mit Häusern, Dörfern, Weilern, wirklich, aus diesem Land darf ich mich nicht losreißen, zu ihm muss ich immer wieder zurück."

Thomas Kraft

Info und Bewertung:

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Thomas Kraft: Jakob Wassermann. München 2008, dtv premium, 260 Seiten, einige Abbildungen, 14.90 Euro, ISBN 978-3-423-24705-4

Thomas Kraft gelingt eine wissenschaftlich fundierte, gleichzeitig gut lesbare Betrachtung eines bemerkenswerten Schriftstellerlebens. Er präsentiert uns Jakob Wassermann als ehemals erfolgreichen Autor, als jemanden, der mit einem Bein im 19. Jahrhundert und mit dem anderen in der literarischen Moderne steht, als einen wichtigen Schriftsteller aus Franken und als Menschen, der in seinem Bemühen zwischen Judentum und Deutschsein die Brücke zu schlagen eine gewisse Tragik verkörpert.

Weitere Literaturtipps:

Nach der Lektüre dieser erhellenden Biografie sollten dann unbedingt einige Wassermann-Bücher drankommen. Thomas Kraft empfiehlt:

  • die Autobiographie "Mein Weg als Deutscher und Jude"
  • "Die Juden von Zirndorf"
  • die Novelle "Der Aufruhr um den Junker Ernst"
  • der Roman "Der Fall Maurizius"

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