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Uli Paulus Aller Tod will Ewigkeit

Uli Paulus, gebürtiger Heidenheimer, studierter Schlagzeuger, Sprachwissenschaftler und Philosoph, wohnhaft in Nürnberg: "Aller Tod will Ewigkeit" lautet der Titel seines neuen Buches. Tobias Föhrenbach hat es gelesen.

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 21.12.2019

Buch-Cover "Aller Tod will Ewigkeit" | Bild: grafit-Verlag

Wie sagte Mr. Kriminalroman Alfred Hitchcock einmal? "Spannung ist Kaugummi fürs Gehirn." Ein Suchtmittel also, ein belebendes, beatmendes Element, anregend und wirkungsvoll zugleich. Kauen wir also Uli Paulus neuen Roman mal durch.

Und um gleich noch ein weiteres unliebsames Neben-Detail abzuhaken, wird der Thriller "Aller Tod will Ewigkeit" vom Verlag aus medienwirksam angekündigt – auf Youtube zum Beispiel mit martialischer Horror-Musik. Braucht's alles nicht. Das schon mal vorweg: Der Roman schafft die Spannung ganz alleine.

"Jäger trabte zur Terrasse, wo er stets seine Dehnübungen machte. Dann blieb er abrupt stehen. Zwischen zwei himmelwärts strebenden Pappeln, welche die Terrasse des dreistöckigen Hauses flankierten, hing in etwa fünf Meter Höhe ein leblos wirkender Körper. Männlich, nackt, voller Blut. War das ein Mensch? Ein Kunstobjekt? Der Teil eines Bühnenbilds? Vor der Silhouette der schlafenden Berge und dem sich mit erstem Morgenlicht tränkenden Horizont wirkte dieser Anblick wie das Szenenbild aus einer Wagner-Oper. Der Körper war an beiden Armen mit je einem stramm gespannten Seil fixiert. Er hing da wie gekreuzigt."

aus 'Aller Tod will Ewigkeit'

Ein Thriller-Auftakt nach Maß. Ein erfolgreicher Schweizer Rohstoffhändler wird ermordet und öffentlichkeitswirksam vor der ehemaligen Residenz Richard Wagners am Vierwaldstätter See aufgehängt. Und für einen Thriller üblich gibt's auch gleich was zum Miträtseln, denn besonders ominös an diesem Leichnam ist das in den Körper eingeritzte Z.

Ok, bis hierhin nichts Neues – schon oft da gewesen. Serienmorde mit Zeichen und Hinweisen, die dann immer stärker in den Mittelpunkt treten und gen Ende aufgelöst werden. Autor Uli Paulus bleibt sich damit treu, denn in seinem Vorgänger- und Debütroman "Schattengott" waren es ebenfalls Worte und Botschaften, die es zu entschlüsseln galt. Und da sind wir bei der Protagonistin der Geschichte, Sabina Lindemann. Eine unterhaltsame Mischung, mit Platz für Tiefgang und Dialoge voller Schlagfertigkeit. Mit ihr erlebt der Leser eine Achterbahnfahrt der Gefühle. In vielerlei Hinsicht.

"Mit ihren türkisfarbenen Augen hatte Sabina die Männer schon immer in Ihren Bann gezogen. Und auch die blonden Haare funktionierten bei den meisten. Dieser hier hatte Charme. Er hatte Witz. Er sah blendend aus. Für Sabina bestand kein Zweifel daran, dass die Konversation im Bett enden würde. (…) Warum hatte er sich zu dieser App angemeldet? Hatte er nicht vorher etwas von Kindern gesagt?"

aus 'Aller Tod will Ewigkeit'

Man kann, man muss diese Protagonistin nicht ständig gut finden, aber sie besitzt Ecken und Kanten, schlussfolgert intelligent und lässt sich gerne auch mal vom Bauchgefühl leiten. Sie ist menschlich, ehrlich, geistreich, mal einfach gestrickt und mal komplex. Die Seiten mit Ihr lesen sich schnell und sorgen für genügend Abwechslung.

Zu einfach jedoch macht es sich Uli Paulus, wenn Sabina Lindemann an der Aufklärung der Verbrechen teilnimmt. Der Zufall ist leider zu häufig im Spiel.

Sie lässt sich auf eine Beziehung zu einem Mann ein, der zufällig der leitende Ermittler der Mordserie wird, zufällig kann bei einem der Morde ihr Bruder Tom in Hamburg mit wichtigen Szene-Insider-Informationen aufwarten, zufällig trifft sie bei einem Fest in ihrer Heimat Graubünden auf Personen, die noch eine entscheidende Rolle spielen werden und zufällig gibt es auch noch Verstrickungen, die weit in Sabinas Familienstammbaum zurückreichen.

Man könnte sagen, dass die Handlungsstränge zwar gut miteinander verwoben sind, die Knoten, die das Ganze zusammenhalten, bleiben aber etwas zu einfach und locker. Macht einem die Methode Zufall jedoch nichts aus, dann hat man große Freude daran, wie und wo die Protagonistin so alles herumkommt und mit welchen Fragen sie die Ermittlungen voranbringt.

Was macht den Menschen zum Menschen? Nein, das ist keine weitere Frage der Ermittlerin Sabina. Das ist die philosophische Frage, die in diesem Kriminalroman ständig gestellt wird, auf unterschiedlichste Weise. Die kunstvoll inszenierte Mordserie löst bei den Beteiligten immer wieder intelligente, teils heftige Debatten aus. Und als Leser kommt man kaum zum Durchatmen, denn ständig lauern neue, heikle Themen, vielleicht schon hinter dem nächsten Zeilensprung.

Das Buch strotzt nur so von Themen, zu denen man selbst Stellung beziehen kann, und kann man es nicht, so vielleicht wenig später am Ende eines Kapitels, denn Uli Paulus legt den Personen Pro und Kontra in den Mund. Es geht um Kapitalismuskritik, es geht um Menschenrechte, Ethik, Tierhaltung, es geht um Liebe und Fürsorge, es geht um Verantwortung, um Künstliche Intelligenz. Die großen, gesellschaftlichen Fragen werden gestellt.

Info und Bewertung

Wertung: 4 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Aller Tod will Ewigkeit" von Uli Paulus, 284 Seiten, 12 Euro. ISBN 978-3-7408-0669-9

Gewürzt wird das Ganze mit einer guten Portion Philosophie und Provokation à la Friedrich Nietzsche und auch die Kunst bekommt ihren Raum, zum Beispiel die Musik von Richard Wagner. Bei weniger als 300 Seiten alles vielleicht ein bisschen arg viel auf einmal, weniger wäre vielleicht auch hier etwas mehr gewesen.

Aber der gut recherchierte und dennoch fiktive Krimi nimmt Fahrt auf und spinnt einen atemlosen Plot mit aktuellen, durchaus realen Bezügen. Parallel dazu wird eine zweite Geschichte etabliert, angesiedelt in Deutschland zur Zeit des sogenannten Dritten Reiches. Rückblenden, die einen sprachlos zurücklassen, dann etwa, wenn es um das Euthanasieprogramm des NS-Regimes und um die Ansichten zum arischen Übermenschen geht.


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