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Philipp Gut Jahrhundertzeuge Ben Ferencz

Heute wird Benjamin Ferencz 100 Jahre alt. Mit 27 war er der Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, bis heute ist er ein leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Der Historiker Philipp Gut hat mit "Jahrhundertzeuge Ben Ferencz" eine beeindruckende Biographie geschrieben.

Von: Dirk Kruse

Stand: 11.03.2020

Benjamin Ferencz ist ein kleiner und zierlicher Mann, doch er gehört zu den ganz Großen. Er ist eine internationale Berühmtheit, die Rechtsgeschichte geschrieben hat. Geboren wird er am 11. März 1920 in Siebenbürgen. Weil seine Eltern antisemitischen Angriffen ausgesetzt sind, wandert die Familie in die USA aus. In New York wächst Ben in verrufenen Stadtteilen wie der Bronx und Hell's Kitchen auf.

Ben Ferencz im Alter von 8 Jahren

"Ich lebte in einer Atmosphäre aus Armut und Kriminalität in einem buchstäblich kranken Untergrund. Wir wohnten im Keller. Die Fenster lagen knapp oberhalb der Erde. Ich glaube, dass diese Verhältnisse mich sehr früh auf die Idee brachten, Anwalt zu werden. Ich wusste zwar nicht, was ein Anwalt ist, aber ich wusste, dass es das Gegenteil eines Kriminellen ist. Und ich beschloss, dass ich besser dran bin, wenn ich kein Krimineller werde."

Ben Ferencz

Die Armut ist drückend, doch Benjamin Ferencz ist begabt. Er überspringt mehrere Schulklassen, bekommt Stipendien für College und Universität und schließt 1943 sein Jurastudium an der Harvard Law School ab. Dann wird er eingezogen und als Soldat in den Krieg nach Europa geschickt.

Ben Ferencz im Nürnbeger Justizpalast

Als Jurist kommt er in die neugegründete Abteilung für Kriegsverbrechen und untersucht die befreiten Konzentrationslager. Er ist einer der ersten, der die schrecklichen Zustände in Flossenbürg, Buchenwald oder Mauthausen sieht und dort ermittelt. Dann darf er in die USA zurück. Doch bereits 1946 kehrt Ferencz nach Deutschland zurück, um für das Militärtribunal in Nürnberg zu arbeiten. In Berlin entdeckt sein Team Geheimakten der SS über die Mordtaten in der Sowjetunion.

"Mir war sofort klar, dass es sich um Massenmord in nie gekanntem Ausmaß handelte. Ich nahm mir eine kleine Rechenmaschine und begann zu addieren wie viele hier, wie viele dort umgebracht waren. Als ich bei einer Million angekommen war, sagte ich: Das reicht."

Benjamin Ferencz

In dem daraus folgenden "Einsatzgruppenprozess" gegen hochrangige SS-Führer wird Benjamin Ferencz mit erst 27 Jahren zum Chefankläger ernannt. Bis heute gilt dieser Prozess im Nürnberger Schwurgerichtssaal 600 als größter Mordprozess der Geschichte. Ende September 1947 hält er dort das Eröffnungsplädoyer.

"Rache ist nicht unser Ziel. Noch suchen wir bloß nach einer gerechten Vergeltung. Stattdessen bitten wir dieses Gericht durch die Anwendung des internationalen Strafrechts das Grundrecht auf ein Leben in Friede und Würde zu bekräftigen. Unabhängig davon, welcher Rasse oder welchem Glauben ein Mensch angehört."

Benjamin Ferencz 1947 in Nürnberg

Die Siegermächte schufen mit den Nürnberger Prozessen Völkerrecht, doch an einen internationalen Strafgerichtshof ist während der Zeit des Kalten Krieges nicht zu denken. Aber Benjamin Ferencz gibt nicht auf für den Weltfrieden zu arbeiten, egal ob er sich um ein Abkommen zur Entschädigung jüdischer Naziopfer kümmert oder die USA öffentlich wegen des Vietnamkriegs kritisiert.

"Wenn Land A Land B angreift, ohne im Krieg mit ihm zu sein, ohne sich verteidigen zu müssen und ohne sich an den Weltsicherheitsrat zu wenden, dann ist das eine Verletzung der UN-Charta und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bestrafen. dabei ist es mir egal, wer A und wer B ist. Das kann Israel sein, oder Amerika oder sonst jemand. Es geht ums Prinzip. Das Gesetz muss für jeden gleichermaßen gelten."

Benjamin Ferencz

Benjamin Ferencz schreibt wichtige Bücher, in denen er beharrlich für die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs eintritt. 1998 wird seine Vision schließlich Wirklichkeit. In Den Haag wird er gegründet und Ferencz ist als Ehrengast mit dabei.

Ben Ferencz mit Buchautor Philipp Gut

"Sieg würde bedeuten, dass sie ihre Gewehre niederlegen. Davon sind wir weit entfernt. Wir haben also nur einen kleinen Schritt auf einer langen Reise geschafft. Trotzdem haben wir kräftig gefeiert, denn es hätte auch schlecht ausgehen können."

Benjamin Ferencz

Info und Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

"Jahrhundertzeuge Ben Ferencz: Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit" von Philipp Gut, Piper-Verlag, 352 Seiten mit zahlreichen Fotos, 24,90 Euro. ISBN 978-3-4920-5985-5

Dieses erstaunliche Leben des Ben Ferencz, dem unermüdlichen Streiter für Recht und Frieden, hat sein Biograph Philipp Gut mit Sachkenntnis und Empathie aufgeschrieben. Ein aufwühlendes Buch, das Mut macht. Der Portraitierte äußerte gegenüber seinem Biographen die Hoffnung, dass dieses Buch die Leser "informieren, unterhalten und inspirieren" wird. Das tut es auf jeden Fall. Benjamin Ferencz ist ein Vorbild.


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