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Bernd Greiner Henry Kissinger – Wächter des Imperiums

Der 1923 in Fürth geborene Henry Kissinger war US-Sicherheitsberater und Außenminister. Den einen gilt er als Machtpolitiker und Kriegsverbrecher, für andere hat er Frieden in Vietnam gebracht. Nun ist eine Biografie erschienen.

Von: Dirk Kruse

Stand: 25.11.2020 | Archiv

Es ist einer der größten Momente im Leben von Henry Kissinger, der mit 15 Jahren von Fürth nach New York flüchtete, weil die Nazis ihn als Juden verfolgten. Im Jahr 1973 ist er Außenminister der USA und wird wegen des von ihm ausgehandelten Waffenstillstands in Vietnam mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

"Nichts was mir in meinem öffentlichen Leben passiert ist, hat mich mehr berührt als diese Auszeichnung, wenn ich diese Auszeichnung erhalten werde zusammen mit meinem alten Freund Le Duc Tho für die Suche nach Frieden in Vietnam."

Henry Kissinger

Kissinger als erbarmungsloser Machtpolitiker

Eine Entscheidung, die schon damals heftig umstritten war. Denn Kissinger war alles andere als ein Friedensengel, sagt sein Biograph Bernd Greiner. Er war ein erbarmungsloser Machtpolitiker, der im Gegenteil mitverantwortlich war für die Verlängerung des Vietnamkrieges und Bombenangriffe auch auf Kambodscha. Ein Mann, dem fast jedes Mittel recht war, um Amerikas Einfluss in der Welt zu mehren und der dabei auch über Leichen ging. Etwa die des chilenischen Präsidenten Salvador Allende.

"Mit dem Blick auf den Putsch in Chile muss man sagen, dass Kissinger eindeutig der Einpeitscher gewesen ist. Er war derjenige, der Nixon in allen Vorhaben, insbesondere in den Vorhaben Kontakt zu putschbereiten chilenischen Militärs aufzunehmen, unterstützt hat. Diese unmittelbare Verantwortung kann man aus den Tonbandprotokollen, aus Telegrammen an den CIA-Posten in Santiago und aus vielen, vielen anderen Quellen rekonstruieren. Insofern war es auch naheliegend, dass französische und spanische Richter Anfang des Jahrtausends sich darum bemüht haben, Kissinger für dieses Tun juristisch zu belangen."

Bernd Greiner

Geheime Tonbandaufnahmen aus dem Weißen Haus

Als erster Kissinger-Biograf hat Bernd Greiner das Archiv von Kissingers Doktorvater in Harvard ausgewertet und die geheimen Tonbandaufnahmen des Weißen Hauses ausgiebig studiert. Die Abhöranlage hatte der misstrauische Nixon heimlich installieren lassen. So kann man Kissinger und Nixon beim Regieren direkt über die Schulter schauen. Es sind bestürzende Gespräche. Sie zeigen Kissinger als aalglatten Höfling, der Nixon nach dem Mund redet, ihn anstachelt und selbst vor rassistischen Äußerungen nicht zurückschreckt.

"Der [Kissinger] ist geradezu ein Meister in der Kunst der Heuchelei und der Verstellung. Er konnte, und kann immer noch, wie kein anderer Heu zu Gold spinnen und nach außen den Eindruck vermitteln, als wären die problematischen Entscheidungen in seiner Amtszeit allesamt zu Lasten Nixons gegangen und als hätte er immer versucht, als liberales Korrektiv aufzutreten."

Bernd Greiner

Erpressung von Präsident Richard Nixon

Nixon traute seinem Sicherheitsberater dennoch nicht über den Weg, weil der außerhalb des Weißen Hauses oft über den Präsidenten lästerte. Dass er Kissinger dennoch zum Außenminister machte, hatte mit dem aufkommenden Watergate-Skandal zu tun. Kissinger setzte Nixon unter Druck.

"Er hat Nixon signalisiert: Wenn Sie mich nicht zum Außenminister machen, trete ich von meinem Amt als Sicherheitsberater zurück. Und dann haben Sie zusätzlich zu der Baustelle Watergate noch einen zweiten Konflikt, der Ihnen vor die Füße fallen wird. Nixon spricht, von Kissinger übrigens nicht dementiert, in seinen Memoiren von Erpressung, der er nachgegeben hat. Und so kam Kissinger zu seinem Amt als Außenminister."

Bernd Greiner

Kissinger arbeitet schriftlich an seinem Ruf

Kissingers Ruf als skrupelloser und illoyaler Ehrgeizling und seine oft ineffiziente Amtsführung sorgten dafür, dass keine spätere Regierung ihn anstellte. Doch als erfolgreicher Unternehmensberater nahm Kissinger weiterhin Einfluss. Und er wob an seiner eigenen Legende in zahlreichen Aufsätzen, Interviews und Büchern, wie seinen 4.000 Seiten umfassenden Erinnerungen.

"Bei den drei Bänden der Erinnerungen greifen Sie auf jeder Seite in jedem Absatz in ein Gespinst von Vermutungen, Halbwahrheiten, Lügen, die es im Grunde genommen notwendig machen würden, jeden einzelnen Satz aus der Perspektive eines Historikers zu prüfen, zu kommentieren und mit einem aufwendigen Anmerkungsapparat zu versehen."

Bernd Greiner

Henry Kissinger entzaubert

Was Bernd Greiner in seiner Biographie betreibt, ist ein richtiger Denkmalsturz. Er spart nicht mit klaren Worten, kann aber als hervorragender Historiker auch jedes seiner Urteile belegen.

"Ich habe mich nach bestem Wissen und Gewissen darum bemüht, auf Material zu stoßen, das dieses Urteil hätte abmildern können. Allein ich habe nichts gefunden. Je mehr man bohrt in diesem Fall, desto ernüchternder oder phasenweise auch erschütternder wird der Befund."

Bernd Greiner

Fazit: Greiners Buch ist streitbar, fundiert und gut lesbar

Info & Bewertung

Wertung: 5 Frankenrechen von 5 | Bild: BR

Bernd Greiner: Henry Kissinger. Wächter des Imperiums, Biographie, München 2020, C.H.Beck Verlag, 480 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-406-75566-8

Nur Persönliches über Henry Kissinger oder Näheres über seine Kindheit in Franken erfährt man in dieser kritischen Biographie nicht. Das liegt daran, dass Kissinger Privates nur selten mitteilt. Selbst sein Freund Helmut Schmidt wusste lange nicht, dass Kissinger etwa einen erfolgreichen Bruder hatte. Bernd Greiner hat eine politische Biographie vorgelegt, die auch eine kleine Geschichte des Kalten Krieges ist: streitbar, fundiert und gut lesbar.


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