Report München


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Wohnungslosigkeit in Deutschland Es kann fast jeden treffen

Immer mehr Menschen in Deutschland sind wohnungslos. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Zahlen verdreifacht. Die Gründe sind vielschichtig. Inzwischen, so Sozialarbeiter und Armutsforscher, erreicht das Problem prekärer Lebens- und Wohnsituationen nicht mehr nur Menschen am Rande der Gesellschaft.

Von: Susanne Fiedler

Stand: 29.01.2019

Es ist ein normaler Nachmittag unter der Woche -  Birgit kommt von der Arbeit, ihre zwei Kinder sind noch in der Schule. Und doch ist nichts mehr wie früher im Leben der Alleinerziehenden. Birgit gehört zu den Wohnungslosen, denen man es nicht ansieht, dass sie ohne ein eigenes Zuhause sind. Birgit lebt jetzt in einem Clearinghaus, so heißt diese Notunterkunft.

"Ich dachte immer, eigentlich dass man als Mutter mit zwei Kindern irgendwie nie auf der Straße sitzt. […] Die einzige Möglichkeit, die mir dann angeboten wurde, ist die Möglichkeit, in ein Clearinghaus zu gehen oder schlimmstenfalls dann noch in eine Pension mit den Kindern, wo man dann eben wenig Privatsphäre hat."

Birgit

Wie leicht es einen treffen kann, sieht man an ihr. Während ihrer Ehe hat sie beruflich zurückgesteckt. Alleinerziehend zu sein empfindet sie nun geradezu als Makel.

"Ich komme mir vor wie eine Randgruppe, also wie eine diskriminierte Randgruppe, die aber nicht offiziell diskriminiert wird."

Birgit

Praktisch keine Chance für Alleinerziehende

Birgit macht die Erfahrung, dass Alleinerziehende wie sie auf dem freien Wohnungsmarkt bereits bei Anfragen für eine Besichtigung so gut wie keine Chance haben.

Birgit | Bild: BR

"Ich habe gar keine Antworten erhalten auf meine Anfragen. Ich habe Termine erhalten, dann wurde gefragt, mit wem ich einziehe, und dann habe ich natürlich erzählt, dass ich mit meinen zwei Kinder einziehe, weil sonst der Mietvertrag ja auch wieder unbrauchbar wird, wenn man‘s nicht mit angibt und dann habe ich nie eine Zusage bekommen."

Birgit

Nach der Trennung von ihrem Exmann kommt Birgit erst einmal bei Freunden unter. Sie wollte in der Nähe der Schule ihrer Kinder bleiben und kann vorübergehend bei einem guten Bekannten einziehen. Auch das ist typisch: viele Betroffene sind erst einmal verdeckt wohnungslos. Doch dann findet sie keine Anschlusswohnung. Bei ihrem Bekannten muss sie raus. So zieht sie vor einem halben Jahr hier ein.

Das Clearinghaus ist um einiges hochwertiger als etwa eine Wohnungslosen-Pension und es werden vor allem Familien aufgenommen. Aber eigene Möbel sind nicht gestattet - es soll nicht zu bequem werden, denn das Appartement ist nur als Übergangslösung gedacht. Birgit bezahlt 725 Euro monatlich für die Wohnung – mit Unterstützung des Jobcenters.

"Wut und depressiv , hoffnungslos , dann wartet man auch wieder ein halbes Jahr oder jetzt auch schon bisschen länger, ich hab auch schon Einsprüche eingelegt auf manche Bescheide und bekomme dann eben nach fast einem Jahr Recht oder Teilrecht und dann geht’s weiter, dann kämpft man noch `n Stück und in der Zwischenzeit geht das Leben halt weiter irgendwie und man muss halt gucken, dass man dann wenigstens den Kindern einen gewöhnlichen oder möglichst friedvollen Alltag bieten kann und das nicht präsentiert…."

Birgit

Birgit hat heute ihren Beratungstermin im Clearinghaus. Regelmäßig trifft sie David Diekmann. Das ist Voraussetzung, um überhaupt in dieser Notunterkunft vom Katholischen Männerfürsorgeverein leben zu können. Der Bereichsleiter unterstützt Birgit bei nötigen Anträgen wie etwa beim Jobcenter und begleitet sie zu Wohnungs-Besichtigungsterminen.

Kampf mit der Bürokratie

Normalerweise sollen die Bewohner hier nicht länger als sechs Monate bleiben. Doch es wird für die Berater immer schwerer, die Menschen weiterzuvermitteln:

"Also die Vermittlung ist ein großes Thema, wir haben leider überhaupt keine Kontakte mehr auf dem freien Wohnungsmarkt und auch der Sozialwohnungsmarkt wird schwieriger. Das liegt auch zum großen Teil daran, dass die SCHUFA-Auskünfte am freien Wohnungsmarkt ja auch überall verlangt werden. Ich persönlich finde, man braucht diese SCHUFA-Auskunft bei Mietverhältnissen gar nicht nachfragen, sowohl am freien Wohnungsmarkt als auch am Sozialwohnungsmarkt nicht, weil es keinerlei Aussage darüber zulässt, ob jemand seine Miete zahlen wird oder nicht."

David Diekmann, Bereichsleiter Clearinghaus

Auch Birgit hat Schulden. Doch dank ihres Gehalts und der Hilfe des Jobcenters wäre die Miete gesichert.            

"Ich frage mich, was ich noch tun kann außer arbeiten, was ich noch alles tun muss, damit ich für meine Kinder und mich ein Dach über dem Kopf haben kann."

Birgit

Wir treffen Birgit nach zwei Monaten wieder. Sie ist auf dem Weg zum Wohnungsamt. Immer noch kämpft sie mit der Bürokratie, wann läuft welche Frist ab? Sie möchte nichts übersehen. Sozialwohnungen werden nach Punkten vergeben.

"Ich verstehe das Punktesystem schlichtweg nicht, es ist mir zu undurchsichtig, ich habe versucht mich zu informieren, aber ich muss mich darauf verlassen, was mir mittgeteilt wird und was im Bescheid festgelegt wird."

Birgit

30.000 Anträge - auf 3000 Sozialwohnungen

Allein in München wurden letztes Jahr über 30.000 Anträge auf eine Sozialwohnung gestellt - doch nur rund 3000 können derzeit im Jahr vergeben werden.

"Man kann sich immer auf drei Wohnungen zeitgleich bewerben, ich habe jetzt über 70 Bewerbungen gehabt und wurde für keine einzige benannt."

Birgit

Der Papierkram nimmt viel Zeit in Anspruch bei Birgit. Bloß nichts falsch machen! Das ist inzwischen ihre Devise.

"Das macht sehr mürbe und müde und das ist nicht motivierend, also man hat zwar ein Ziel vor Augen und man bekommt den Weg dorthin beschrieben, aber es ist nicht zielführend."

Birgit

Auch diesen Antrag auf eine Sozialwohnung lässt sich Birgit am Ende wieder von ihrem Berater im Clearinghaus absegnen. Die Hoffnung, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden, hat sie so gut wie aufgegeben.

"Es muss einfach mehr Zusammenhalt her, auch von den Wohnungseigentürmern selbst, auch von privaten Eigentümern, es kann nicht nur an hochdotierte Mieter vermietet werden, es muss homogen bleiben in München und charmant bleiben, und dafür müssen wir uns alle zusammensetzen und nachdenken, wie wir das gestalten können.[…]Es wird sich etwas ergeben müssen, denn auf der Straße leben kann ich mir nicht vorstellen, dass es gewünscht ist, dass ich mit den zwei Kindern und Plastiktüten um die Häuser ziehe. Es wird eine Lösung geben."

Birgit

Bis Juli kann sie noch im Clearinghaus bleiben. So gut der Standard auch ist - eine Notunterkunft kann kein Zuhause ersetzen.

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