Report München


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Droht Deutschland eine Wasserkrise? Versiegte Quellen, trockene Brunnen

Auch bei uns in Deutschland wird Wasser zu einem immer knapperen Gut. Experten warnen: Trotz Starkregen und Überschwemmungen im vergangenen Jahr wird es hierzulande aufgrund steigender Temperaturen immer trockener.

Von: Daniel Harich, Thomas Reutter

Stand: 14.03.2022

Simon Preiß vom Wasserwirtschaftsamt Nürnberg und Klaus Arzet vom Bayerischen Umweltministerium sind auf der Suche nach einem Waldsee in Oberfranken. Wie ist der Wasserstand aktuell? Aber wo ist das Wasser geblieben?

"Also das muss man sich jetzt so vorstellen: Vor einigen Jahren stand hier einfach noch das Wasser."

Simon Preiß, Wasserwirtschaftsamt Nürnberg

"Oh, da ist ja gar nichts mehr."

Klaus Arzet, Umweltministerium Bayern

Die Beamten suchen weiter nach letzten Pfützen. Doch der See ist komplett verschwunden. Der Badesteg. Hier wurde geschwommen.

Auf der Suche nach den letzten Pfützen

Droht Deutschland eine Wasserkrise? | Bild: BR

Ehemaliger Badesteg

Klaus Arzet, Umweltministerium Bayern: "Und das heißt, hier auf dem Podest, man sieht es ja, so hoch war der Wasserstand mal?"

Simon Preiß, Wasserwirtschaftsamt Nürnberg: "Genau."

Klaus Arzet, Umweltministerium Bayern: "Das ist ja unglaublich."

Der See wurde aus einer Quelle gespeist. Hier floss das Wasser aus dem Felsen.

Simon Preiß, Wasserwirtschaftsamt Nürnberg: "Früher ist hier das Wasser rausgelaufen, hat diesen Teich hier befüllt und der Grundwasserspiegel der sich im Berg hier hinter uns befindet ist jetzt quasi niedriger als diese Kante, als diese Schwelle, wo das Wasser früher ausgetreten ist."

Simon Preiß, Wasserwirtschaftsamt Nürnberg: "Also der Bereich ,wo jetzt früher das Wasser rausgelaufen ist, sieht man jetzt schon, der ist komplett trockengefallen. Ich kenne noch Fotos da war hier zumindest noch etwas Wasser gestanden."

Dieses Foto zeigt, wie das Wasser aus der Quelle floss. So sah der Weiher aus. Er speiste die Pegnitz, ein 100 Kilometer langer Fluss.

"Ja, man sieht hier tatsächlich nur noch eine ausgetrocknete Höhle."

Simon Preiß, Wasserwirtschaftsamt Nürnberg

"Je intakter ein Gewässer, desto besser die Trinkwasserqualität"

Unmengen Wasser verbraucht das Rhein-Main Gebiet. Ein Drittel des Trinkwassers kommt aus dem Taunus, wo es immer trockener wird. Hier entspringt der Urselbach. Eigentlich sollte der Bach immer Wasser führen. Die Ökologin Andrea Sundermann beobachtet den Urselbach seit Jahren. Wie entwickelt sich der Wasserstand?

"Also wir sind hier an der Stelle vom Urselbach die im Sommer tatsächlich trockenfällt. Man kann sich das vielleicht noch ein bisschen besser vorstellen, wenn man mal Bilder anschaut aus dem Sommer. Und das hier zum Beispiel ist der Blick bachabwärts und man sieht eben, dass dieses Gewässerbett, dieses Kiesbett, wirklich komplett trocken ist. Der Grund dafür, dass dieser Bereich hier trockenfällt, ist einfach der, dass im Oberlauf vom Urselbach Wasser entnommen wird, zu Trinkwasserzwecken. Und das Wasser, was entnommen wird, das fehlt an dieser Stelle."

Andrea Sundermann, Senckenberg-Institut für Naturschutz

Die Wasserentnahme für die Rhein-Main-Region lässt den Bach langsam austrocknen.

"Das hat auch Auswirkungen auf die Artengemeinschaften, weil bestimmte Arten die normalerweise vorkommen würden, die finden wir an dieser Stelle nicht mehr, weil sie mit diesem verminderten Abfluss nicht klarkommen."

Andrea Sundermann, Senckenberg-Institut für Naturschutz

Trocken gefallene Stelle des Urselbachs

Die Wissenschaftlerin will überprüfen, wie viele verschiedene Tiere momentan im Bachbett leben. Sie sucht nach Lebewesen, die für das Ökosystem essentiell wichtig sind; Garanten für das Leben im Bach. Ursprünglich herrschte hier ein großer Artenreichtum, fast wie am Amazonas. Aber wie vielfältig ist das Leben in dem Gewässer heute? Wie viele Tiere sind überhaupt noch da?

"Es sollte mehr sein. Also gar nicht mehr undbedingt mehr Individuen, aber mehr Arten. Insgesamt fehlen andere Eintagsfliegen noch, es fehlen Köcherfliegen, es fehlen Käfer. Also von da her haben wir wirklich so eine verminderte Artenvielfalt hier. Normalerweise sind es wirklich viel, viel mehr Arten in so einem Gewässer."

Andrea Sundermann, Senckenberg-Institut für Naturschutz

Wirbellose Kleinstlebewesen –- sie sehen unscheinbar aus, aber sie sind von unschätzbarem Wert für die Natur und letztlich für uns Menschen.

In der Nähe betreibt das Senckenberg-Institut sein Labor. Hier bestimmt Andrea Sundermann die Tierarten aus dem Bach, katalogisiert seit Jahren die Proben aus Gewässern in der Region. Wenn Flüsse und Bäche gesund sind, sagt sie, ist das auch für die Menschen gut.

"Es ist wichtig, dass unsere Fließgewässer funktionieren, weil sie übernehmen ja auch eine gewisse Aufgabe. Also wir gewinnen zum Beispiel sehr viel Trinkwasser durch Uferfiltrat. Das heißt, wir gewinnen wirklich Trinkwasser in Bereichen von großen Auen und dieses Trinkwasser, was wir dort gewinnen, ist umso besser, je intakter die Gewässer sind, je besser die funktionieren. Und dafür – allein aus diesem Gesichtspunkt- ist es wichtig, dass die Fließgewässer wirklich funktionieren und die funktionieren dann, wenn wir dort auch eine gewisse Artenvielfalt haben und wirklich, ja, eine intakte Biozönose."

Andrea Sundermann, Senckenberg-Institut für Naturschutz

Zerstörte Häuser durch vertrocknete Böden

Das große Austrocknen hat aber auch noch ganz andere Folgen, so wie zum Beispiel hier bei Hannover, wo der Grundwasserspiegel immer weiter sinkt.

"Hier sieht man es natürlich besonders stark, dass hier das Haus hier kippt. Deshalb fangen hier diese Risse an und gehen bis da oben hin, also so dass hier die ganze Hauswand, im Prinzip dieser Bereich des Hauses, absackt."

Jens Knollmann, Eigentümer

Jens Knollmann zeigt seinem Gutachter neue Schäden im Keller seines Hauses. Es ist das Haus seiner Eltern. Er will es unbedingt retten.

Massive Schäden am Mauerwerk

Jens Knollmann, Eigentümer: "Also hier kann man im Prinzip die Hand reinstecken. hier sieht man massive Schäden, also dass dies ganze Wand hier ins Rutschen gekommen ist."

Jens Rohmann, Sachverständiger für Bauschäden: "Die Bewegung kann man auch gute erkennen, es drückt halt so nach außen in die..."

Jens Knollmann, Eigentümer: "Genau. Das ganze Haus fällt in diesem Bereich, fällt hier in diesem Bereich nach unten ab. Ja das ist eigentlich erst in den letzten Jahren passiert, muss man tatsächlich sagen, also es was ungefähr – ich würde wirklich sagen 30, 40 Jahre Ruhe."

Am Anfang dachte Jens Knollmann, die Risse seien eine Folge von Pfusch am Bau. Erst die Untersuchungen von Statiker Jens Rohmann zeigten die wahren Ursachen: Durstige Bäume.

"Wenn es trockene Perioden gibt in Sommern, die wir jetzt in den letzten Jahren hatten, wird dieses Wasser halt entzogen, die Wurzeln gehen immer tiefer, gehen unter die Fundamente hier auch in diesem Keller, entziehen diesem Boden Wasser und dieser Boden schrumpft. Der hat eine Volumensabnahme von, im Labor untersucht, bis zu knapp 50 Prozent."

Jens Rohmann, Sachverständiger für Bauschäden

Das Haus muss abgestützt und unterfangen werden. Enorme Kosten kommen auf Jens Knollmann zu. Ein Einzelfall?

"Ja also wir haben das hier in der Nachbarschaft, tatsächlich, also dass dann bei einigen Häusern die Frage ansteht: Sanieren wir es jetzt? Gerade wenn es dann vielleicht einen Generationswechsel gibt oder wird es gleich ganz weggerissen und man baut was Neues. Lohnt sich das denn noch die Substanz hier zu erhalten?"

Jens Knollmann, Eigentümer

Stadt ohne eigenes Wasser

Zurück in Bayern. Die Stadt Teuschnitz in Oberfranken. Die Stadt wächst, aber die Quellen führen selbst im Winter immer weniger Wasser. Eine Folge der trockenen Sommer. Die zuständigen Experten begleiten Klaus Arzet vom bayerischen Umweltministerium zur letzten Quelle der Gemeinde.

"Also so trockene Sommer, also kenn ich aus meiner Kindheit überhaupt nicht, wie wir jetzt die letzten fünf, also zehn, fünf Jahre gehabt hat. Dass man einen Sommer überhaupt keinen Regen gehabt hat, das kennt man hier überhaupt nicht."

Christian Müller, Leiter Bauhof Teuschnitz

Es reicht nicht mehr. Was jetzt? Wo soll noch Wasser herkommen?

Keine eigene Wasserversorgung

Christian Müller, Leiter Bauhof Teuschnitz: "Also wir mussten jetzt komplett umstellen, auf Fernwasser. Also die Stadt Teuschnitz hat kein eigenes Wasser mehr. Durch den Wandel geben die Brunnen einfach nicht mehr das her, was wir bräuchten."

Michael Belau, Landesamt für Umwelt Bayern: "Also ihr merkt jetzt die letzten Jahre, habt ihr das ganz massiv gemerkt oder?"

Christian Müller, Leiter Bauhof Teuschnitz: "Ja. Die letzten Jahre waren brutal. Also ich hab irgendwie Angst davor, dass uns irgendwann das Wasser hier ausgeht."

Bis zum letzten Tropfen. In Deutschland. Vorboten für das, was noch auf uns zukommt?

"Dass sich eine Gemeinde von ihrer eigenen Wasserversorgung, wie hier in Teuschnitz, trennen muss weil der Klimawandel dazu führt, dass die Quellen versiegen, zeigt ja wie dramatisch und wie weit der Klimawandel schon fortgeschritten ist und wie wir uns darauf zukünftig einstellen müssen."

Michael Belau, Landesamt für Umwelt Bayern

"Ich denke, dass ich da nicht zu viel sage, wenn ich meine dass wir als Experten das in dieser Vehemenz und auch in dieser Schnelligkeit so nicht erwartet hätten.“ Klaus Arzet, Umweltministerium Bayern

Das Wasser wird knapp: Wir müssen endlich sorgsamer damit umgehen.


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