Report München


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Der gefährliche Kampf gegen Waldbrände Freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz

Immer mehr Waldflächen in Deutschland brennen. An vorderster Front: die ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren. Sie kämpfen nicht nur gegen die Flammen. Ihre Ausrüstung eignet sich nicht für die Bekämpfung von Waldbränden. report München hat Feuerwehrleute in Bayern, Brandenburg und Hessen bei ihrer gefährlichen Arbeit begleitet.

Von: Johannes Lenz, Fabian Mader, Markus Rosch, Elisa Senz

Stand: 02.08.2022

19. Juli 2022 – eines der größten Waldgebiete Hessens steht in Flammen. Die Feuerwehrleute warten auf Löschwasser. Sie müssen Feuerpatschen benutzen. Metallbesen. Wie sollen sie diesen Brand damit nur stoppen? Entsetzen beim Einsatzleiter.

"Das hat sich jetzt hier wirklich innerhalb von Sekunden im Unterholz, in diesem Bewuchs und im trockenen Zeug, was hier liegt zwischen diesen beiden Baumreihen, ausgebreitet, in Sekundenbruchteilen, also es geht hier richtig schnell. Man muss jetzt wirklich aufpassen."

Stephan Schienbein, Kreisbrandmeister

Kostbare Minuten verrinnen. Noch immer fehlt das Löschwasser. Die Situation wird immer gefährlicher.

"Wir haben eben auch gesehen, wie im Prinzip ein Baum durchgezündet ist, also wirklich, bis in den Wipfeln in Flammen stand."

Stephan Schienbein, Kreisbrandmeister

Die Helfer müssen aufgeben. Vorerst. Auf diesem Feld wurde das Feuer entfacht – der Wind hat es weitergetrieben. Der Brand drohte sich immer weiter auszubreiten. Das größte Problem für die Einsatzkräfte: Sie müssen Löschwasser tief in den unzugänglichen Wald bekommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die Erlösung. Endlich – jetzt haben Sie eine Chance. 

Risiko lange nicht bewusst

Ärgerlich für die Einsatzkräfte: Sie hatten einen Löschhubschrauber angefordert – aber er ist defekt. Kann nicht kommen.  Sie schaffen es dennoch und verhindern eine Katastrophe. Die schlechte Nachricht: Neun von ihnen müssen ins Krankenhaus.

Gleicher Ort, 9 Tage später. Wir treffen drei der Männer, die hier mit den Flammen gekämpft haben. Wie riskant der Einsatz war – lange war es ihnen nicht bewusst.

"Der Baum tatsächlich war‘s. Den wir ablöschen wollten."

Finn-Luca Thies, Freiwillige Feuerwehr Niederwald

Mit zwei Kollegen stand er nur wenige Schritte entfernt, dann bricht der Baum zusammen.

Freiwillige Feuerwehr im Dauereinsatz | Bild: BR

"Wir haben noch um uns geschaut, haben gekuckt, dass wir mögliche Personen noch warnen, aber da war keine Zeit. Also wenn da ein Mensch gestanden hätte wäre es vorbei gewesen."

Finn-Luca Thies, Freiwillige Feuerwehr Niederwald

Die andere Gefahr: unsichtbar. Alle drei atmen zu viel Rauch ein, landen mit einer Vergiftung im Krankenhaus.

"Also ich denke in dem Moment nicht darüber nach, was mir passieren könnte. Da fängt man vielleicht im Nachhinein an drüber nachzudenken." Michael Ott, Freiwillige Feuerwehr Himmelsberg

Fehlende Unterstützung aus der Luft war nicht das einzige Problem. Viele ziehen ihre Schutzjacken aus – löschen im T-Shirt. Wie ist das möglich?

Wenige Tage später – Pfarrkirchen in Bayern. Hier ist es nur eine Waldbrand-Übung. Der Waldbrandexperte beim Deutschen Feuerwehrverband leitet sie. Wir erfahren: Die Schutzjacke vieler Feuerwehren sei tatsächlich nur für kurze Einsätze gedacht, um Menschen aus einer brennenden Wohnung zu befreien. Aber:

"Wenn Sie mit der im Wald stehen, im Sommer bei den jetzigen Temperaturen, dann schwitzen Sie zu stark. Also Sie verlieren zu viel Wasser und überhitzten im Körperinneren. Sie werden ein bisschen schummrig. Sie können nicht mehr richtig denken, und Sie machen Fehler und im schlimmsten Fall fallen‘S in Ohnmacht."

Ulrich Cimolino, Vors. Arbeitskreis Waldbrand im DFV

Waldbrände spielen kaum eine Rolle bei Ausrüstung und Ausbildung

Ausgebranntes Feuerwehrauto

Also löschen manche Feuerwehrleute Waldbrände im T-Shirt: Nicht nur das: Die meisten deutschen Feuerwehrautos sind nicht für den Einsatz auf einem brennenden Untergrund gebaut. Wie im Wald oder auf diesem Feld.

"Der Vergleich der Benchmark mit anderen Ländern zeigt. Deutschland ist dann nicht an der Spitze, noch nicht mal im Mittelfeld. Wir sind ganz weit unten."

Ulrich Cimolino, Vors. Arbeitskreis Waldbrand im DFV

Waldbrände spielten bisher kaum eine Rolle bei deutschen Feuerwehren – weder bei der Ausrüstung noch bei Ausbildung.

Dabei hat die Waldbrandgefahr in vielen Regionen Deutschlands deutlich zugenommen. Allein in den vergangenen viereinhalb Jahren hat hierzulande mehr Waldfläche gebrannt als in den 20 Jahren zuvor. Nämlich fast 8.000 Hektar. Eine Fläche so groß wie die Stadt Gießen.

Ende Juli der nächste Großbrand – dieses Mal in Brandenburg – eine Fläche so groß wie 1.000 Fußballfelder. Tagelang kämpft die Freiwillige Feuerwehr Falkenberg gegen die Flammen, am Ende gegen Glutnester. Die Helfer sind völlig erschöpft.

"Der Schlafmangel ist relativ groß – wir sind jetzt bei 2-3 Stunden Schlaf zwischendurch. Und das geht schon an die Grenze."

Helfer

Immerhin: Hier kommen die Löschhubschrauber zur rechten Zeit. Mehrere sind gleichzeitig im Einsatz. Anderswo dauert es teilweise Stunden oder sogar Tage, bis Hubschrauber kommen.

Für jeden Einsatz: Formulare ausfüllen – während das Feuer sich ausbreitet

Zur gleichen Zeit in Sachsen-Anhalt – Werner Greif leitet hier mehrere Feuerwehren und kämpft seit Jahren gegen die Bürokratie: Für jeden Einsatz muss er verschiedene Formulare ausfüllen – während das Feuer sich ausbreitet.

"Ein ganz wichtiges Formular, ‚Anforderung von Luftfahrzeugen der Landespolizei‘ , hinzu kommt dann noch eine sogenannte Kostenübernahmeerklärung, das ist wieder ein anderes Formular, wo dann, ganz wichtig, die Unterschrift eines Zeichnungsberechtigten drauf sein muss."

Werner Greif, Stadtwehrleiter Blankenburg

Bei den Behörden wird dann geprüft. Und das kann dauern. Wie kürzlich bei einem Moorbrand bei Gifhorn in Niedersachsen. Ein Löschhubschrauber steht laut Angaben der Feuerwehr nur wenige Minuten entfernt. Die Genehmigung der Behörden zieht sich über Stunden hin. Bis es schließlich dunkel wird – da darf der Hubschrauber nicht mehr starten.

Auch hier sind die ehrenamtlichen Helfer auf sich alleine gestellt. Auf Anfrage von report München erklärt das zuständige Innenministerium Niedersachsens, der Fall werde aktuell mit allen Beteiligten geprüft.

Für Werner Greif alles andere als ein Einzelfall.

"In der Regel geht diese Anforderungsodyssee im guten Fall eine Stunde, die Erfahrung zeigt eher 2,5, 3 Stunden. Wenn das alles durch ist, ist der Hubschrauber in 30 Minuten bei uns und kann mit dem Löschen beginnen."

Werner Greif, Stadtwehrleiter Blankenburg

Die zahlreichen Waldbrände zwingen die Politik zu handeln. Aber in jedem Bundesland sind die Regelungen anders. Ehrenamtliche Feuerwehrleute wünschen sich mehr Anerkennung.

"Das ist bei vielen noch nicht angekommen, dass das wirklich Menschen sind, die normal arbeiten und dann, wenn der Melder aufgeht, ja dann losziehen um dann entsprechend anderen Menschen zu helfen."

Tino Sturm, Freiwillige Feuerwehr Niederwald

Gesundheitliche Spätfolgen?

Selbst wenn sie dafür eine Rauchgasvergiftung in Kauf nehmen müssen – wie nach ihrem Einsatz in Hessen. Mehr als 90 Prozent aller Feuerwehrleute tun ihren Dienst ehrenamtlich.

Finn-Luca Thies arbeitet in einem Holzhandel. Selbst leichtere körperliche Betätigungen bringen den 21-Jährigen jetzt aus der Puste – Er macht sich Gedanken über mögliche Spätfolgen.

"Mir ist schon bewusst, dass durchaus in 15 oder 20 Jahren ich irgendwelche Lungenerkrankungen habe oder andere Erkrankungen innerer Seite. Das ist mir durchaus bewusst. Das Krebsrisiko ist gestiegen durch diesen kräftezehrenden, rauchigen Einsatz, klar. Aber ich bin da optimistisch, dass bis dahin vermutlich die Spätfolgen geklärt sind und man da konkret was gegen machen kann."

Finn-Luca Thies, Freiwillige Feuerwehr Niederwald

Deutschlands großer Trumpf gegen die Waldbrandgefahr sind die freiwilligen Feuerwehrleute. Brände löschen können sie aber nur, wenn sie optimal ausgerüstet sind und unterstützt werden.


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