Report München


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Geknechtet unter dem Kreuz Neue Vorwürfe gegen eine katholische Vereinigung

Sie verfolgten ein großes Ziel: Gemeinsam die katholische Kirche von unten erneuern, stärken und die Aussöhnung mit dem Judentum vorantreiben. Bereits in den 1970er Jahren gab es kirchenintern massive Klagen. Jahrzehntelang geschah dennoch nichts. Woran lag das? report München auf der Spur einer umstrittenen katholischen Vereinigung.

Von: Eckhart Querner, Christian Wölfel

Stand: 30.11.2021

Thomas Schaffert war lange Jahre Mitglied der Katholischen Integrierten Gemeinde, abgekürzt KIG. Hier in Bad Tölz liefen die Fäden der Bewegung zusammen.

"Es kribbelt mich zwischen den Haarspitzen und der kleinen Zehe. Weil es hier einfach die Kommandozentrale war, es war praktisch der Vatikan der KIG praktisch."

Thomas Schaffert, Ehemaliges Mitglied

Beruf, Wohnort oder Kinderwunsch – die Gemeinde bestimmte alles. Wir gehen zurück ins Jahr 1999, Thomas Schaffert ist verlobt. Die Gemeindeleitung hat die Frau ausgewählt. Wenige Wochen vor der geplanten Hochzeit wird er in die Zentrale zitiert, Traudl Wallbrecher, die charismatische Führungsfigur, will ihn sprechen.

"Ich war dann erst mal überrascht über die Runde, die sich dort vorgefunden hat bei Frau Wallbrecher in ihrem Wohnzimmer und hat mir mitgeteilt, worum es geht: dass der Eindruck gewonnen wurde, dass unsere Beziehung als Paar die Gemeinde zu viel Kraft kostete und dass die Gemeinde deswegen nicht wünsche, dass die Hochzeit vollzogen würde."

Thomas Schaffert, Ehemaliges Mitglied

Enges Verhältnis zum späteren Papst

Entstanden ist die Integrierte Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg in München, rund um die  2016 verstorbene Traudl Wallbrecher. Der Anspruch war kein geringerer, als das Christentum in allen Bereichen zu leben. Die Mitglieder wohnten gemeinsam in sogenannten Integrationshäusern, arbeiteten teils in gemeindenahen Betrieben.

Man wollte die katholische Kirche erneuern durch eine Art Elitebewegung, sagt Matthias Reményi.

"Eine zentrale Rolle spielt darin das Bibelwort aus dem Lukas-Evangelium: Wer euch, die Gemeinde, hört, der hört mich, Jesus. Und das war die theologische Grundüberzeugung dieser Gruppe, dass in der Gemeindeversammlung der Geist Gottes selber spricht und dass das, was aus dem Mund von Traudl Wallbrecher kommt, die Stimme des Heiligen Geistes ist. Dann ist das eine Autorität, die höher nicht eingeschätzt werden kann. Dann wendet man sich, wenn man aus der Gemeinde rausgeht, gegen den erklärten Willen Gottes."

Prof. Matthias Reményi, Fundamentaltheologe Universität Würzburg

Ein einflussreicher Theologie-Professor aus Regensburg ist fasziniert von der Integrierten Gemeinde: Joseph Ratzinger. Der spätere Erzbischof, Kardinal und Papst wird in den 70er Jahren zum Schutzpatron der Gemeinschaft, macht Urlaub auf ihrem Anwesen in Wolfesing bei München. Er wird umgarnt, mit schwarzen Katzen, die er so mag, oder einem eigens für ihn kreierten Tee, dem Kardinal-Ratzinger-Tee. Als er 1977 Erzbischof von München und Freising wird, lässt die lang ersehnte offizielle Anerkennung der Gemeinde durch die katholische Kirche nicht lange auf sich warten. Die Gemeinde gewinnt weiter an Bedeutung, wie ein ehemaliges Mitglied sagt, das nur anonym sprechen möchte:

"So schnell und plötzlich war alles weg, was hier an Kritik da war.  Es war nicht wirklich weg, ich kann mir das nur so vorstellen, dass die Kritiker innerhalb des Ordinariats daraufhin nichts mehr gesagt haben. Aber das wissen wir nur, wenn wir einen Blick in die Archive bekommen."

Ehemaliges Mitglied (Stimme nachgesprochen)

Getrennt von den Eltern

Report München liegt ein Dokument aus diesen Archiven vor, es stammt aus dem Jahr 1973. Darin listet der damalige zweite Mann im Erzbistum München-Freising, die Probleme in der Gemeinde auf. Die Rede ist von der Beeinträchtigung der Freiheit der Mitglieder, einem unklaren Finanzgebaren, von Familientrennungen.

Gudrun Mann erlebt genau das. Immer wieder muss sie getrennt von den Eltern in sogenannten Integrationshäusern wohnen.

"Dadurch, dass ich immer in solchen Häusern gelebt habe, hatte ich auch nie meine eigene Identität irgendwo in meinem Zimmer ausdrücken können oder irgendwie finden, suchen, können. Zudem sind wir ungefähr zweimal im Jahr umgezogen, sodass man also so als Kind Schwierigkeiten hatte. Oder nein, eigentlich muss man sagen, es war ein Bindungsabbruch nach dem anderen."

Gudrun Mann, Ehemaliges Mitglied

Zweimal versucht sie, sich das Leben zu nehmen, sie wird arbeitsunfähig.

Berichte von Machtmissbrauch

Die Vorgänge in der Integrierten Gemeinde bleiben Joseph Ratzinger nicht verborgen. Mittlerweile ist er in der katholischen Kirche zu einem der mächtigsten Männer aufgestiegen – und mit ihm auch die Integrierte Gemeinde. In Rom erreichen ihn immer wieder Berichte von Machtmissbrauch, etwa ein Brief aus dem Jahr 2003, der report München vorliegt. Es geht darin um einen Suizid, Unregelmäßigkeiten bei Wahlen sowie den Ausschluss von Mitgliedern. Ratzingers Antwort drei Monate später fällt knapp aus: „Alles, was Sie sagen, ist betrüblich und beunruhigend.“

Die Gemeinde zu verlassen fällt vielen schwer. Das spürt Thomas Schaffert, als er 2002 endlich geht – drei Jahre nach der untersagten Hochzeit.

"Ich hab mit 0 Cent begonnen, also musste ich mir Geld ausleihen, bis mein erstes Gehalt kam, damit ich überhaupt meine Miete bezahlen kann. Und ich hatte natürlich keine einzige persönliche Verbindung und ich wurde natürlich auf der Roten Liste geführt von der Gemeinde. Das heißt, ich war persona non grata."

Thomas Schaffert, Ehemaliges Mitglied

Auch das Erzbistum München und Freising erreichen immer wieder kritische Berichte von Mitgliedern, dazu kommen weitere Aktenvermerke und Gutachten wie dieses aus dem Jahr 2004. Doch erst 15 Jahre später, auf Druck ehemaliger Mitglieder, folgt eine kirchenrechtliche Untersuchung. Das Fazit lautet,  „dass die Freiheit der Mitglieder kontinuierlich missachtet und eine Ganzhingabe gefordert wurde, die einer Ausbeutung gleichkommt.“

Kardinal Reinhard Marx löst die Gemeinschaft in seinem Erzbistum auf.

Warum blieb die Kirche so lange untätig?

Doch warum blieb die katholische Kirche und dabei insbesondere Joseph Ratzinger so lange untätig? Den Grund sieht Vatikan-Journalist Iacopo Scaramuzzi in der Hoffnung, die Ratzinger in solche spirituellen Gemeinschaften setzte.

"Die Säkularisierung schritt voran, es wurde weniger getauft und man ging seltener in die Messe. Die katholischen Gläubigen folgten nicht mehr dem Diktat der Kirche zur Sexualmoral. Und stattdessen haben diese Bewegungen bezeugt, dass die katholische Kirche in ihrer orthodoxesten Form immer noch stark präsent war, Priesternachwuchs und Zustimmung brachte."

Iacopo Scaramuzzi, Vatikan-Korrespondent

Doch warum ignorierte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. die Berichte, nach denen in der Integrierten Gemeinde selbst Sakramente wie Ehe und Beichte missachtet wurden? Im November 2020 erklärt der emeritierte Papst selbstkritisch, er sei über manches im Innenleben der Gemeinschaft getäuscht worden.

Für Gudrun Mann ist diese Erklärung Anlass, dem ehemaligen Papst ihr Schicksal und die Folgen in einem Brief zu schildern. Die Antwort: Eine Weihnachtskarte und zwei Bilder – ohne ein persönliches Wort.

"Ich hatte eigentlich gehofft, dass er vielleicht schreibt es tut mir leid, und ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute. Dass das wäre so meine kleine Hoffnung gewesen."

Gudrun Mann

Viele ehemalige Mitglieder fordern von der Kirche eine Aufarbeitung. Anhänger der aufgelösten Gemeinde reagierten nicht auf unsere Anfragen oder lehnten ein Interview ab.

Was sagt der frühere Papst zu den Vorgängen: Er will sich nicht mehr äußern – mit der Bitte um Verständnis und Nachsicht, lässt er uns ausrichten.


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