Report München


5

Gefährliche Keime, stinkende Felder Vorwürfe gegen Biogasanlagen

Biogasanlagen sind Bestandteil der Energiewende. Einige dieser Anlagen werden allem Anschein nach benutzt, um illegal übelst stinkende Schlacht- und andere Abfälle zu entsorgen – zum Leidwesen der Anwohner in der Nähe solcher Anlagen.

Von: Eva Achinger, Ann-Kathrin Wetter

Stand: 31.08.2021

Wir sind unterwegs in Bayern im Landkreis Eichstätt. Viele hier sind empört: Wegen einer Biogasanlage.

Anwohner

"Mir sind nicht empfindlich. Aber das war schlimm, weil das so gestunken hat."

Woher kam der Gestank, wollen wir wissen…
"Meistens haben sie es ausgefahren, wenn es dunkel wurde."

Von nächtlichen Anlieferungen erzählt man uns:
"Es ist schade, dass der Besitzer sich nicht dazu äußert."

Und wir bekommen noch mehr Informationen:
"Und da haben mir ja die Leute. Andere Leute erzählt, der bringt Schlachtabfälle."

In Biogasanlagen Abfälle in Energie umzuwandeln, gilt als nachhaltig und sicher, wenn alle Auflagen eingehalten werden. Aber so ist es nicht überall, wie unsere Recherchen zeigen. Wir treffen Martin Biedermann. Er führt uns zu der Problemanlage am Dorfrand. Als Kommunalpolitiker ist die Anlage für ihn immer wieder Thema. Jetzt wird gegen den ehemaligen Betreiber ermittelt. Der Verdacht: Illegale Entsorgung von Schlachtabfällen. Der ehemalige Betreiber will sich nicht äußern. In der Umgebung sind viele Menschen aufgebracht.

"Es ist halt schlimm, dass das hier überhaupt möglich ist, aber für die Anwohner ist es, die sagen ja, das kann doch nicht sein, das stinkt und stinkt und stinkt und hört nicht mehr auf."

Martin Biedermann, Freie Wähler, Stadtrat Beilngries

Das zuständige Landratsamt erhielt immer wieder Hinweise. Erst als die Staatsanwaltschaft ermittelt, erlässt das Landratsamt einen Stopp: Die Gärreste, die bei solchen Anlagen übrigbleiben, dürfen nicht mehr wie Gülle aufs Feld. Zur Beweissicherung wurden Proben genommen. Inzwischen ist klar: Gärreste mit Schlachtabfällen, die nicht ausreichend hygienisiert wurden, kamen hier auf die Felder. Böden mussten hier nicht abgetragen werden.

Wir wenden uns an das Umweltbundesamt, wollen grundsätzlich wissen: Welches Risiko besteht bei der illegalen Entsorgung von Schlachtabfällen in Biogasanlagen.

"Wenn die Menschen damit in den in Kontakt kommen, dann können sie erkranken, gleiches kann passieren mit den angebauten Pflanzen."

Roland Fendler, Umweltbundesamt

Illegale Entsorgung von Schlachtabfällen - mit System?

Warum nehmen Biogasanlagen sogar illegal Schlachtabfälle an? Tatsache ist: Mais einfüttern – kostet. Abfälle annehmen – damit lässt sich dann zusätzlich Geld verdienen. Hat das System?

Wir recherchieren weiter, stoßen auf mehrere auffällige Biogasanlagen. Staatsanwaltschaften berichten uns von schwierigen Ermittlungen. Und uns wird ein Ordner zugespielt. Zu einer Anlage, die auch Schlachtabfälle verwerten darf. Im Ordner stehen Anschuldigungen - der Betreiber wird diese später bestreiten. Ein Experte schreibt von „überhöhten Einsatzmengen“. Der Verfasser gehe von falschen Voraussetzungen aus, heißt es später vom Betreiber.

Wir fahren zu der Anlage, wollen zum Betriebsbeginn am Morgen dort sein, beobachten, was passiert - ob uns etwas auffällt. Als wir ankommen – brennt die Notfackel. Ungewöhnlich, wie uns mehrere Experten unabhängig voneinander später sagen. Die Erklärung des Betreibers: Erforderliche Revisionsarbeiten am Motor der Biogasanlage. Wir bleiben mehrere Stunden, beobachten Tanklaster, die auf die Anlage fahren. Sonst fällt uns hier heute nichts auf. Nur die Fackel, die brennt mehrere Stunden lang.

Wir treffen eine Anwohnerin. Sie glaubt, mit der Anlage stimmt was nicht. Ihre Gärtnerei ist direkt um die Ecke. Hier habe es immer wieder ungewöhnlich gestunken. An einen Vorfall im letzten Jahr erinnert sie sich noch genau.

"Das war im August, soweit ich weiß. Nachts um viere, wir natürlich alle Fenster offen. Mein Mann und ich wachen gleichzeitig auf, weil es derart gestunken hat bei uns im Schlafzimmer oben dass … ich hab fast keine Luft mehr gekriegt."

Birgit Rößle, Anwohnerin

Der Betreiber führt dies auf eine Anlieferung von Kräuterresten zurück.

Ortswechsel: Wir treffen einen Brancheninsider, der das Geschäft mit Biogasanlagen kennt. Einen Gärrestefahrer. Auch er hat früher nicht genehmigte Schlachtabfälle an eine Biogasanlage geliefert, sagt er. Er holt Gärreste ab und bringt sie auf seine Felder oder auf die von anderen Landwirten. Schlachtabfälle fahren und entsorgen, das sei lukrativ. Inzwischen fahre er nur noch für Anlagen, wenn er überzeugt sei, dass dort alles in Ordnung ist.

"Wir haben ja dann irgendwann die Reißleine gezogen und haben es ja eigentlich, sage ich mal auch mein Mitarbeiter hat sich dann öfters beschwert, einfach weil die Gülle so gestunken hat."

Werner Hertle, Gärreste-Fahrer

Die Gülle aus der Biogasanlage, die er hier heute ausfährt – die stinkt nicht. Ist offensichtlich sachgemäß verarbeitet.

Zurück bei Birgit Rössle und der Anlage in der Nachbarschaft. Das Landratsamt führt den Geruch damals auf die Verwertung von Petersilienstengeln zurück – auch der Betreiber spricht von Kräuterresten. Birgit Rössle beschreibt, wie sie den Geruch wahrgenommen hat.

"Den Geruch kann man nicht wirklich beschreiben. Das riecht nach Verwesung. Des riecht nach, nach, nach, nach Gärung, die ganz extrem ist. Also wirklich brechreizerregend."

Birgit Rößle, Anwohnerin

Laufende Verfahren und Ermittlungen

Wir haken erneut beim zuständigen Landratsamt nach. Jetzt heißt es: 2019 wurden mehr als 1000 Tonnen zu viel an Input eingesetzt. Weitere Angaben will die Behörde nicht machen aufgrund von laufenden Verfahren und Ermittlungen.

Der Anlagenbetreiber selbst sagt uns ein Interview kurzfristig ab, wegen der gegen ihn laufenden Verfahren. Wir erhalten mehrere Schreiben von seinem Anwalt. Er bestreitet Unregelmäßigkeiten: "Letztendlich bleibt es dabei, dass sich unser Mandant nichts vorzuwerfen hat, die Anlage sauber und genehmigungskonform betrieben wird."

Von der Staatsanwaltschaft Augsburg heißt es, dass gegen den Betreiber, wegen des „Verdachts auf Bodenverunreinigung“ ermittelt wurde: „Das Verfahren wurde im Februar 2020 im Hinblick auf ein weiteres, bei einer anderen Staatsanwaltschaft anhängiges Ermittlungsverfahren wegen unerlaubtem Umgang mit Abfällen u.a. vorläufig eingestellt.“

Was genau hier los ist, müssen die Behörden klären.

Grundsätzlich gilt – Fallzahlen fehlen. Das Bundeswirtschaftsministerium spricht von Einzelfällen und schreibt „dass die ganz überwiegende Mehrheit der Anlagenbetreiber sich an die gesetzten Regeln hält und dass der missbräuchliche Einsatz von alternativen Brennstoffen auf wenige Ausnahmefälle begrenzt ist.“

Wir konfrontieren den Branchenverband. Das Geschäft mit der illegalen Entsorgung von Schlachtabfällen ist hier sehr wohl bekannt:

"Für uns als Verband ist das sehr ärgerlich und nicht nur sehr ärgerlich, wir sprechen uns wirklich dagegen aus, weil es die ganze Branche in Verruf bringt. Also auch, wenn man das dann diskutiert mit anderen Anlagenbetreibern, die sagen ja, äh, keine Gnade in Anführungszeichen für diese Betriebe, das ist einfach illegal."

Stefan Rauh, Fachverband Biogas

Die Problem-Anlage in dem kleinen bayerischen Dorf läuft im Moment nicht. Nur eine Atempause für die geplagten Anwohner? Das Misstrauen vor Ort ist riesengroß.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


5