Report München


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Die vierte Corona-Welle der Ungeimpften Die Kosten, die Opfer, die Folgen

Erste Intensivstationen in deutschen Krankenhäusern müssen schon wieder Patienten abweisen. Die Ursache: Schwerkranke Menschen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Tatsache ist: Die große Mehrheit dieser Patienten wurde nicht gegen das Virus geimpft. Die Kosten belasten unser Gesundheitssystem.

Von: Ulrich Hagmann, Fabian Mader

Stand: 21.09.2021

Unterwegs mit dem Impfbus im ländlichen Süden Thüringens, einer Hochburg der Impfverweigerer. Ausgerechnet in dieser Region will Impfärztin Jana Oechel mit ihrem Team Menschen dazu bewegen, sich endlich impfen zu lassen.

"Eigentlich war das Impfen zu DDR-Zeiten kein Thema. Es hat sich jeder impfen lassen. Ich weiß es nicht, ob das die Wende ist, dass die Leute rebellischer sind, sobald sie sich unter Druck gesetzt fühlen, dann ins Gegenteil umkehren."

Dr. Jana Oechel, Ärztin

Fünf Dörfer will das Team anfahren. Noch ahnt keiner im Bus, welche heftigen Auseinandersetzungen dieser Tag noch bringen wird. Währenddessen steigt in München die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern.  Morgenvisite auf der COVID–Intensivstation im Klinikum rechts der Isar.

"Wir betreuen im Moment Patientinnen und Patienten zwischen 27 und 80 Jahren, alle davon sind im Moment tatsächlich ungeimpft."

Dr. Christoph Spinner, Pandemiebeauftragter Klinikum rechts der Isar

Bisher über 2,9 Milliarden Euro Behandlungskosten

Bereits jetzt im September steigt die Belastung des Personals in den Krankenhäusern erneut. Das zehrt an den Nerven.

"Ja, man hat jüngere Patienten, das geht jedem von uns und dem Pflegepersonal hier auch näher, das sind Patienten, die sind näher an einem selber von der Altersstruktur. Das sind Patienten, die eigentlich noch viel vom Leben vor sich hätten und eben das Entscheidende ist, dass man jetzt eine Impfung zu Verfügung hat. Das ist der Unterschied zu vor einem Jahr."

Dr. Sebastian Rasch, Oberarzt Uniklinik rechts der Isar

Die Impfung hätte viele dieser Patienten vor der Intensivstation bewahrt. Das ärgert das Personal, kostet nicht nur Nerven, sondern auch Geld. Laut einer exklusiven Analyse der AOK für report München reichen die Kosten durchschnittlich von 5.800 Euro bei weniger komplizierten Fällen bis zu 34.200 Euro bei Patienten, die beatmet werden müssen. Seit Beginn der Pandemie kommt so in etwa eine Summe von 2,9 Milliarden Euro zusammen. 

Dr. Spinner nimmt uns mit auf die Isolierstation. Dieser Patient ist 41 Jahre alt, ohne jegliche Vorerkrankung, hat sich wahrscheinlich im Urlaub im Süden infiziert. Er ist seit 10 Tagen krank, seit 3 Tagen in der Klinik wegen schwerer Atemnot.  Der Mann will unerkannt bleiben. Für die Impfung habe er keine Zeit gehabt.

"Wir haben gedacht, Urlaub machen wir zuerst. Wenn ich das einmal mache, dann schaffe ich das zweite Mal nicht wegen der Urlaubszeit."

Patient

Eine typische Begründung. Weil zwischen beiden Impfungen mehrere Wochen liegen hat er gedacht: im Herbst reicht es auch noch mit der Impfung. Ein schwerer Fehler.

"Wir hoffen natürlich, dass es uns durch Medikamente auch in seinem Fall gelingt, die Verschlechterung der akuten Situation zu verhindern, nur weil uns das nicht immer gelingt, werden natürlich jetzt mehr und mehr Betten auch auf Intensivstationen von Menschen beansprucht, die eigentlich eine vollständig verhinderbare schwere COVID-19-Erkrankung haben."

Dr. Christoph Spinner, Pandemiebeauftragter Klinikum rechts der Isar

Außeinandersetzungen mit Impfgegnern

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, sind jetzt mobile Teams unterwegs. Jana Oechel und ihr Team setzen in Südthüringen die ersten Spritzen.   

Heute ist die Nachfrage eher gering. Nach 2 von 5 Ortschaften sind gerade einmal 5 Menschen zur Impfung gekommen.  Und es regt sich Widerstand. Eine Impfgegnerin will das Team vertreiben. Jana Oechel bleibt dennoch gelassen.

"Es kann mich auch einer, wenn ich durch einen Park Lauf angreifen. Ich bin da..., ne habe ich keine Angst, ich brauche kein Security."

Dr. Jana Oechel, Ärztin

Doch das ist nur der Anfang. Einen Ort weiter wartet schon eine ganze Gruppe von Impfgegnern.

Streit mit Impfgegnern

Dr. Jana Oechel, Ärztin: "Hallo, wer kommt zum Impfen, kommt jemand zum Impfen? Dann bitte vorne rein."

Impfgegner: "Lassen sie die D-Dimere bestimmen vor und nach der Impfung..."

Menge: "Ja, ja"

Ein Spießrutenlauf für die Impfwilligen.

Impfgegnerin: "Darf ich Ihnen mal was zu lesen geben?"

Dr. Jana Oechel, Ärztin: "Inhaltsstoffe: Das sind kein Aluminium, kein Formaldehyd drin. Das kann gar nicht drin sein – nein. Das ist alles gelogen."

Gespräch Impfgegner / Impfteam: "Also es gibt keine Quelle, die Sie mir jetzt ansagen könnten konkret? Also ist das für mich total hinfällig."

Der Streit am Impfbus droht zu eskalieren

Impfgegner: "Ich hab hier locker 20 Internetadressen, Links zu internationalen Seiten."

Erste Intensivstationen voll

Zur gleichen Zeit in Rosenheim in Bayern. Die Stadt war letzten Winter Corona-Hotspot und auch jetzt ist Rosenheim ein Spitzenreiter bei der Inzidenz. Im örtlichen Krankenhaus ist die Intensivstation schon voll. Klinikdirektor Jens Deerberg-Wittram leitet einen Verbund von vier regionalen Krankenhäusern und überall ist die Situation extrem angespannt.

"Es ist schon seit einigen Tagen so, dass wir geplante Operationen verschieben, diese Leute warten teilweise verzweifelt auf Operationstermine. All das jetzt irgendwie zu verschieben und hintanzustellen mit der Begründung, wir haben wieder Covid und die Betten sind belegt mit Menschen, die sich nicht haben impfen lassen, baut einen zusätzlichen enormen emotionalen Druck bei denen auf, die einfach sich um ihre Patienten kümmern wollen."

Dr. med Jens Deerberg-Wittram, Geschäfstführer Romed Kliniken

In Thüringen spitzt sich die Lage weiter zu. Der Busfahrer schaltet sich ein. 

"Der Impfbus ist da. Sie müssen das akzeptieren. Die Leute die sich impfen lassen. Wir akzeptieren auch die Leute, die sich nicht impfen lassen. Und ich will auch nicht, dass irgendwelche Leute, die Busse randalieren und die Leute da drin angehen. Das hatten wir auch schon. Aber das gehört sich nicht."

Busfahrer

Während drinnen weiter geimpft wird, ruft der Busfahrer die Polizei, denn die Impfgegner lassen nicht locker.

"Werden Sie eigentlich darüber aufgeklärt, dass das ein Genexperiment ist, was Sie hier machen und keine Impfung?"

Impfgegner

"Man hat schon ein bisschen Angst. Und man fühlt sich verängstigt, wenn man hier ankommt und gefilmt wird von Leuten. Also ich filme auch niemandem von Ihnen, weil ich das einfach sehr persönlich finde und auch sehr übergriffig."

Theresa Zeller, Notfallsanitäterin

"Ich würde Sie erstmal bitten, kurz da rüber zu gehen. Dann klären wir erst mal alles. Kommen Sie mal mit."

Polizei Meiningen

"Wir sind jetzt in einer Phase der Pandemie oder auch der Impfkampagne, wo Welten aufeinanderprallen."

Dr. Jana Oechel, Ärztin

"Ich opfere meine freie Zeit dafür. Und ich find’s echt schwierig, dass man sich jetzt, naja, hier echt ein bisschen eingeengt und beängstigt fühlen muss."

Theresa Zeller, Notfallsanitäterin

Für Jana Oechel ist wichtig: Die Geimpften sind ihr dankbar. Auch wenn es an diesem langen Tag nur 20 Menschen waren. Sie will sich nicht einschüchtern lassen und auf jeden Fall weitermachen.

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