Report München


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Die Rückkehr der Wolfsrudel Gefahr für Mensch und Tier?

Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt. Vor allem im Osten Deutschlands sind die streng geschützten Raubtiere eine Bedrohung. Jetzt ist der Wolf auch im Westen angekommen. 200 Wölfe allein in Niedersachsen, deutschlandweit über 700. Müssen Wölfe jetzt bejagt werden? Immer mehr Politiker fordern eine Erleichterung des Abschusses. Der Wolf wird zum Wahlkampfthema vor allem im Osten.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 08.01.2019

Der Wolf ist vor allem eines, ein großes, wildes Raubtier.

Naturschutzstation „Östliche Oberlausitz“ in Sachsen. Annett Hertweck freut sich über die Rückkehr der Wölfe,wenngleich es ihren Schafen jetzt öfter an den Kragen geht. Hier Bilder des letzten Wolfsangriffs vom Oktober, einer Ihrer Kollegen hat den Wolf sogar noch gesehen: "Ich und der Arbeitskollege hatten heute früh ein Live Erlebnis gehabt, wo der Wolf direkt vor unserem Auto die Schafe angegriffen hat, bzw. angefallen hat."

Die Schafe sollen hier das wertvolle Biosphärenreservat pflegen.  71 Tiere verliert die Station bei diesem Angriff.

"Das sind schon grausame Bilder, aber was soll ich jetzt sauer sein auf den Wolf, das ist seine Natur. Wir sind nun eben im Wolfsgebiet, das wissen wir."

Annett Hertweck, Naturschutzstation „Östliche Lausitz“

Die Mehrheit der Deutschen hat sich gefreut, als das erste Wolfspaar vor knapp 20 Jahren in der Lausitz auftauchte. Es gab eine Willkommenskultur für den Wolf in Deutschland. Doch jetzt kommen die Wölfe näher, werden in Dörfern gesichtet, reißen Schafe, Kälber, Ziegen und manchmal auch Hunde.

In Kaltwasser in der Lausitz zählt Schäfer Uwe Wiedmer 5 Rudel auf, die sich in der Umgebung aufhalten.

"Wie weit geht Wolf noch. Es ist uns eigentlich versprochen worden, nein macht der Wolf nie, der Wolf ist scheu, der bleibt im Wald, der kommt nicht raus, es ist nur eure eigene Dämlichkeit, dass ihr die Schafe nicht schützen könnt."

Uwe Wiedmer, Schäfer

Es sind Bilder solcher Übergriffe, mit denen die Familien der Schäfer nicht klarkommen.

"Und da redet niemand drüber, es reden immer nur alle, der, der Wolf. Es redet kaum jemand über die Schafe."

Andrea Wiedmer, Schäferin

"Nur weil jetzt irgendwelche grünen Spinner denken, der Wolf muss jetzt in ausufernder Weise überall rumlaufen."

Uwe Wiedmer, Schäfer

Starker Anstieg der getöteten Nutztiere

Der Wolf ist in Europa streng geschützt und Futter gibt es in Deutschland reichlich: die Wälder voller Wild, Weidetiere oft schlecht gesichert. Deswegen sind die Wölfe von der Lausitz über Brandenburg bis nach Norddeutschland gewandert.

Die Karte zeigt die Ausbreitung der Wolfsrudel seit 2001. Zuständig für die Erfassung sind die Bundesländer. Die gehen von rund 730 Wölfen aus, die sich zum Jahreswechsel in Deutschland aufhalten. Das hat eine Anfrage von report München bei den Umweltministerien aller Flächenländer ergeben. Außerdem: ein starker Anstieg der getöteten Nutztiere, von 540 in 2015 auf 1385 im Jahr 2017. 

Für die AFD ist das ein gefundenes Fressen in den kommenden Landtagswahlkämpfen. Mit dem Thema Wolf kann sie die anderen Parteien vor sich hertreiben. Die AFD möchte Wölfe zum Abschuss frei geben, um sie zu regulieren.

"Also man merkt genau, dass die CDU ja in Sachsen die SPD als Koalitionspartner hat und die SPD will den Wolf natürlich erhalten und die müssen dann so einen Schlängel-Mittelweg finden."

Silke Grimm, AFD, Landtagsabgeordnete Sachsen

In Sachsen hat die CDU Angst hinter die AFD zurück zu fallen. Mitten im Wolfsgebiet wächst der Druck auf den Landtagsabgeordneten.

"Wir haben ein großes Problem als Politiker hier in unserer Region, ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. Kindertagesstätte in Uhsmannsdorf, diese Kindertagesstätte hat eine naturnahe Erziehung, hat dort Lolek und Bolek gehabt und die eine Ziege wurde in der Nacht von Sonntag auf Montag geholt und eine Woche drauf wurde dann die andere Ziege vom Wolf gefressen. Ja jetzt kommen die Eltern an und sagen Moment, die Kindertagestätte, ist mitten im Dorf, ihr müsst in der Politik was machen, wir sind nach Berlin gegangen, wir sind nach Brüssel gegangen und leider sind wir mit unserem Problem nicht durchgekommen."

Lothar Bienst, CDU, Landtagsabgeordneter Sachsen

Die Geschichte von Lolek und Bolek zeigt exemplarisch, wie die Emotionen hochkochen beim Thema Wolf. Der Wolfsschutz Deutschland bietet der Kindergartenleitung zwei neue Ziegen und einen wolfssicheren Zaun an. Der Kindergarten lehnt ab, man wolle keinen Elektrozaun auf dem Kinderspielplatz.

Der Wolfsschutz reagiert beleidigt und spekuliert in einem Kommentar: „Wurden Lolek und Bolek den Wölfen absichtlich zum Reißen angeboten, um eine Abschussdiskussion anheizen zu können...“

Obwohl der Kindergarten nie den Abschuss von Wölfen gefordert hatte, kommen  aus ganz Deutschland Protestmails von Wolfsschützern:

„Wie kann jemand der in diesem Bereich arbeitet nur so ekelhaft sein?“
„Sie wollen doch gar nicht die Kinder schützen, sie wollen doch nur den Wolf abgeknallt sehen.“
„Das tatsächliche Problem für die Kinder sind nicht die Wölfe. Das tatsächliche Problem für die Kinder sind SIE.“

Proteste nehmen zu

Wolfsschützer gegen Wolfsgegner. In Bayern kommen die Wölfe erst langsam an, Schäden sind vergleichsweis gering. Trotzdem nehmen die Proteste im Süden zu, ob in München oder beim Mahnfeuer in der Oberpfalz.

"Die Distanzen zwischen den Menschen und den Wölfen werden immer kürzer und ich möchte nicht erleben, dass ein Kind, das aus Angst wegläuft, damit den Beutetrieb eines Wolfes auslöst."

Jürgen Weißmann, Bayerischer Jagdverband

"Es muss doch jetzt irgendwann passieren, dass man sagt, es gibt eine Obergrenze und jetzt ist Schluss."

Joseph Grassegger, Bayerischer Landesverband der Schafhalter

 „Äh Obergrenze, jaa...“ Beifall.

Die Forderung nach einer Obergrenze für den Wolf hat die Politik aufgerüttelt. Die Landwirtschaftsministerin will den Abschuss erleichtern, im Bundesrat läuft eine ähnliche Initiative. Schluss mit der Willkommenskultur. Zur Abwehr ernster Schäden sollen Wölfe zum Abschuss freigegeben werden. Dabei wäre in Deutschland noch viel Platz für Wölfe, meint Experte Ulrich Wotschikowsky. Aber brauchen wir die Wölfe?

"Die Frage ist anmaßend, die Frage bedeutet, wir fragen den Schöpfer, warum hast du uns diese Tiere gegeben. Ich sehe das anders. Ich bin nicht religiös, aber ich bin der Meinung, wir haben die Schöpfung möglichst so zu erhalten, wie wir sie übernommen haben."

Ulrich Wotschikowsky, Wildbiologe und Forstwissenschaftler

Sie steht zwischen den Fronten, Annett Hertweck von der Naturschutzstation „Östliche Oberlausitz“.

"Es kann ja nicht sein, dass weil der Wolf da ist, alle ihre Schäfereien aufgeben, oder bloß weil es eben Schafe gibt, dass man dann den Wolf abschießt. Das muss schon in einer modernen Gesellschaft möglich sein, beides miteinander zu verknüpfen."

Annett Hertweck, Naturschutzstation „Östliche Lausitz“

Eigentlich hat es die letzten Jahre ganz gut geklappt, mit den Wölfen und den Deutschen. Aber die Wölfe vermehren sich jedes Jahr um 30%. Die Deutschen werden sich entscheiden müssen, wie nah sie die Wölfe noch kommen lassen wollen.

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