Report München


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Jan Marsalek und seine Russland-Verbindungen Neue Recherchen zum Wirecard-Skandal

Der flüchtige, ehemalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek war enger mit russischen Sicherheitskreisen verbunden, als bisher bekannt. So will Marsalek "mit Hilfe der Russen" 2017 sogar nach Palmyra in das syrische Bügerkriegsgebiet gereist sein. Dies zeigen Interviews mit Insidern und zahlreiche interne Unterlagen, darunter Mails und Chatprotokolle, die report München vorliegen.

Stand: 16.03.2021

Er ist seit Monaten auf der Flucht: Jan Marsalek. Ex-Vorstand der Skandalfirma Wirecard. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen bandenmäßigen Betrugs. Vermutet wird, dass der ehemalige Wirecard-Manager in Russland untergetaucht ist. Recherchen von report München zeigen jetzt: Der Putin-Bewunderer hatte enge Verbindungen zu russischen Sicherheitskreisen.

Er weiß mehr darüber: Kilian Kleinschmidt, ein international anerkannter Flüchtlingsexperte und gefragter Gesprächspartner zu Migrationsthemen. Im Interview mit report München spricht er erstmals öffentlich über Marsaleks Kontakte zu russischen Söldnern. Alles begann mit einer Einladung nach München.

"Ich habe Jan Marsalek das erste Mal im Sommer 2017 im Restaurant Käfer getroffen."

Kilian Kleinschmidt

Angeblich geht es Marsalek bei dem Treffen in dem Münchner Nobellokal um wirtschaftliche Projekte im Bürgerkriegsland Libyen.

"Er sei daran interessiert, als Privatinvestor, als Geschäftsmann dazu beizutragen, dass man in Libyen ein Stabilisierungsprogramm entwickelt."

Kilian Kleinschmidt, Flüchtlingsexperte 

Kontakte von Politikern bis zu Oligarchen?

Doch schon beim ersten Treffen prahlt Marsalek mit seinen Kontakten in Russland.

"Er hat davon erzählt, dass er kurz nach der Wiedereroberung Palmyras, die damals schon vom IS von den Russen erobert wurde, die Stadt, hätte er dort besucht, mit Unterstützung der Russen. Und das hätte ihn natürlich schon sehr beeindruckt."

Kilian Kleinschmidt

Tatsächlich hatten syrische und russische Truppen im Frühjahr 2017 die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats zum zweiten Mal aus der antiken Ruinenstadt Palmyra vertrieben. Kurz danach habe Marsalek den Kriegsschauplatz besichtigt – das berichten auch andere Gesprächspartner des Ex-Vorstands.

"Da kann man nicht einreisen als interessierter Tourist, der die antiken Ruinen sehen will, da kommt man nur rein, wenn man Beziehungen entweder zur syrischen Regierung oder zu russischen Stellen hat."

Florian Toncar, MdB (FDP), Mitglied Wirecard-Untersuchungsausschuss

Dass Marsalek in Russland sehr gut vernetzt war, hat Jörn Leogrande mitbekommen. Er war 15 Jahre lang Manager bei Wirecard und hat teils eng mit Marsalek zusammengearbeitet.

"Seine Kontakte reichten von Politikern, die auch sehr, sehr hoch in der Hierarchie waren, aus meiner Sicht, bis zu Investoren, Start-up-Unternehmern, auch Oligarchen."

Jörn Leogrande, Ehemaliger Manager Wirecard AG

"Er muss sehr abgestumpft gewesen sein, auch sehr gewaltaffin"

Als Wirecard-Vorstand hat Marsalek immer wieder versucht, in Russland Geschäfte anzubahnen. So wollte er ein Bezahlsystem für die Moskauer U-Bahn entwickeln.

"Also die Projekte, die sind sozusagen im Sande verlaufen, allesamt. Da hat man sozusagen eine gewisse Anfangsenergie reingesteckt. Aber dann hat man schnell herausgefunden, dass es viel zu aufwendig ist, diese Projekte wirklich operativ umzusetzen."

Jörn Leogrande, Ex-Innovationschef Wirecard AG

Warum ist Russland für Marsalek trotzdem so interessant? Kilian Kleinschmidt trifft ihn im Frühjahr 2018 ein zweites Mal.

Diesmal in der Prinzregentenstraße 61 in München. Dort geht Marsalek damals seinen privaten Geschäften nach. Gleich gegenüber liegt das russische Generalkonsulat. Bei dem Treffen mit dabei: Ein Spitzenbeamter des österreichischen Verteidigungsministeriums und ein Geschäftspartner Marsaleks aus Wien. Beim Vorgespräch soll Marsalek angekündigt haben, man müsse später noch über die neue Ausrüstung sprechen.

"Er meinte dann, ja, es ist ja so tolles Equipment und da vor allen Dingen muss ich euch, Zitat, die geilen Bodycams zeigen. Und da gibt es ja super Videomaterial, aber das kann man ja nicht zeigen, weil Zitat, die Jungs erschießen ja alle Gefangenen."

Kilian Kleinschmidt, Flüchtlingsexperte

Worum geht es da? Um Ausrüstung für Söldnertruppen? Auf Anfrage erklären die beiden österreichischen Teilnehmer des Treffens, sie könnten sich an den Vorgang nicht erinnern.

"Offenkundig sind da Kriegsverbrechen gefilmt worden, Gefangenenerschießungen oder andere Gräueltaten. Und der Dax-Vorstand Marsalek fand das geil. Also er muss auch sehr abgestumpft gewesen sein, auch sehr gewaltaffin gewesen sein."

Florian Toncar, MdB (FDP), Mitglied Wirecard-Untersuchungsausschuss

Private Geschäfte mit russischen Militärunternehmen

Hinzu kommt: Jan Marsalek hat offenbar mit einem russischen Militärunternehmen auch Geschäfte gemacht. So taucht eine private Sicherheitsfirma namens RSB-Group 2016 in Libyen auf. Die Truppe räumt auf dem Gelände einer Zementfabrik monatelang Minen – und hat den Einsatz selbst dokumentiert.

Die Zementfabrik hat 2015 eine Gruppe von Investoren gekauft. Einer davon soll Marsalek sein.

"Jan Marsalek hat davon gesprochen, dass er in Libyen investiert hätte, zusammen mit einem libyschen Partner. Er hätte dort Zementwerke gekauft."

Kilian Kleinschmidt, Flüchtlingsexperte

Und die geschäftliche Verbindung geht offenbar weiter: Ende 2017 kommt RSB mit Wirecard selbst ins Geschäft.

Dies zeigen interne Unterlagen, die report München vorliegen. Demnach hat Wirecard an die RSB Holdings in Dubai Software für Prepaid-Kreditkarten geliefert – für 1,4 Millionen Euro. Das Geschäft fällt 2019 den für Wirecard zuständigen Wirtschaftsprüfern von EY auf. Sie verlangen Aufklärung. Eine Mitarbeiterin von Wirecard fragt daher Marsalek in einem Chat, ob er Bilanzen der russischen RSB-Group beschaffen könne.

Der antwortet: „RSB ist eine russische Sicherheitsfirma. Da gibt es keine Abschlüsse.“

Dann schreibt die Mitarbeiterin, die Wirtschaftsprüfer zweifelten, dass die russische Sicherheitsfirma existiert.

Marsalek fragt zurück: „Ist das ein Scherz? Telefonat mit Putin vielleicht?“

Weder die RSB-Group noch Marsaleks-Anwalt haben Fragen von report München beantwortet. Vergangenen Juni brach Wirecard zusammen. Kurz danach wollte Kilian Kleinschmidt übrigens deutsche Polizeibehörden über Marsaleks Verbindungen zu Russland informieren. Doch die hätten sich für seine Hinweise nicht interessiert.

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