Report München


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Marsalek und die Geheimdienste Neue Recherchen zum Komplex "Wirecard"

Vor knapp zwei Jahren verschwand Jan Marsalek, der umtriebige Ex-Vorstand des Skandalunternehmens Wirecard. Jetzt wird immer offensichtlicher: Jan Marsalek suchte und pflegte Kontakte zur Schattenwelt der Geheimdienste.

Von: Arne Meyer-Fünffinger, Joseph Streule

Stand: 23.05.2022

Jan Marsalek: Seit fast zwei Jahren wird er steckbrieflich gesucht. Der ehemalige Vorstand von Wirecard gilt als Jahrhundertbetrüger – und es wird immer klarer: Er pflegte enge Kontakte zu Geheimdiensten.

In Dubai treffen wir einen, der jahrelang ein freundschaftliches Verhältnis mit Marsalek hatte: Martin Weiss, ehemalige Abteilungsleiter des österreichischen Verfassungsschutzes BVT.  Exklusiv gibt er report München ein Interview. Mit Marsalek stand er nach dessen Verschwinden noch monatelang in Kontakt.

"Er hat mich halt kontaktiert, und ich habe ihn dann zurückgerufen. Auf einer sicheren Leitung."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Hat er geschildert, was er eigentlich plant?

"Nein, ich habe aber auch nicht danach gefragt. Sondern es ging wirklich hauptsächlich um die Frage, wie geht´s Dir jetzt, wie schaut´s aus, was wird gemacht."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten

Kennengelernt hat der frühere hochrangige Beamte aus Österreich Marsalek schon 2015. Ab 2018 arbeitet der inzwischen freigestellte Geheimdienstmann in einer Villa in München für einen Geschäftsfreund von Marsalek. Der Wirecard-Vorstand residiert hier ebenfalls. Der Austausch ist eng. Hat Martin Weiss gemerkt, dass Marsalek Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten pflegte?

"Ja. […] Aber es hat sich niemand als Geheimdienstler vorgestellt. Aber dass er als Person für Geheimdienstler interessant ist. Natürlich! Wer, wenn nicht er?"

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Denn Marsalek war nicht nur Vorstand des Zahlungsdienstleisters Wirecard. Er hatte viele Interessen: So beschäftigte er sich mit Aufbauprojekten für das Bürgerkriegsland Libyen. Er reiste angeblich mit russischen Sicherheitskräften nach Syrien und war auch häufig in Moskau.

"Das ist ein Mensch gewesen, zu dem alle gekommen sind. Ob das jetzt Russland gewesen ist oder nicht."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Bernd Schmidbauer mit Helmut Kohl

Und auch er nimmt Marsalek ernst: Bernd Schmidbauer, langjähriger Geheimdienstkoordinator unter der Regierung Helmut Kohls, anerkannter Vermittler, vor allem im Nahen Osten und seit Jahrzehnten bestens vernetzt. report München schildert er erstmals, warum er sich mit Marsalek getroffen hat.

"Es war seine Aktivität, seine Umtriebigkeit. Und es waren vor allen Dingen die Themen, mit denen er sich beschäftigt hat."

Bernd Schmidbauer, Geheimdienstkoordinator Bundesregierung 1991-1998

Besonders brisant: Im Frühjahr 2018 verüben russische Agenten in England mit dem Nervengift Nowitschok einen Anschlag auf den ehemaligen Spion Sergej Scripal. Wenige Monate später prahlt Marsalek in London mit streng geheimen Unterlagen und der Formel des Giftes.

"Das war nichts, um auf offenem Markt rumzuschreien. Ich habe eine Formel. Hurra, ich weiß, was. Die größte Dummheit, die es geben kann, sind solche Aktivitäten."

Bernd Schmidbauer, Geheimdienstkoordinator Bundesregierung 1991-1998

Doch dann der Zusammenbruch von Wirecard. Marsalek setzt sich von einem Kleinflughafen in Österreich nach Minsk in Weißrussland ab. Den Flug organisiert hat Martin Weiss. Für ihn eine ganz normale Ausreise.

"Das ist ja gemeldet worden. Es gibt ja dort eine offizielle Grenzkontrolle."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Tatsächlich hat die Münchner Staatsanwaltschaft erst Tage später einen Haftbefehl gegen Marsalek erwirkt. Der mutmaßliche Jahrhundertbetrüger konnte so ganz legal verschwinden. Und wo ist er jetzt?

"Keine Ahnung, ich weiß wirklich nicht."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Sein Kontakt zu Marsalek sei abgerissen, sagt er. Bereut er, sich mit ihm eingelassen zu haben? 

"Das ist auch so, wenn sie eine Ehe eingehen. Da wissen sie auch nicht am Ende des Tages, ob sie gut geht oder nicht gut geht."

Martin Weiss, Vertrauter von Jan Marsalek

Martin Weiss will vorerst in Dubai bleiben. Staatsanwälte in München und Wien werfen ihm vor, Marsalek bei der Flucht geholfen zu haben.

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