Report München


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Höher, weiter, schneller Wie der Wintertourismus den Alpen schadet

Mehr Pistenkilometer, mehr Party, mehr Kunstschnee - dank Schneekanonen notfalls auch im Grünen. Der Ausbau der Alpen spaltet die Anwohner. Doch jetzt wehren sich immer mehr von ihnen gegen die Zerstörung und Kommerzialisierung ihrer Heimat. report München über zerstrittene Dörfer, erbitterte Diskussionen und Schönheit und Schrecken der Winterwelt.

Von: Fabian Mader, Anna Tillack

Stand: 08.01.2019

Neun Uhr morgens in einer kleinen Gemeinde in Tirol. Gerd Estermann auf dem Weg ins Rathaus. Für den 66-Jährigen ist heute der entscheidende Tag. Hier stimmt der Gemeinderat in einer Stunde darüber ab, ob ein Naturparadies für den Massentourismus planiert wird. 

"Ja, wir erhoffen uns natürlich ein klares Votum gegen die Erschließung. Wir haben im Vorfeld versucht, die Leute zu überzeugen. Vielleicht ist es uns auch gelungen, den Gemeinderat und den Bürgermeister zu überzeugen, dass dieses Gebiet schützenswert ist."

Gerd Estermann, Naturschützer

Gleich wird Estermann erfahren, ob sich sein Kampf der letzten Wochen gelohnt hat und die Gemeinderäte das Liftprojekt ablehnen. Doch was geht, wird meist auch gemacht: Skigebiete werden vergrößert oder zu Skischaukeln zusammengeschlossen.

Mehr Pistenkilometer, mehr Touristen, mehr Geld. Das Land Tirol hat bereits jetzt die höchste Skigebietsdichte der Welt, 1.000 Liftanlagen und 3.400 Kilometer Piste. Eine Strecke, so weit wie von Innsbruck nach Grönland. Tausende Schneekanonen sorgen für Kunstschnee, sie decken 70% der Pistenfläche in Österreich ab. Für den immensen Wasserverbrauch sorgen dort 420 Speicherseen. Insgesamt verbrauchen die Beschneiungsanlagen so viel Strom wie 100.000 Single-Hausehalte pro Jahr.

Skitourismus ohne Schneekanonen? Undenkbar.

Trotz kurzfristiger Wintereinbrüche – Naturschnee gibt es immer weniger. Deshalb ist Skitourismus ohne Schneekanonen längst nicht mehr denkbar. Gegenüber report München betont die österreichische Regierung, man brauche Investitionen, um Marktführer zu bleiben.

Aber zu welchem Preis wird ausgebaut? Im Skigebiet Pitztaler Gletscher wird ein Berg gesprengt… um einen Ziehweg zu verbreitern. Auf unsere Anfrage schreibt die Tiroler Landesregierung, eine Genehmigung habe nicht vorgelegen.

Benjamin Stern vom Tiroler Alpenverein verfolgt die Entwicklung mit Sorge:

"Das ist momentan ein Wettrüsten, das wir beobachten, es geht darum wer hat mehr Pistenkilometer, wer liegt weiter oben, also es geht um diese Superlative, da wollen alle irgendwie mitlaufen. Und versuchen immer noch mehr Räume zu erschließen. Das ist wie eine richtige Spirale, die sich da immer weiter dreht, und diese Spirale muss jetzt endlich mal unterbrochen werden."

Benjamin Stern, Tiroler Alpenverein

Benjamin Stern vom Alpenverein und Gerd Estermann nehmen uns mit in ihr Naturparadies, über das die Gemeinden jetzt abstimmen – die Feldringer Böden. Hier finden auch bedrohte Tierarten einen Lebensraum, von Massentourismus keine Spur. Bisher ist das Hochplateau auf 2000 Metern nur mit Tourenskiern erreichbar. Jetzt ist es in Gefahr, denn es liegt zwischen den Skigebieten Hochoetz und Kühtei, die nun zu einem großen Skigebiet verbunden werden sollen.

"Da oben sieht man das Schafjoch, das wäre sozusagen der Drehpunkt, da würden also drei Lifte zusammenlaufen. In diesem Bereich Schafjoch wäre auch ein Gipfelrestaurant geplant..."

Gerd Estermann und Benjamin Stern

"Von der Betreiberseite her wurde bis zuletzt behauptet, es gebe kein Projekt und dieses eben nicht-existierende Projekt wurde jetzt vor 14 Tagen offiziell eingereicht."

Gerd Estermann, Naturschützer

"Horrorvostellung für Naturliebhaber"

Estermann startet eine Online-Petition. Mehr als 10.000 Menschen haben bisher gegen den Ausbau unterschrieben.

"Für Tourengeher eine absolute Horrorvorstellung, und für Naturliebhaber genauso. Wenn man sich jetzt vorstellt, wir sitzen jetzt da gemütlich und man hört von oben diese Alpenjodelmusik..."

Gerd Estermann, Naturschützer

Ganz in der Nähe ist das schon Realität. Talstation Zillertalarena, kurz nach Weihnachten. Lois Hechenblaikner sucht nach einem Motiv – kaum eine Region hat ihr Gesicht so sehr verändert wie die Alpen. Der Fotograf hält das seit 30 Jahren in Bildern fest.

"Man zahlt einen Preis dafür. Auch diesen kulturellen Verlust, den man hier eben erwirtschaftet, im tragischen Sinne. Indem man so viel auf dem Hochaltar dieses Erfolgs opfert, auch so viel Landschaft verbraucht bis dorthinaus. Und wenn man einfach ans exponentielle Wachstum denkt, was heißt das für drei, vier Generationen? Würde jede Generation in dieser Dynamik weiterarbeiten, dann ist der Supergau perfekt."

Lois Hechenblaikner

Mit dem Skitourismus ist die einst arme Region reich geworden. Kritik wie die von Hechenblaikner ist deshalb noch immer ein Tabu. Von der einst bäuerlichen Struktur sind nur noch Klischees übrig.

Das Ursprüngliche wird immer weiter zurückgedrängt. Das merken auch diese beiden 76 und 86 Jahre alten Tiroler Landwirte. Die neue Liftanlage, die Kühtai mit Hochoetz verbinden soll, soll direkt durch ihre Wälder führen. Gegen ihren Willen.

"Die Talstation käme da unten hin, da wo die Wiesen sind… Ich versteh das überhaupt nicht, wie man da so gierig sein kann. Für wen und für was?"

Landwirt

Das würden wir auch gerne nachfragen – doch der Bürgermeister von Oetz, gleichzeitig auch Aufsichtsratschef der örtlichen Seilbahngesellschaft, steht für ein Interview nicht zur Verfügung.

Stattdessen sein Kollege aus dem Nachbardorf.

"Die Ansprüche werden größer, wie überall in unserem Leben. Mein erstes Auto war ein VW-Käfer, jetzt habe ich einen BMW X3, Entschuldigung für die Werbung, aber unsere Ansprüche wachsen einfach ständig, und genauso ist es beim Urlaub und genauso ist es beim Skifahren."

Josef Leitner, Bürgermeister Haiming

Zurück bei der Gemeinderatssitzung, die über die neuen Lifte abstimmen sollte. Doch Überraschung - die Politiker haben die Entscheidung vertagt. Für Gerd Estermann ein Etappensieg – aber noch ist viel zu tun.

"Es kann sogar sein, dass wir die Entscheidung dann irgendwo auf die Straße oder auf den Landhausplatz hinaustragen werden, aber dafür ist es noch zu früh."

Gerd Estermann, Naturschützer

In Deutschland und in Österreich wurden kürzlich sogar zwei Skischaukel-Projekte offiziell gestoppt. Gerd Estermann hofft auf ein Umdenken – denn noch gibt es sie – die unberührten Landschaften.

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