Report München


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Auf der Jagd nach Trophäen Wie brutale Wilderer Tiere töten

Wilderer sind besonders im Süden Deutschlands fast mythische Figuren, gelten als Rebellen gegen die Obrigkeit. Doch Wilderer sind Kriminelle, die illegal Tiere töten. Sie erschießen Luchse, vergiften Greifvögel und andere geschützte Tiere. Rund 1000 Fälle verzeichnen die Behörden jedes Jahr in Deutschland – und die Dunkelziffer ist hoch.

Von: Philipp Grüll, Sebastian Kemnitzer

Stand: 10.12.2019

Sie sind irgendwo da draußen. Oft im Schutz der Dunkelheit. Sie wollen Tiere töten. Illegal. Wilderer.

"In der Regel werden die Tiere schwer verletzt, laufen Wochen oder Monate lang mit schweren Verletzungen rum und gehen dann elendig zugrunde. Und allein aus dieser Motivation heraus, dem Tierschutz gegenüber, ist die Wilderei auf jeden Fall abzulehnen und alles dafür zu tun, um das auch zu ächten."

Thomas Schreder, Bayerischer Jagdverband

Auch in Thomas Schreders Revier sind Wilderer unterwegs. Auf frischer Tat ertappt hat er noch keinen. Aber er hat immer wieder ihre Spuren entdeckt.

"Wir haben leider schon mit Pfeil und Bogen erlegte Tiere hier im Revier gehabt, wir haben aber auch schon Rehe gefunden, denen nur der Kopf abgeschnitten wurde, das restliche Tier dann liegengelassen wurde. Und die Krönung war, dass wir sogar dann auch ein Gewehr gefunden haben, das in einer Hecke deponiert wurde."

Thomas Schreder, Bayerischer Jagdverband

Was treibt die Wilderer an?

Rund 1000 Fälle von Jagdwilderei verzeichnen die Behörden in Deutschland – Jahr für Jahr. Die Täter werden nur selten geschnappt.

Im Süden Bayerns finden wir einen Mann, der über Jahrzehnte gewildert hat. In fremden Revieren. Steinböcke, Hirsche, Rehe oder Mufflons.

"Es war wie ein Rausch. Jeden Tag um 2 oder 3 Uhr bin ich aufgewacht. Da habe ich raus gemusst. Und wenn ich einen gehabt habe, wollte ich gleich den nächsten. Du bist jung, du wirst gierig und willst es haben, unbedingt. Das Fleisch kannst Du kaufen, die Hörner sind wichtig."

Wilderer

Die Jagd nach der nächsten Trophäe trieb ihn an. Und das Gefühl, den anderen, den Jägern und der Obrigkeit, eins auszuwischen.

"Der Jäger hat halt sein Revier und einen Hirsch, den möchte er schießen und ich schieß ihm den unter dem Arsch weg. Das ist nicht schön, aber wenn es ein Depp ist, schieße ich den gerne weg. Ich hatte ein paar spezielle Freunde, denen hab ich gerne was weggeschossen. Das war ein besonderer Triumph."

Wilderer

Seltene Griefvögel mit Insektizid vergiftet

Über Jahrzehnte galt Wilderei eher als Kavaliersdelikt, als Stoff für Mythen und Heldengeschichten. Doch mit der heutigen Wilderei hat das wenig zu tun. Wenn zum Beispiel seltene Greifvögel perfide getötet werden. Wie vor kurzem in Mittelfranken ein Rotmilan.

"Eine Mitarbeiterin hat diesen Vogel dann geborgen und wir haben ihn zur Untersuchung an die Maximilians-Universität in München geschickt, um zu schauen, ob da eine Vergiftung oder was auch immer vorlag und es stellte sich dann heraus, dass dieser Vogel mit Carbofuran vergiftet worden war, ein ganz starkes Insektizid, das eben auch bei Wirbeltieren und bei Menschen als Kontaktgift wirkt."

Andreas von Lindeiner, Landesbund für Vogelschutz in Bayern

Direkt neben einem Spielplatz wurde der giftige Kadaver gefunden. Wie dem Rotmilan erging es in diesem Jahr etlichen Vögeln. Der Landesbund für Vogelschutz hat deshalb jetzt ein Online-Portal gestartet. Unter tatort-natur.de können getötete Tiere gemeldet werden.

"Wir wollen Naturschutzkriminalität stoppen und müssen sie dazu natürlich gut dokumentieren und brauchen dazu natürlich aber auch die Bevölkerung, die uns diese Fälle mitteilt, die Anzeigen bei der Polizei macht, damit wir einfach solche Straftäter auch entsprechend dingfest machen können."

Andreas von Lindeiner, Landesbund für Vogelschutz in Bayern

Die Sammlung beschlagnahmter Wildererwaffen des bayerischen Landeskriminalamts. Im Freistaat wird bundesweit am meisten gewildert.

"Das ist so eine klassische Wildererwaffe, alte Waffe, gekürzt, abgeschnitten, vorne der Lauf gekürzt, der Schalldämpfer raufgemacht, sehr gutes Zielfernrohr, die Waffe ist wirklich ganz leise dann."

Ludwig Waldinger, Bayerisches Landeskriminalamt

Doch verurteilt werden Wilderer nur selten. Vor kurzem wurde ein Mann im Bayerischen Wald schuldig gesprochen. Er soll einen Luchs erschossen haben. Die Strafe: 3000 Euro. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Mann ist in Berufung gegangen. Besonders brisant: Der Mann war ausgebildeter Jäger.*

"Also Pfeil und Bogen kommt auch immer mehr in den letzten Jahren als Tatwaffe in Frage. Zum einen natürlich leise, sehr leise, zum anderen aber auch freie Verfügbarkeit."

Ludwig Waldinger, Bayerisches Landeskriminalamt

Auch für Menschen gefährlich

Die Ermittler wollen ein für alle Mal mit romantischen Wilderer-Klischees aufräumen.

"Das ist überhaupt keine Tradition oder ähnliches, das ist eine reine Straftat und es ist einfach gefährlich. Man muss sich vielleicht auch mal überlegen, das passiert in den Wäldern, in denen wir alle unterwegs sind, in denen wir manchmal auch zu Zeiten unterwegs sind, wo man vor 50 Jahren noch nicht unterwegs war, wo man Sport macht, wo man länger unterwegs ist, und dann geht jemand rum und hat ein Gewehr dabei und schießt. Der Jäger muss auf das aufpassen, der Wilderer passt nicht auf."

Ludwig Waldinger, Bayerisches Landeskriminalamt

"Wilderer und Jäger schließt sich aus. Eines passt nicht auf das andere. Ein Jäger kann kein Wilderer sein und ein Wilderer ist auch kein Jäger."

Thomas Schreder, Bayerischer Jagdverband

Gerade in diesen Wochen nimmt die Wilderei traditionell zu, sagt der Jäger.

"Wir merken zum Jahresende hin, die Monate November, Dezember, durchaus eine Erhöhung von Meldungen, leider immer weniger Nachweise, weil die Tiere dann sehr schnell wohl in einem Kofferraum verschwinden. Aber die Motivation dahinter ist meines Erachtens sich Wildbret zu beschaffen, eventuell auch für die Feiertage."

Thomas Schreder, Bayerischer Jagdverband

Und so geht er in diesen Tagen immer auch mit einem leicht mulmigen Gefühl hinaus in sein Revier.

*Anmerkung der Redaktion: An dieser Stelle wurde der Text geändert.


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