Report München


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Der Kampf ums Wasser Behörden contra Landwirte

Wasser kommt aus der Leitung. Das ist noch immer die Haltung, die viele hierzulande haben. Aber so selbstverständlich ist das nicht mehr. Auch in diesem Jahr sind in manchen Regionen Brunnen und Flüsse ausgetrocknet, Behörden drohen Landwirten mit Bußgeldern, wenn sie nicht weniger bewässern. Der Kampf ums Wasser beginnt. Und Deutschland ist darauf in keiner Weise vorbereitet.

Von: Ulrich Hagmann, Fabian Mader

Stand: 06.08.2019

Die Rüben auf diesem Feld werden vertrocknen. Sie können nicht gegossen werden.

Michael Hornbostel ist der Regenmeister des lokalen Beregnungsverbandes und damit für die Bewässerung verantwortlich. Der Bauer, dem das Feld gehört, hat sein Wasserkontingent verbraucht.

"Da habe ich Tränen in den Augen. Das ist heftig, ja. Ein Landwirt arbeitet das ganze Jahr darauf hin, seine Ernte einzufahren, wenn man das sieht, das ist Scheiße. Pippi in den Augen. Wenn man Vollblut-Landwirt ist, steckt man sowas nicht weg. (schluchzt) Schnitt!"

Michael Hornbostel, Regenmeister Beregnungsverband Ewwesse

Vertrocknete Felder

Seit Jahrzehnten schon werden die Felder im Landkreis Peine in Niedersachsen beregnet. Doch die Wassermenge ist beschränkt, die Bauern aus dem Grundwasser entnehmen dürfen.  Deswegen kann der Beregnungsverband nicht mehr alle Felder ausreichend bewässern. Jeder Bauer muss entscheiden, welche seiner Kulturen Wasser bekommen und welche nicht. Der Besitzer dieses Feldes hat entschieden, die Rüben vertrocknen zu lassen und nur Mais und Kartoffeln zu gießen.

Das Wasserkontingent ist für 15 Jahre festgelegt. So sollen die Bauern in trockenen Jahren mehr Grundwasser entnehmen dürfen und in nassen Jahren sparen. Wegen der Trockenheit hat Regenmeister Hornbostel schon fast das ganze Kontingent verbraucht und ist sauer auf den Umweltminister in Hannover. 

"Ob er sowas gerne öfter sehen möchte, würde ich ihn fragen. Ob er sich Landwirtschaft in Zukunft so vorstellt?"

Michael Hornbostel, Regenmeister Beregnungsverband Ewwesse

"Also ich glaube, das steht völlig außer Frage, dass ich nicht größtes Verständnis für seine Situation habe, aber wir können nicht mehr Wasser dem Grundwasserkörper entnehmen, als an Neu-Grundwasser-Bildung da ist. Ohne Sicherstellung, dass Trinkwasser als höchstes Gut geschützt ist, können wir nicht zulassen, dass weitere Grundwassermengen zum Beispiel für das Thema Beregnung entnommen werden."

Olaf Lies, SPD, Umweltminister Niedersachsen

Wasser kommt in Deutschland aus dem Hahn und ist immer und überall reichlich vorhanden. Wasser sparen nirgendwo notwendig. Doch diese Gewissheit kommt jetzt ins Wanken, wie auch Wasserexperten erstaunt feststellen.

"Das ist ein neuartiger Konflikt, den wir bisher in der Form noch gar nicht kannten, denn bisher waren sich alle einig, dass Deutschland über genügend Wasser verfügt. Und wir sind in einer Situation, wo wir uns das erste Mal auch über die Wassermenge intensiv streiten."

Dr. Karsten Rinke, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung

Der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz Zentrums zeigt, wie trocken deutsche Böden in rund 1,8 Meter Tiefe sind.  Rot heißt: extreme oder außergewöhnliche Dürre.

"Das heißt, dass wir den Hahn auch irgendwann mal abdrehen müssen."

Auch in Kelkheim im Taunus hat es seit Monaten kaum geregnet. Viele Pflanzen sind vertrocknet. Aber in einem wohlhabenden Neubaugebiet sind die Rasen auffällig grün. Zum Ärger der Feuerwehr (Durchsage): „Die Trinkwasserversorgung der Stadt Kelkheim ist akut gefährdet. Bitte unterlassen sie das Bewässern von Gärten und Rasenflächen, sowie das Befüllen von Schwimmbändern und Pools.“

Aber: Besonders an den heißen Tagen halten sich nicht alle daran. Nachts laufen hier Rasensprenger. Deswegen ist im Juli der Wasserverbrauch stark angestiegen.

"Hier im Neubaugebiet, ich glaube, die haben die Tragweite noch nicht begriffen, was das bedeutet."

Herbert Schneider, Feuerwehr Kelkheim

Rückblick: Im vergangenen Jahr saßen Ortsteile von Kelkheim fast komplett auf dem Trockenen. Die Feuerwehr musste sie mit einem Schlauch notversorgen. Die Ansagen haben geholfen, den Spitzenverbrauch etwas zu senken. Der Bürgermeister fordert aber ein Umdenken aller Bürger.

"Wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen müssen, wir haben einen Notstand, aber, wenn es so weiter geht, dann haben wir den und dann müssen wir zu drastischeren Mitteln greifen, das heißt, dass wir den Hahn auch irgendwann mal abdrehen müssen."

Albrecht Kündiger, Bürgermeister Kelkheim

Wem gehört das Wasser?

Ortswechsel: Grüne Wiesen, ganz ohne Bewässerung. Im bayerischen Mangfalltal gibt es mehr als genug Wasser. Aber auch hier gibt es Streit. Denn von hier stammt das Trinkwasser für das 40 Kilometer entfernte München. Jetzt soll die Schutzzone für das Wasser verdoppelt werden. Die Landwirte dort dürften dann viele Wiesen nicht mehr als Weiden nutzen.

"Für den Hof heißt es über kurz oder lang, dass ich eigentlich im Prinzip aufhören kann, weil ich verliere ein Viertel meiner Fläche, wenn das kommt, darf ich gar nichts mehr machen. Sie haben mir Austauschflachen angeboten, aber die sind 5 Kilometer weg, das ist für mich absolut unrentabel."

Alois Fuchs, Bio Bauer

Die Stadtwerke München pochen auf Wasserrechte aus dem 19. Jahrhundert und sagen, sie müssten die Trinkwasserversorgung für rund 2 Millionen Menschen sichern. Aber wem gehört das Wasser im Mangfalltal?

"Es gehört der Allgemeinheit. Aber nicht den Münchnern alleine. Es gehört allen."

Alois Fuchs, Bio Bauer

Selbst im wasserreichen Oberbayern eskaliert der Streit ums Trinkwasser. Das Beispiel zeigt, welches Konfliktpotential die Verteilung von Trinkwasser birgt. Denn vor allem die regenarmen Regionen in Ost- und Mitteldeutschland werden in der Zukunft auf das Wasser aus regenreichen Regionen angewiesen sein.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir unsere Systeme so auslegen müssen, dass wir mehrere trockene Jahre überdauern können. Wir haben teilweise Verbundsysteme, die große Bereiche versorgen, aber diese Verbundsysteme sind zum Beispiel nicht miteinander verbunden. Ich glaube wir müssen in Zukunft in der Lage sein, den Ausfall von einzelnen Systemen dadurch zu überbrücken, dass andere Systeme einspringen."

Dr. Karsten Rinke, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung

Absoluten Vorrang für die Trinkwasserversorgung fordern die Wasserwerke in ganz Deutschland.

"Sicherlich Trinkwasser ist ein sehr hohes Gut, ist absolut wichtig, aber wir als Landwirte haben auch einen Versorgungsauftrag und Nahrungsmittel sind genauso wichtig wie Trinkwasser."

Michael Hornbostel, Regenmeister Beregnungsverband Ewwesse

Diesen Konflikt wird es in Zukunft öfter geben. Denn Meteorologen sagen voraus, dass es in Deutschland immer mehr trockene und heiße Jahre geben wird.

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