Report München


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Waldsterben 2.0 Politik und Wissenschaft suchen nach Lösungen

Zwei trockene und heiße Sommer bringen den deutschen Wald an seine Belastungsgrenze. Nicht nur Fichten, auch Buchen und Eichen halten der Hitze nicht mehr stand. Die Situation ist so dramatisch, dass in den ostdeutschen Wahlkämpfen nahezu täglich neue Vorschläge unterbreitet werden. Der Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring spricht von einer nationalen Katastrophe und fordert den Einsatz der Bundeswehr zur Beseitigung von Schadholz. Ministerpräsident Bodo Ramelow kontert mit einem Aktionsplan Wald. Doch nicht einmal die Wissenschaft weiß derzeit, welche Baumsorten den Klimawandel am ehesten überstehen könnten.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 27.08.2019

"Es kommt da so ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Ohnmacht. Wir können nichts dagegen machen."

Manfred Großmann, Leiter Nationalpark Hainich

"Wir haben im Moment keine Lösung, auch die Buche als Mutter des Waldes stirbt."

Herbert Seyfarth, Forstamtsleiter Schleiz

"Es ist keineswegs übertrieben vom Waldsterben 2.0 zu sprechen."

Prof. Anette Menzel, Institut für Ökoklimatologie, TU München

Der deutsche Wald stirbt. Eine Fläche, so groß wie das halbe Saarland, traf es im vergangenen Jahr. Für 2019 rechnen Experten sogar mit weitaus größeren Schäden. Das Elend des deutschen Waldes – die Wahlkämpfer im Osten haben es jetzt als Thema entdeckt. Vor allem in Thüringen mit seinen riesigen Fichten-Monokulturen.

Borkenkäfer breitet sich rasant aus

Im Forstamtsbezirk Schleiz hat die CDU zur Baumpflanzaktion geladen. Spitzenkandidat Mike Mohring pflanzt 200 Weißtannen. Das Motto: „Nicht Reden – Handeln“. Der Wald hier ist durch Stürme vorgeschädigt. Jetzt frisst sich der Borkenkäfer in rasender Geschwindigkeit durch die Fichten.

"Genau deshalb braucht es auch solche Aktionen, die, wenn viele sie machen, auch einen größeren Beitrag leisten können. Die Alternative ist ja nicht den Wald aufzugeben, sondern die Alternative ist den Wald zu nutzen für die Aufgaben, die beim Klimawandel entstehen."

Mike Mohring, CDU, Spitzenkandidat Thüringen

90 Prozent des Waldes im Forstamtsbezirk sind in privater Hand. Viele kleine Waldbauern müssten jetzt schnell das vom Borkenkäfer befallene Holz aus dem Wald schaffen. Forstamtsleiter Herbert Seyfarth nutzt jede Chance mit Politikern zu sprechen. Denn ohne staatliche Hilfen wird das nicht klappen.

"Das ist dieses Bohrmehl.  An diesem Bohrmehl verbunden mit dem Harzfluss, der am Stamm herunterläuft, sieht man, dass dieser Baum ein Todeskandidat ist. In 6 Wochen wird der rot und stirbt ab. Jetzt müsste er raus. Jetzt in diesem Stadium, fällen, herausschaffen, weit weg vom Wald."

Herbert Seyfarth, Forstamtsleiter Schleiz

Doch das Fällen und der Abtransport sind teuer, der Holzverkauf deckt die Kosten nicht. Überall stapelt sich Fichtenholz und es wird täglich mehr.

Sinnloser Aktionismus?

Auch Thüringens Ministerpräsident ist im Wald unterwegs. Bodo Ramelow auf Wahlkampf-Tour mit Gregor Gysi. Er kennt den Forstamtsleiter persönlich, denn der Ministerpräsident besitzt ein kleines Stück Wald im Forstbezirk Schleiz, ist also selbst betroffen.

"Ich habe in der letzten Woche meine 19 Bäume bei mir auf meinem Waldgrundstück absägen müssen, und habe sie in derselben Zeit klein gehackt, damit der Käfer rauskommt. Ich hab meinen kleinen bescheidenen Beitrag sehr persönlich geleistet und das Wald pflanzen werden wir machen wenn Pflanzzeit ist.  Also reine PR Pflanzaktion zumachen mit Wurzelballen, dass man Jungbäume einbringt, die anschließend aufwändigst gewässert werden müssen, das Ganze zu verpacken als CDU Wahlkampf Aktion. In Wirklichkeit war es ein Gemeindewald, der von uns, dem Thüringen Forst beförstert wird."

Bodo Ramelow, Die Linke, Ministerpräsident Thüringen

Tatsächlich sagen Experten: Pflanzzeit ist im Frühjahr oder Herbst. Im Sommer ist die Gefahr hoch, dass Setzlinge verdursten. Doch die CDU hat Pflanzen mit großen Wurzelballen gekauft, die haben bessere Chancen.

"Sie sehen ja schon wir fangen schon mit der Bewässerung an, und dann ist es doch für die nächsten Monate eine wichtige Garantie, dass die Setzlinge auch anwachsen können."

Mike Mohring, CDU, Spitzenkandidat Thüringen

Bewässerung mit der Feuerwehr, eher kein Modell für die Rettung des Waldes. Aber die Politik will zeigen: Sie ist aktiv. Mit Positionspapieren, Aktionsplänen, Sondermitteln und einem Waldgipfel im Bundeslandwirtschaftsministerium Ende September.

Aber was tun? Die Fichte ist dem Klimawandel nicht gewachsen, das ist hier im Vordergrund deutlich zu sehen, im Nationalpark Hainisch in Thüringen. Doch weiter hinten bricht der Buchenwald zusammen. Dabei gilt die Buche als Hoffnungsträger im Klimawandel. Auch wenn es schwerfällt: Nicht eingreifen, nur beobachten lautet die Devise im Nationalpark. 

"Ich glaub es kann sich niemand hinstellen und dann einen 120-jährigen Baum zuschauen, der noch für fünf Wochen grün war, dass er jetzt stirbt. Wir können nichts dagegen machen, man kann den Wald hier nicht bewässern und im Nationalpark wird sowieso nichts gemacht. Also man merkt einfach, dass man diesen Naturkräften ausgeliefert ist."

Manfred Großmann, Leiter Nationalpark Hainich

Naturschützer sehen Ursache in falscher Forstpolitik

Großmann und andere Naturschützer und Nationalparkleiter warnen in einem offenen Brief an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor teurem Aktionismus. Schuld am Waldsterben ist für sie eine falsche Forstpolitik.

"Es kann nicht so sein, dass wir jetzt so weitermachen wie bisher, nimmt hier das Geld und wir forsten auf, wir machen den maschinengerechten Wald und der soll vor allem dann der Holzindustrie dienen, sondern die spannende Frage ist jetzt, welche Anforderungen hat die Gesellschaft an den Wald der Zukunft und welche Rolle spielen da die Wohlfahrtswirkungen? Muss dann die Ökonomie im Vordergrund stehen, so wie es in den letzten Jahren dann auch war?"

Manfred Großmann, Leiter Nationalpark Hainich

Zwar sagt auch Großmann: Vom Käfer befallene Bäume müssen aus dem Wald. Doch der Wald sei keine Holzfabrik. Mit schwerem Gerät Holz raus und neue Setzlinge rein, das hält er für den falschen Weg.

Außerdem weiß niemand, welche Baumart den Klimawandel überleben könnte. Selbst die Forschung ist ratlos, wie man am Wissenschaftszentrum Weihenstephan offen einräumt.

"Das Hauptproblem, diese Erwärmung schreitet viel zu schnell voran. Es ist auch viel zu schnell, um die geeignete Baumart nun zu identifizieren, die Bäume die wir jetzt pflanzen werden 100 Jahre plus X noch stehen, das heißt bis 2120 und müssen sämtliche Witterungs-Ereignisse und Extreme in diesen 120 Jahren überdauern können."

Prof. Anette Menzel, Institut für Ökoklimatologie, TU München

Mehr auf die Natur hören, empfiehlt Walter Grossmann. Er zeigt, wie der Wald natürlich wächst. Zuerst breitet sich Dornengestrüpp aus, in dessen Schutz sprießen Laubbäume, geschützt vor Wildverbiss. So wächst der Wald langsam auf die Wiese. Wald, wie er in Deutschland eigentlich natürlich vorkommt, wenn der Mensch nicht eingreift: widerstandsfähiger Mischwald.

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