Report München


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Vom Musterland zum Klimasünder Unser Versagen bei der Energiewende

Von: Melanie Boeff, Anna Klühspies, Fabian Mader

Stand: 04.12.2018

Ein wunderschönes Bild: Deutschland ist Klimaweltmeister. Angela Merkel stellt sich schützend vor Grönlands Eis. DIE gefeierte Klimakanzlerin. Das Problem ist: Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein. Deutschland wurde beim Klimaschutz von anderen Ländern längst überholt.

"Wir sind richtig gut gestartet, und jetzt sind wir doch sehr zurückgefallen, auch im europäischen Vergleich."

Kay Scheller, Präsident des Bundesrechnungshofes

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, das heißt ungefähr 1 % im Jahr mindern, eigentlich müssten wir 4% im Jahr mindern. Dann ist da eine gewaltige Lücke am Schluss und das können wir uns halt jetzt nicht mehr leisten."

Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende

Denn: Deutschland hat in der EU vereinbart, wie viel Treibhausgas es bis 2030 einspart. Weil dieses Ziel kaum noch zu erreichen ist, muss die Bundesrepublik wohl Emissionsberechtigungen bei Ländern kaufen, die erfolgreicher sind. Teilweise liegt das daran, dass deren Wirtschaft lahmt, und sie deshalb weniger ausstoßen. Aber andere Länder wie Schweden haben Heizungen oder den Verkehr umweltschonender gemacht. Bis zu 60 Milliarden Euro muss Deutschland wohl bezahlen.

Ein Bereich, der besonders problematisch ist: Der CO2-Ausstoß durch Öl- und Gasheizungen. Der Düsseldorfer Energieberater Thomas Bertram empfiehlt, diese Ölheizung durch eine umweltschonende Wärmepumpe zu ersetzen. Die Hauseigentümer haben allerdings schon viel Geld investiert.

"Wir haben damals die Fenster ausgetauscht, gegen eine Dreifachverglasung, wir haben das Dach gedämmt, die Fassade gedämmt und die Kellerdecke gedämmt"

Eva Englhardt, Hauseigentümerin

report München: "Was hat das gekostet, wenn ich fragen darf?"

"120.000 Euro circa."

Eva Englhardt, Hauseigentümerin

Die Wärmepumpe für rund 20.000 Euro würde sich erst in vielen Jahren rechnen, denn: Öl-Heizungen sind hierzulande noch immer billig.

Vom Musterland zum Klimasünder  | Bild: BR

"Wenn ich bei den Leuten bin, sagen die immer, ja, Energiewende gut und schön. Also find ich super. Kein CO2 mehr produzieren mit meinen Anlagen. Aber es ist eben im Augenblick für unsere Verbraucher unwirtschaftlich, relativ unwirtschaftlich."

Thomas Bertram, Energieberater der Verbraucherzentrale 

Andere Länder haben Deutschland überholt

Andere Länder machen CO2-Emissionen teuer – und kommen so schneller voran. Noch 2008 lag Deutschland vor Großbritannien und Schweden, das heißt: Es hatte gegenüber 1990 CO2 schneller gesenkt als die Konkurrenten. Seitdem stagniert die Bundesrepublik aber weitgehend. Großbritannien und andere haben Deutschland überholt.

Wir fahren nach Växjö in Schweden. Seit 18 Jahren lebt hier Simone Kreutzer mit ihrem schwedischen Mann. Die Energieexperten bauen besonders sparsame Gebäude – zum Beispiel diese Tennishalle. Sie verbraucht gerade mal ein Viertel der Energie, die andere Sporthallen benötigen.

"Das ist, glaube ich, der erste Gedanke, den die Leute haben: Baut man energieeffizient, das kostet. Tatsächlich ist es also so, dass Gebäude, die energieeffizient von Anfang an richtig geplant werden, oft entweder gar nicht oder nur geringfügig teurer sind. Die Tennishalle in dem Fall jetzt hier, die haben wir vor sechs Jahren gebaut und die hat 4 Prozent mehr gekostet, als wenn wir sie traditionell gebaut hätten."

Simone Kreutzer, Passivhaus-Expertin

Die Halle braucht weder Öl, noch Gas – ihr Geheimnis ist eine gute Dämmung, und ein spezielles Lüftungssystem. Die Tennishalle ist ein Modellprojekt. Aber Ölheizungen sind aus ganz Schweden praktisch verschwunden. Die Mehrheit nutzt eine Wärmepumpe, oder heizt mit Fernwärme. Simone Kreutzer und ihr Mann leben selbst in diesem besonders sparsamen Passivhaus. Auf Komfort verzichten sie deshalb nicht.

"Die meisten Menschen denken, wenn wir von Energiesparen sprechen, dann heißt das, man muss auf was verzichten, viele denken, oh, jetzt wird es kalt, jetzt müssen wir immer in warmen Socken rumlaufen, und wir frieren und so - das tun wir nicht."

Simone Kreutzer, Passivhaus-Expertin

Experten fordern CO2-Steuer auch für Deutschland

Selbst 80% der Altbauten heizen im Ort mit umweltschonender Fernwärme. Der Grund: Wer CO2 ausstößt muss Steuern zahlen. Öl und Gas sind teuer, Öko-Strom ist im Gegenzug billig - erneuerbare Energien und eine gute Dämmung rechnen sich daher schnell. Experten fordern die CO2-Steuer auch für Deutschland – die Bürger sollen dafür weniger für Strom bezahlen.

"CO2-Steuer hieße, Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas und auch Kohle wird teurer und dafür machen wir Ökostrom billiger. Und so, glaube ich, wird am Schluss auch ein Schuh draus."

Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende

Auch der Bundesrechnungshof empfiehlt: CO2 teuer machen. Das funktioniere besser, als die komplizierten Förderprogramme des Bundes.

"Es gibt ein Programm für Unternehmen zur Erhöhung der Energieeffizienz. Tausende Anträge hat man erwartet, ganze 3 wurden gestellt und das Programm ist immer noch am Laufen."

Kay Scheller, Präsident des Bundesrechnungshofes

report München: "Wie kann das denn sein, dass es da so ein Förderprogramm gibt und wo nur drei Anträge kommen und es wird nicht abgestellt?"

"Fragen Sie das bitte die Bundesregierung."

Kay Scheller, Präsident des Bundesrechnungshofes

Das würden wir gern. Wir fragen den zuständigen Bundeswirtschaftsminister nach einem Interview.  Keine Chance.

Auf einer Veranstaltung der Stiftung „2 Grad“ verspricht Peter Altmeier, dass Deutschland die Klimaziele 2030 erreichen wird. Wir würden gerne wissen, wie das gelingen soll. Schriftlich heißt es nur:„Im Jahr 2019 soll (…) ein Maßnahmenprogramm zur Umsetzung des Klimaziels 2030 und der Sektorziele vorgelegt werden.“ Wie diese Maßnahmen aussehen sollen, erfahren wir nicht. Die Bundesregierung ist weit zurück gefallen bei der Energiewende. Wer ein Scheitern verhindern will, muss ganz grundlegend etwas ändern.

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