Report München


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Volle Intensivstationen Sehnsucht nach Normalität

Etliche Intensivstationen in Deutschland sind am Rande ihrer Belastbarkeit, oft sind nur noch wenige Betten verfügbar. Intensivmediziner warnen seit Wochen und fordern schärfere Maßnahmen, damit die Situation nicht außer Kontrolle gerät. Gleichzeitig ist für viele Menschen Corona mittlerweile weit weg, die Sehnsucht nach Normalität ist groß. Report München unterwegs in einem pandemiemüden Land.

Von: Ulrich Hagmann, Florian Heinhold, Benedikt Nabben

Stand: 27.04.2021

Eine Isolierstation im Uniklinikum München. Als wir Rupert Treffler das erste Mal sehen, leidet er unter schwerer Atemnot. Er fürchtet, dass er auf die Intensivstation muss und hat Angst.

"Dass ich meine Kinder nicht mehr sehe, dass ich meine Frau, meine Lieben nicht mehr in den Arm nehmen kann."

Rupert Treffler

Er ist erst 54 Jahre alt, sportlich, durchtrainiert, begeisterter Triathlet. Patienten wie er sind nun immer häufiger wegen Corona im Krankenhaus. Die Klinikaufenthalte werden immer länger.

"Ich habe einen sehr starken Schüttelfrost bekommen, sehr stark Fieber. Und schlagartig Kurzatmigkeit. Also komplett die ganze Leistung komplett eingefallen, der ganze Körper zusammengefallen. Von jetzt auf gleich hat es mir die Füße weggezogen, ganz schlimm für mich."

Rupert Treffler

In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob er es alleine schafft oder ob er auf die Intensivstation muss. Wir werden noch einmal in die Klinik zurückkommen.

Über 5.000 Covid-Patienten ringen um ihr Leben

Auf deutschen Intensivstationen ringen derzeit mehr als 5.000 Covid-Patienten um ihr Leben, aber draußen ist davon wenig zu spüren. Ob in Nürnberg, Köln oder München:

Passanten:

Frau: „Wenn du das so lange mitmachst, dann hatte doch niemand in deinem Umfeld Corona oder nur ein zwei Leute, dann wirst du glaube ich auch einfach lockerer.“

Frau: „Ich finde jetzt die dritte Welle ist nicht so stark, ich glaube wir haben mit der zweiten Welle das Schlimmste überstanden.“

Mann: „Die Zahlen werden immer mehr, aber so richtig Angst oder so richtig Panik hat man nicht mehr, man hat sich an Corona gewöhnt.“

Zeitgleich im Klinikum in Nürnberg: Die Intensivstation ist fast komplett belegt. Chefarzt Joachim Ficker macht sich Sorgen um einen Patienten.

Der Professor schickt einen Pfleger mit Tablet zu den Patienten, so kann er sie im Auge behalten ohne sich ständig umziehen zu müssen. Der Zustand dieses Patienten hat sich verschlechtert. Er ringt nach Luft, bekommt Sauerstoff über eine Maske.

"Können Sie noch ein bisschen näher ans Gesicht ran, danke ja … das wird nicht lange gut gehen. Das wird nicht lange gut gehen. Es ist eine schwierige Entscheidung, aber ohne die Intubation wird es glaube ich nicht gehen."

Prof. Joachim Ficker

Zuschauen wie Menschen verzweifelt um Luft ringen, seit über einem Jahr geht das so. Auch für erfahrene Profis ist das schwer zu ertragen.

"Das ist genau die Situation, vor der wir alle so Angst haben, vor der auch die Patienten Angst haben. Die Luftnot wird immer mehr, die Atmung wird immer schwieriger. Man hat Angst zu ersticken, auch Angst zu sterben."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

Auch auf die Intensivstation in Nürnberg werden wir noch einmal zurückkehren. Zunächst aber wollen wir wissen: Wie reagieren die Menschen, wenn sie an einem sonnigen Frühlingstag mit den Dramen konfrontiert werden, die sich auf den Intensivstationen abspielen? Wir zeigen ein kurzes Video.

"Niemand würde sagen in Deutschland können so viele Flugzeuge abstürzen bis die Intensivstationen voll sind. Das würde jeder sofort als Blödsinn erkennen. Nur bei Covid-19 hat sich dieses Narrativ irgendwie etabliert. Es ist Unfug, das sind Menschen die krank sind und sterben."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

Passanten:

Mann: „Das ist ja nicht von der Hand zu weisen. Aber wie das Ganze auch bekämpft wird mit Maßnahmen, Ausgangssperren. Ich kenne eine Ausgangssperre nur aus dem Krieg.“

Frau: „Und? Was genau erwarten Sie jetzt?“

Mann: „Das ist klar, schon. Glaube ich natürlich. Leider gibt es solche Fälle, sicher. Das ist schon klar. Aber allgemein...ist bisschen anderes.“

Corona – das Leiden auf den Intensivstationen hat scheinbar seinen Schrecken verloren. Und das bei diesen Zahlen.

Neuer Höchststand naht

Seit Woche werden die Intensivstationen in Deutschland wieder voller. Die dritte Welle zeigt sich deutlich bei der Anzahl der Intensivpatienten. Derzeit sind über 5.000 Intensivbetten belegt. Ein neuer Höchststand naht. Denn: Die Belegung der Intensivbetten verläuft parallel zur den Infektionszahlen.

Auf ihm ruht große Hoffnung: Prof. Peter Kremsner leitet die Zulassungsstudie für den Tübinger Impfstoff-Hersteller CureVac. Hat weltweit Probanden rekrutiert. Seit Wochen heißt es, der Impfstoff stehe kurz vor der Zulassung. Täglich tausch er sich mit Experten dazu aus.

"Jetzt brauchen wir aber Wirksamkeitsdaten, das heißt, wir sammeln alle Covid19-Fälle bei diesen 40.000 Probanden. Wir sind jetzt schon ganz gut dabei, dass wir wirklich demnächst vielleicht schon nächste Woche erste Daten kriegen können."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Universitätsklinikum Tübingen

Prof. Kremsner ist optimistisch, was die Wirksamkeit angeht: Denn der Bauplan des CureVac-Impfstoffs sei ähnlich zu dem von Biontech und Moderna.

Zurück auf der Intensivstation in Nürnberg. Eine Woche ist vergangen. Was hat sich getan bei Professor Ficker und seinem Team?

"Die Zahl der Patienten hat deutlich zugenommen. Wir haben am Gesamtklinikum, also Intensiv- und Normalstationen ein Viertel mehr an Covid-19 Patienten, von denen auf Intensivstationen sterben etwa 40% unserer Patienten."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

Der Patient, den wir beim letzten Mal gesehen haben, hat den Tag damals nicht überlebt.

"Wenn ganz viele Patienten immer wieder diese Erstickungsgefühle haben, dann auch sterben und das jetzt über zwölf bis 14 Monate hinweg. Das ist das, was die Mitarbeiter auch mit nach Hause nehmen. Und bei aller Professionalität kann man das nicht von sich weghalten."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

Wir sind auch noch einmal auf der Isolierstation im Münchner Uni-Klinikum. Hier haben wir vor zwei Wochen den 54-Jährigen erlebt, der Angst hatte, seine Familie nicht mehr wiederzusehen. Heute liegt ein anderer Patient in seinem Bett.

"Er ist wieder zu Hause. Er ist vor einer Woche entlassen worden. Es gab eine kritische Phase, wo seine Entzündungsherde wirklich sehr hoch waren und seine Atmungsfunktion nicht gut waren aber er hat es Gott sei Dank ohne Intensivstation hinter sich gebracht."

Prof. Johannes Bogner, LMU Klinikum München

Wenigstens eine gute Nachricht. Corona hat für viele an Schrecken verloren, die Intensivstation scheinen weit weg.

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