Report München


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Virus-Eindämmung Wie die Gesundheitsämter Infektionsketten verfolgen

Der jahrelange Sparkurs hat seine Spuren im öffentlichen Gesundheitsdienst hinterlassen. Zwar bekamen die Gesundheitsämter seit Beginn der Corona-Krise massiv Unterstützung aus anderen Bereichen der Verwaltung. Dauerhaft neue Stellen aber gab es bislang nicht. Doch mit den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen kommt den Ämtern eine Schlüsselrolle dabei zu, die Pandemie weiterhin in Schach zu halten.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 02.06.2020

Die dreizehnte Woche im Krisenmodus auch für das Gesundheitsamt Spandau in Berlin. Amtsärztin Gudrun Widders ist auf dem Weg zur Morgenbesprechung, Gleich der erste neue Fall an diesem Morgen sorgt für Aufregung. Ein Verdachtsfall an einer Schule in ihrem Bezirk.

Krisengespräch 

"Der Infizierte wohnt sowieso in Reinickendorf und er arbeitet in der Schule."

"Gut aber letzten Endes ist es unsere Schule, insofern müssen wir mit der Schule Kontakt aufnehmen."

"Die Schule ist heute zu, das ist mein Problem. Ich habe versucht die Schule zu erreichen, ist nicht. Deswegen brauche ich irgendwelche Kontaktdaten..."

"Schau mer mal ... Ok alles klar..."

Die Schule ist geschlossen. Wie jetzt die Schulleitung erreichen? Die Zeit drängt, schnell müssen weitere Kontaktpersonen ermittelt werden. Doch wie kam das Virus in die Schule? Die Spur führt zu einem Ausbildungszentrum für Pflege- und Reinigungskräfte im Berliner Osten, wo es einen Ausbruch gab: „Das sind also wirklich Leute, die aus Vietnam hierhergekommen sind, in Wohngemeinschaften betreut werden und dann in Schulen gehen und unter anderem in unterschiedliche medizinische Einrichtungen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen.“

Täglich 10 bis 14 Stunden - auch am Wochenende

So geht das hier seit Wochen. Jeden Tag Morgenlage, Fälle besprechen, Aufgaben verteilen. Täglich 10 bis 14 Stunden auch am Wochenende, wie hält man das durch?

"Ich habe ein hochmotiviertes Team, die haben geguckt, was zu tun ist, haben losgelegt. Dann kamen diese... das erzähle ich jetzt einfach mal, diese Orgien in der Bevölkerung, das für alle möglichen Leute geklatscht wurde und dann wurden die Busfahrer und die Verkäufer aufgezählt und die Wasserversorger und die Abfallversorger. Nicht zu vergessen die Feuerwehrmänner und die Polizisten. Gesundheitsämter kam in der ganzen Zeit aber nicht vor."

Gudrun Widders, Leiterin Gesundheitsamt Spandau

Das habe sich inzwischen geändert, räumt sie ein. Langsam sehe die Öffentlichkeit auch die Leistung der Gesundheitsämter. Durch akribische Recherche der Kontaktpersonen und schnelle Quarantäne konnte das Team um Gudrun Widders die Zahl der Infizierten im Bezirk gering halten - entgegen dem Trend in Berlin.

"Irgendwann waren wir personell so aufgestellt, dass wir in der Lage waren, sämtliche Kontaktpersonen zu ermitteln und auch die Kontakt Nachbetreuung zu machen. Also jeden Tag haben wir geguckt, sind die in ihrer Quarantäne haben sie eine Symptomatik entwickelt, braucht´s, medizinische Versorgung, um die wir uns noch kümmern müssen."

Gudrun Widders, Leiterin Gesundheitsamt Spandau

Aus dem gesamte Bezirksamt Spandau hat sie Kräfte zusammengezogen. Bis zu 140 Mitarbeiter waren zum Höhepunkt der Pandemie im Einsatz, in der Hotline, bei den Rechercheteams, in der „Abstrichstelle“ --  jetzt sind es noch 42. Normalerweise besteht ihr Team aus nur 8 Personen.

Doch derzeit sind zum Beispiel Schulzahnärzte im Einsatz, um Menschen zuhause zu testen, so wie dieses Kind. Bei mehr als 1300 Personen hat Gudrun Widders Quarantäne angeordnet. Häufig hört sie die Frage, ob „Genesene“ immun sind.

"Wir wussten am Anfang nichts darüber, ob eine Immunität entsteht. Wie lange sie bestehen wird, kam, ob es ausreichend wird, andere Menschen nicht zu infizieren. Wir gehen heute davon aus, dass eine Immunität entsteht. Wir wissen aber unverändert nicht, wie lange die anhalten wird."

Gudrun Widders, Leiterin Gesundheitsamt Spandau

Forscher hoffen auf wirksame Behandlung mit Antikörpern

Genau an dieser Frage forscht an der Uniklinik Köln der Virologe Prof. Florian Klein. Er sucht Antikörper. Dazu hat er von mehr als 800 genesenen Covid-19 Patienten mittlerweile Blutproben eingesammelt.

Wie die Gesundheitsämter Infektionsketten verfolgen | Bild: BR

"Wer ist eigentlich wann und wie lange immun und wie gut geschützt? Zwei Dinge kann man sich ja relativ schnell vorstellen, das Eine ist, dass die Immunität abnimmt, also die Eigenschaften des Immunsystems dagegen vorzugehen lassen mit der Zeit nach. Und das Zweite ist, dass ich so ein Virus natürlich auch verändern kann und dadurch nicht mehr richtig erkannt wird."

Prof. Florian Klein, Institut für Virologie, Universität Köln

Bei einer Virusinfektion antwortet das Immunsystem auf mehreren Ebenen. Sogenannte B-Zellen bilden spezifische Anti-Körper, die den Eindringling direkt angreifen und vernichten. Außerdem werden sogenannte T- Zellen gebildet, die Virusinfizierte Zellen erkennen und eliminieren. Beide Zelltypen bilden eine Art Gedächtnis, das bei neuem Kontakt mit dem Virus aktiviert wird und deshalb für die Forschung interessant ist.

"Da haben wir auch sehr hochpotente und neutralisierende Antikörper gefunden, die wir jetzt auch versuchen wollen, in die klinische Entwicklung zu bringen, um die dann auch wieder einzusetzen bei Personen, die erkrankt sind oder die eine hohe Gefahr haben zu erkranken."

Prof. Florian Klein, Institut für Virologie, Universität Köln

Die Forscher hoffen bald eine wirksame Behandlung mit Antikörpern anbieten zu können. Auf die Frage aber, ob und wie lange Menschen nach einer Covid-19 Erkrankung immun sind, gibt es noch keine zuverlässige Antwort.

Qualifiziertes Personal fehlt in ganz Deutschland

Bundeswehreinsatz im Gesundheitsamt Spandau, bei Gudrun Widders. Fünf Soldaten helfen ab heute bei der Suche nach Kontaktpersonen, allerdings mit Einschränkungen, wie die Teamleiterin anmerkt.

"Es entspricht nicht so ganz dem, was wir uns vorgestellt haben, weil Wochenendarbeit nicht möglich ist, festgelegte Zeiten nur möglich sind. Sie dürfen keine Quarantäne aussprechen, sie dürfen keine Quarantäne aufheben. Das ist schon ziemlich eng gefasst, und sicherlich werden sie uns Arbeit abnehmen können. Aber viel Arbeit bleibt jetzt trotzdem an uns hängen."

Antje Elsässer, Leitende Gesundheitsaufseherin

Gesundheitsämtern in ganz Deutschland fehlt qualifiziertes Personal, das langfristig eingesetzt werden kann. Hier freuen sie sich über die Bundeswehr-Unterstützung, fürchten aber, dass es bald wieder eng werden könnte mit den Kapazitäten. Denn seit den Lockerungen haben die Menschen wieder mehr Kontakte - und die Ämter mehr Arbeit. Im Kampf gegen ein Virus, das noch lange nicht besiegt ist.


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