Report München


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Die Folgen des Tötungsverbotes von Küken Gut gemeint, schlecht gemacht

Sie sehen süß aus: frischgeschlüpfte Küken. Seit 1. Januar 2022 dürfen männliche Küken von Legehennenrassen in Deutschland nicht mehr getötet werden. Sie werden jetzt gemästet – vorwiegend in Polen – und als Billigfleisch nach Afrika exportiert. Und die toten Küken, die Tierparks als Futter brauchen, kommen jetzt aus Spanien.

Von: Simon Plentinger

Stand: 11.01.2022

Olching bei München Ende Dezember. Geflügelhändler Bernd Adleff erwartet eine wichtige Lieferung.

"Schauen wir mal, wie sie angekommen sind […]. Also es ist jetzt ein Lkw von der Brüterei, der bringt uns vier Paletten tote Küken, gefroren, verpackt in kleinen Schachteln."

Bernd Adleff

100.000 tote Küken sind in den Kartons -  es ist die vorerst letzte Lieferung für den bayerischen Geflügelhändler.

"Das sind die letzten deutschen Küken aus einer Brüterei aus Süddeutschland. Wir werden da keine mehr bekommen."

Bernd Adleff

Denn Kükentöten ist in Deutschland jetzt verboten.

"Unsere Abnehmer, die weinen ja immer, wenn sie kommen. Ja, wie geht es weiter? Was sollen wir unseren Viechern füttern? Das ist halt gerade für Greifvögel das ideale Futter."

Bernd Adleff

75 Prozent aller getöteten Küken wurden verfüttert

Die Abnehmer sind Falknereien, Greifvogelauffangstationen, Katzenzüchter, Tierparks. Schätzungen zufolge wurden mindestens 75 Prozent aller bisher in Deutschland getöteten Küken verfüttert. Sie werden jetzt fehlen. Zum Beispiel im Nürnberger Tiergarten. Rohes Fleisch ist für viele Tiere als Futter nicht geeignet. Küken dagegen sind optimal – etwa für Erdmännchen.

"Die Erdmännchen sind ja Fleischfresser, natürlich auf viele Insekten, aber eben auch kleine Mäuse, Vogelkinder, Küken. Und das ist eben genau das, was wir im Zoo auch machen. Wir ersetzen das."

Dagmar Fröhlich, Tierpflegerin, Tiergarten Nürnberg

Tiere töten als Futter für andere Tiere ist gesetzlich erlaubt. Doch bei Küken jetzt nicht mehr. Tiergartendirektor Dag Encke braucht nun Alternativen. Eine wäre: Mäuse. Doch die müssen erst einmal drei Wochen lang in Käfigen aufgezogen werden.

"Das heißt, die werden als erwachsene Tiere getötet, sind dann halb so schwer wie ein frisch geschlüpftes Küken, dass kein Leid erfahren wird, erst einmal über drei Wochen, und wir müssen doppelt so viele Mäuse verfüttern, um das gleiche Gewicht zu haben."

Dag Encke, Direktor, Tiergarten Nürnberg

Müssen jetzt doppelt so viele Mäuse wie Küken sterben?

Müssen jetzt also doppelt so viele Mäuse wie Küken sterben? Zunächst mal wird der Tiergarten Küken aus Spanien importieren, 60.000 Stück. Dag Encke hätte sich eine andere Lösung gewünscht.

"Warum die nicht weiter produziert werden können als Tierfutter, was dann vom Tierschutzgedanken her eigentlich das günstigste ist, weil die Tiere schlüpfen und werden sofort als Futter, als Futtertiere getötet, ist nicht nachvollziehbar, weil man die Summe des Leids überhaupt nicht reduziert."

Dag Encke, Direktor, Tiergarten Nürnberg

Eine Ausnahme vom Verbot des Kükentötens für Futterzwecke war im Gesetzgebungsverfahren vorgeschlagen worden.

Doch – Zitat – "Im weiteren parlamentarischen Verfahren hat diese Ausnahmeregelung jedoch keine Unterstützung gefunden" teilt uns das Bundeslandwirtschaftsministerium unter Cem Özdemir mit.

Wohin mit Millionen zusätzlichen Hähnen?

Im Moment wird größtenteils eine Alternative zum Kükentöten praktiziert: Bruderhahnaufzucht. Heißt: Die Hähne leben drei Monate statt nur einen Tag.

Aber sie wachsen langsamer und verbrauchen mehr Futter als konventionelle Masthähnchen. Das kostet, die CO2 Bilanz ist schlechter  - und: In Deutschland ist kein Platz für Millionen von zusätzlichen Hähnen. Nur für wenige Tiere sieht die Aufzucht so aus wie in diesem Stall in Baden-Württemberg.

Brancheninsider berichten: Für die große Masse der Tiere geht es von den Großbrütereien in Nordwestdeutschland und den Niederlanden noch als Küken nach Polen. Dort werden die Tiere 12 Wochen gemästet und in Schlachthöfen geschlachtet, die bisher auf Suppenhühner, also ausrangierte Legehennen, spezialisiert sind. Tierschützer befürchten, dass Aufzucht und Schlachtung nicht tiergerecht stattfinden. Es fehlen gesetzliche Standards für Bruderhähne:

"Also leider muss man sagen, dass hier die wichtigsten Schritte zur Vorbereitung ein bisschen versäumt wurden, nämlich auch wirklich die Kapazitäten schaffen, dass die Bruderhähne dann aufgezogen werden können, dass es gute Anforderungen gibt, die die Bedürfnisse dieser Tiere abdecken, so dass diese Tiere tiergerecht aufgezogen, gehalten, gemästet und auch geschlachtet werden können. Hier in Deutschland. Aber da sind wir leider noch nicht so weit."

Annika Lange, Deutscher Tierschutzbund e.V.

Billige Geflügelexporte schaden der Landwirtschaft in Afrika

Noch ein Problem. Da die Tiere viel magerer sind als herkömmliche Masthähnchen, gibt es für das Fleisch in Deutschland bisher kaum einen Markt. Aus der Branche wird uns berichtet: Das Fleisch lande aktuell größtenteils im Export - nach Westafrika. Solche billigen Geflügelexporte sind schon lange ein Dorn im Auge von Entwicklungshilfeorganisationen, weil sie der lokalen Landwirtschaft in Afrika massiv schaden. Wir fragen nach bei polnischen Schlachthöfen, die uns genannt werden. Bekommen aber keine Antwort. Auf ihren Internetseiten werben sie aber teils offensiv mit ihren Exporten in den globalen Süden.

Francisco Marí von Brot für die Welt hat die Exportstatistiken der letzten Jahre analysiert. Auffällig: nicht nur Hähnchenteile, sondern immer mehr ganze Suppenhühner werden exportiert. Vor allem aus Polen. Aus den Statistiken geht zwar nicht hervor, ob es Hennen oder Gockel sind. Doch der Entwicklungshelfer fürchtet, dass jetzt auch Bruderhähne in Afrika landen und die Märkte vor Ort zerstören.

"In manchen Ländern wie Ghana, die ja wirklich überschwemmt werden mit Importen, auch in Benin, Togo, in Westafrika zunehmend. Auch in anderen Ländern gehen alle Geflügel-Projekte, auch Entwicklungsprojekte kaputt."

Francisco Marí, Referent Agrarhandel, Brot für die Welt

Und wie geht es weiter mit den Küken als Futter? Der Bedarf ist ja weiterhin da.

"Inzwischen müssen wir schauen, dass wir uns die aus dem Ausland besorgen oder wir müssen das Geschäft ganz einstellen. Dann wissen aber auch die Greifvogelhalter nicht, wo sie so was herbekommen."

Bernd Adleff

Übrigens, so Brancheninsider, tiefgekühlte Futterküken aus Spanien werden mindestens das doppelte kosten. 

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