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Umstrittene Fallpauschale Wenn Kliniken Patienten in die Reha abschieben

Viel zu oft entlassen Kliniken Patienten, die noch gar nicht gesund sind. Viele werden direkt in die Reha geschickt. Doch zu frühe Belastung von Wunden kann den Heilungsprozess hinauszögern oder den Gesundheitszustand gar verschlechtern. Doch für Kliniken ist es finanziell nicht lukrativ, sie weiter zu behandeln.

Von: Sebastian Kemnitzer, Annette Peter

Stand: 06.03.2018

Ingeborg Benthack ist vor zwei Wochen am Knie operiert worden. Eigentlich ein Routineeingriff – doch ihre Wunde macht Probleme. Trotzdem musste sie in der Klinik darum kämpfen, noch zu bleiben, damit sie sich erholen kann.

"Wenn es heißt sieben Tage, möchte ich sieben Tage. Und nicht fünf. Und auch geh mal nach Hause, Knie sieht ja schon ganz gut aus. Ich habe im Hinterkopf auch gesagt – aha, die brauchen das Bett. Das war auch für mich so ein Gedanke."

Ingeborg Benthack

Der behandelnde Arzt von Ingeborg Benthack ist der ärztliche Direktor am Klinikum Bad Bramstedt, Dr. Johannes von Bodman. Das Klinikum ist spezialisiert auf den Reha-Bereich. Seit einigen Jahren hat der Arzt aber ein Problem, welches seine Arbeit deutlich erschwert, nämlich dass Patienten aus Krankenhäusern zu früh entlassen werden.

Umstrittene Fallpauschale – Wenn Kliniken Patienten in die Reha abschieben | Bild: BR

"Man muss sagen, aus den Akuthäusern werden die Problematiken teilweise in die Rehakliniken einfach verlagert. Das wird einfach weitergeschoben. Das passiert auch mal, unabhängig von hier, von dieser Patientin, dass zum Beispiel gesagt wird, das kann die Reha noch machen. Zum Beispiel weitere Diagnostik von, wenn Beschwerden am Rücken sind, Patient ist aber an der Hüfte operiert worden, es wird einfach immer mehr vom Akuthaus auf die Reha verlagert."

 Dr. Johannes von Bodman, Klinikum Bad Bramstedt

Warum ist das so? 2004 wurde das System der so genannten Fallpauschalen eingeführt – jede Klinik bekommt beispielsweise die gleiche Summe für eine Hüftoperation, egal wie lange der Patient da ist. Die Kliniken gehen bankrott, wenn sie nicht wirtschaften. Der Kostendruck ist hoch. Der Vorwurf: Es wird in Deutschland zu schnell operiert und es werden vor allem Behandlungen durchgeführt, die sich finanziell lohnen.

Wolfgang Stögbauer hat vor acht Monaten eine neue Hüfte bekommen. Die Übungen in der Physiotherapie sollte er nun eigentlich gut hinbekommen. Aber: Seine Hüfte kippt immer noch einfach weg. Sein Physiotherapeut Helmut Brandl hat viele Patienten, die seiner Meinung nach zu früh in die Reha entlassen werden.

"Also wenn ich überlege, also 50, 60 Prozent. Es ist systematisch, das sind halt Vorgaben auch. Die werden so gemacht und die werden halt auch eingehalten. Das ist heute leider so."

Helmut Brandl, Physiotherapeut

Nach acht Tagen Krankenhaus wurde der 72-jährige Rentner entlassen – damals konnte er noch nicht laufen. Und in der Reha-Klinik waren sie überfordert mit seiner Pflege. Er hätte zum Beispiel Hilfe beim Anziehen gebraucht. Doch die hat er nur mit Hilfe eines Tricks bekommen.

"Da war das Putzpersonal immer unterwegs. Und hab da die halt gebeten, dass sie mir helfen und entsprechend halt mit kräftigen Trinkgeldern ist das gegangen, dass ich täglich von denen Hilfe bekommen hab."

 Wolfgang Stögbauer

Bayerische Landesärztekammer, wir treffen den Vizepräsidenten Dr. Andreas Botzlar. Was sagt er zu solchen Fällen?   

"Für die Patienten bedeutet das im Zweifelsfall, dass sie relativ zügig durch diese Maschine Krankenhaus durchgepresst werden müssen, weil sich ein längeres Verweilen und eine geringere Schlagzahl das Krankenhaus gar nicht leisten kann."

Dr. Andreas Botzlar, Bayerische Landesärztekammer

Kliniken in Deutschland müssen ökonomisch agieren, wenn sie nicht auf der Strecke bleiben wollen. report München hat in den vergangenen Jahren mehrfach über Probleme mit Fallpauschalen berichtet, zum Beispiel auf Kinderkrebsstationen oder in der Palliativmedizin. 

Bereits 2013 zum Thema im report-Interview: Jens Spahn, der zukünftige Gesundheitsminister.

"Da darf man kein Fetischist sein, sondern muss sehen, wenn was schief läuft, steuern wir auch gegen. Aber das Grundprinzip ist richtig, das Geld muss der Leistung folgen – denn die, die viel leisten, sollen dann auch tatsächlich belohnt werden."

Jens Spahn, CDU, 2013 gesundheitspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion

Wie denkt Jens Spahn heute über Fallpauschalen? Beim CDU-Parteitag vor einer Woche will er sich nicht zum Thema äußern. Manager in deutschen Kliniken wachen über die wirtschaftlichen Zahlen – kann das sogar die Entscheidungen der Ärzte beeinflussen? Gibt es deswegen mehr oder andere Behandlungen?

Über dieses Thema hat Professor Karl-Heinz Wehkamp mit einem Kollegen Interviews mit Ärzten geführt und eine Studie dazu veröffentlicht. Die Ärzte haben aufgrund der zugesicherten Anonymität offen über den wirtschaftlichen Druck in Kliniken gesprochen. 

Umstrittene Fallpauschale – Wenn Kliniken Patienten in die Reha abschieben | Bild: BR

"Die Ärzte haben uns teilweise doch für sie sehr bedrückende Fälle erzählt. Da wurden Patienten mit Tumordiagnose, Wasser im Bauch mit einem Schmerzmittel nach Hause geschickt, weil man gerade kein Bett hatte. Da wurde erzählt, dass eine bestimmte Zahl von Hüftoperationen bis zum Jahresende durchgeführt werden müsse. Da erzählte ein Oberarzt, dass am 30. Januar er eine Aufforderung von der kaufmännischen Abteilung bekommt, möglichst alle Patienten aus der Intensivstation zu entlassen, weil das für die Abrechnung irgendwie besonders wichtig ist.“"

Prof. Karl-Heinz Wehkamp, Universität Bremen

Karl-Heinz Wehkamp möchte keinesfalls alle Kliniken über einen Kamm scheren. Aber die Entwicklung insgesamt sei besorgniserregend.

"Viele Menschen wissen es nicht – im Krankenhaus hat die Letztverantwortung der Geschäftsführer, der Kaufmann, nicht der Arzt. Und Chefärzte haben teilweise dramatisch ihre Möglichkeiten der Gestaltung verloren, nicht überall, aber in vielen Fällen."

Prof. Karl-Heinz Wehkamp, Universität Bremen

Zurück im Klinikum Bad Bramstedt – hier versuchen die Verantwortlichen zum Wohl der Patienten das Beste aus ihrer Situation zu machen. Aber zum Beispiel die Ausstattung vor Ort sei ein großes Problem.

"Man ärgert sich schon. Es wird einfach alles verlagert in die Rehakliniken. Aber die Politik, obwohl sie es weiß, reagiert ja gar nicht drauf. Man würde ja normalerweise sagen, hallo, die Rehakliniken übernehmen jetzt Aufgaben des Krankenhauses, also muss die Rehaklinik dementsprechend ausgestattet werden. Finanziell, personell und sonstiges – wie ein Akuthaus. Das ist halt noch nicht geschehen, obwohl der ganze Prozess läuft ja schon lange. Aber es passiert halt nicht viel."

Dr. Johannes von Bodman, Klinikum Bad Bramstedt

Ärzte und Experten mahnen, dass der wirtschaftliche Aspekt in der Medizin nicht völlig die Oberhand gewinnen darf – denn dann bleibt das Patientenwohl auf der Strecke.

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