Report München


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Iranischer Diplomat unter Terrorverdacht Die Spur nach Deutschland

In Belgien steht ein iranischer Diplomat vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Ermittler in ganz Europa verfolgen das Verfahren mit Hochspannung. report München mit neuen Informationen und Einblicken zu einem spektakulärem Fall und der Spur nach Deutschland.

Von: Alexander Bühler, Sabina Wolf

Stand: 19.01.2021

Paris, 30. Juni 2018. Die Besucher einer Groß-Versammlung der iranischen Auslandsopposition können nicht ahnen: Sie sind allem Anschein nach nur knapp einem Bombenanschlag entgangen. Weithin unbekannt: Unter den Ehrengästen der Veranstaltung: Der deutsche Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt.

"Ich saß unmittelbar hinter der Präsidentin bei der Veranstaltung. Wenn sie das Ziel des Attentats gewesen wäre, dann wäre ich auch nicht mehr nach Hause gefahren."

Martin Patzelt, CDU, MdB

Er steht schnell im Mittelpunkt der hochbrisanten Ermittlungen - Der iranische Diplomat Assadollah A.. Wir folgen seinen Spuren quer durch Europa.

Sprengvorrichtung im Fluggepäck

Ausgangspunkt unserer Recherche ist der Flughafen Wien-Schwechat. Interne Meldungen des belgischen Geheimdienstes zeigen: Am 22. Juni 2018 landet die Austrian Airlines aus Teheran. An Bord: Ein Mitarbeiter der iranischen Botschaft Wien. Brisant: Er habe eine Sprengvorrichtung im Gepäck.

Der Diplomat heißt Assadollah A.. Er ist dritter Botschaftsrat in Wien. Seit 2017 soll er, so europäische Behörden, einen Anschlag in Europa vorbereiten. Kann das sein? Ein renommierter israelischer Investigativ-Journalist meint:

"Er war nicht bloß ein untergeordneter Agent. Er war der Kopf des Iranischen Geheimdienstes in Wien, von wo aus er West-Europa und noch andere Länder unter sich hatte. Er hat diese Operation geleitet, einen Anschlag auf die Konferenz der Oppositionellen in Paris zu verüben."

Ronen Bergman, Journalist, Geheimdienstexperte

Der Nahostexperte Gudio Steinberg vertritt die Ansicht:

"Hier agiert der iranische Staat terroristisch. Sie versuchen, außenpolitische Interessen dadurch durchzusetzen, dass sie zwei Institutionen im Inland unterhalten, die Anschläge im Ausland verüben. Und das sind das Geheimdienstministerium und vor allem die Quds-Brigaden der Revolutionsgarden."

Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik

Kopf eines Agentennetzwerks in Europa?

Assadollah A. soll ein ganzes Agentennetz in Europa dirigieren, darunter auch ein belgisch-iranisches Paar, das er treffen will, um explosives Material zu übergeben; das zeigen interne Akten der belgischen Behörden und eine Pressemeldung der Karlsruher Bundesanwaltschaft. In seinem von der Polizei später sichergestellten Notizbuch notiert er fein säuberlich Codeworte wie "… playstation 4 …" Das soll für "Sprengsatz" stehen, vermuten Fahnder.

Am 26. Juni 2018 holt Assadollah A. den Ermittlern zufolge einen Mietwagen in Wien ab und macht sich auf den Weg. Er passiert die österreichisch-deutsche Grenze in Suben. Wir folgen seiner Route. Seine erste Station: eine idyllisch gelegene Pension bei Regensburg.

Die spätere Auswertung des Navigationsgeräts durch die Fahnder zeigt, dass Assadollah A. tags drauf das wunderschöne Cochem an der Mosel ansteuert. Der Diplomat unter Terrorverdacht gibt den Urlauber. Zusammen mit seiner Familie.

28. Juni 2018: Der Iraner erreicht Luxemburg. Um kurz nach 13 Uhr stellt Assadollah A. den Wagen am Theaterplatz ab. Er trifft das iranisch-belgische Agentenpaar. In diesem Supermarkt, so die Ermittler. Dann soll es zur Übergabe der Sprengvorrichtung gekommen sein. In Israel schrillen bei den Geheimdiensten die Alarmsirenen, recherchierte Ronen Bergmann.

"Als dem Mossad klar war, was da passierte hat er den BND, den belgischen und den französischen Geheimdienst informiert - dass sich das im Moment abspielt. Dass Assadollah A. gleich die letzten Befehle geben wird. Das war Action wie bei James Bond."

Ronen Bergman, Journalist, Geheimdienstexperte

In seinem Notizbuch notiert Assadollah A. den Code: "…Tor …öffnen…" was so viel heißt wie Sprengladung zünden, vermuten die Fahnder.

Anschlag im letzten Moment vereitelt

Doch soweit kommt es nicht. Brüssel, 30. Juni 2018. Die belgischen Behörden stoppen das Auto des Agentenpaares. Und finden die Bombe. Ein Roboter entschärft mit Hilfe von Röntgenaufnahmen des Gepäcks im Fahrzeug die Sprengladung.

Zur gleichen Zeit hält die Opposition Irans ihre Versammlung ab. Martin Patzelt ist empört, wenn er daran denkt, wie viele Tote der Anschlag gefordert hätte, berichtet er exklusiv report München.

"Ich erwarte, dass ein gerechtes, klares Urteil gegen diejenigen gesprochen wird, die einen Mordanschlag auf andere Menschen verüben wollten. Und dazu gehört A., zweifellos, und wenn er es im Auftrag einer Regierung getan hat und davon gehen wir aus, dann gehört die Regierung auch auf die Anklagebank."

Martin Patzelt, MdB, CDU

Und Assadollah A.? Er ist schon wieder in Deutschland. Gegen ihn liegt inzwischen ein europäischer Haftbefehl vor. Am 1. Juli 2018 um 13.10 Uhr fährt er die Raststätte Spessart Süd an. Die bayerische Polizei nimmt Assadollah A. fest. Sie beschlagnahmt sein Notizbuch. Die deutschen Behörden liefern Assadollah A. nach intensiver gerichtlicher Prüfung an Belgien aus.

Assadollah A. droht mit Vergeltung

Antwerpen: Hier findet derzeit der Prozess gegen Assadollah A. statt. Die Staatsanwaltschaft fordert 20 Jahre Haft wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sein Anwalt überbringt der Öffentlichkeit eine Botschaft:

"Er ist der Meinung, er genieße Immunität. Man dürfe nicht über ihn richten."

Dimitri De Beco, Rechtsanwalt Assadollah A., 27.11.2020

Ein Argument, dass für Behörden und den Anwalt der Nebenkläger nicht gilt:

"Assadollah A. hat gesagt, er sei im Urlaub gewesen. Der Diplomatenstatus gilt nach dem Wiener Übereinkommen nicht, wenn der Diplomat im Urlaub ist."

Rik Vanreusel, Rechtsanwalt Nebenkläger

Assadollah A. droht, laut Verhörprotokoll im Falle seiner Verurteilung würden bewaffnete Gruppen "terroristisch" handeln. Was ist davon zu halten?

"Die Drohung von A. ist absolut ernst zu nehmen. Es ist bekannt, dass er ein Mitglied des Geheimdienstes der Islamischen Republik ist. Und das bedeutet, dass die iranische Führung in den nächsten Monaten und Jahren allerspätestens versuchen wird, ihn freizupressen."

Guido Steinberg, Stiftung Wissenschaft und Politik

Der Fall Assadollah A.: Sollte der Iraner verurteilt werden, wird das nicht ohne Folgen für die europäisch-iranischen Beziehungen bleiben.

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