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Die Aufregung um die Essener Tafel Wie der Fall instrumentalisiert wird

Die Empörung über die Essener Tafel ist groß. Schnell wurde den verantwortlichen Rassismus unterstellt, es folgte wohlfeile Empörung von allen Seiten, selbst die Kanzlerin meldete sich zu Wort. Unser Autor Ahmet Senyurt über den Beschluss der Tafel Essen, nicht-deutsche Bedürftige vorerst nicht mehr aufzunehmen.

Von: Ahmet Senyurt

Stand: 06.03.2018

Die Schlange vor der Tafel in Essen um die Mittagszeit ist 20 Meter lang. Früher interessiert das niemanden, doch jetzt sind die Bedürftigen und die Betreiber der Essener Tafel bundesweit bekannt. Denn hier gab es Ärger und nachdem sich der Chef der Tafel darum gekümmert hat, gibt es nun noch mehr Ärger.

Was genau erhitzt die Gemüter? Ich möchte zunächst einmal mit Jörg Sartor sprechen. Doch der Chef der Tafel gibt keine Interviews mehr, das hat er seiner Frau versprochen, erzählt er uns. Sartor wird bedroht.

Mir fällt auf, wie beengt der Raum ist. Sator erklärt mir den Ablauf der Lebensmittelausgabe. Ich kann mir vorstellen, wenn es hier voll wird, kommt es automatisch zu Drängelei.

Weil mehr Flüchtlinge als Einheimische kommen und es in letzter Zeit öfters zu Streitigkeiten gekommen ist, gibt die Tafel Berechtigungsscheine vorerst nur noch für Deutsche aus. Das darf die Tafel, denn sie ist keine staatliche Stelle, sondern ein privater Verein. Sie kann entscheiden, wem sie hilft oder nicht.

Tafel-Besucher in Essen

report München: "Finden Sie die Maßnahmen gerechtfertigt?"

Otto Heinz: "Teilweise. Er sind auch teilweise sehr viele korrekte Ausländer darunter. Und die über einen Kamm scheren das ist Mist, auf Deutsch gesagt."

Willi Kümmel: "Es ist gerechtfertigt, wie es jetzt im Moment gehandhabt wird."

Petra Schnurer: "Recht ist für alle da, Armut gibt es überall, nur die müssten mehr dafür tun."

Die Essener Tafel versorgt wöchentlich über 16.000 Menschen. 75 Prozent davon sollen Migranten und Flüchtlinge sein. So ist die Zahl syrischer Flüchtlinge von 1.300 im Jahr 2015 auf heute fast 11.000 in Essen gestiegen.

Wir fragen beim Sozialdezernenten Peter Renzel nach. Ist die Aktion der Tafel nur ein Hilferuf - die zigste Stufe einer stetigen Eskalation - oder bleiben städtische Versäumnisse an ihr hängen?

"Nee. Versäumnisse gibt es glaube ich nicht bei der Stadtverwaltung oder bei den Verbänden. Die Essener Tafel ist ein sehr selbstbewusster, eigenständiger Verein. Und der Vorsitzende hat mal vor ein paar Jahren gesagt. „Wir sind eigenständig und mir sagt kein Oberbürgermeister, kein Sozialdezernent  irgendetwas. (…) Meine Empfehlung ... hätte vorher einmal einer mit den Partnern, die sich jetzt am Runden Tisch treffen, einmal zusammen holen sollen und sagen, hier wir haben das und das Problem. Wie können wir das lösen? Könntet ihr uns mal unterstützen. Das wäre auch ein guter Weg gewesen.  Aber wir kriegen das gemeinsam hin, weil keiner kann es alleine."

Peter Renzel, Sozialdezernent Stadt Essen

Der Chef der Essener Tafel betont selbstbewusst die eigene Autonomie, lässt sich von niemandem reinreden. Doch wenn Hilfe dann an Nationalität gebunden wird, dann reimt sich auf sozial Skandal. Der Leiter der Tafel gerät in ein Moralgewitter: Die Kanzlerin schickt einen Donner aus Berlin, analog wie digital hagelte es Kritik von links bis rechts. Das Moralritual verrät, die Kritiker haben wenig Interesse an Ursachenforschung, nämlich am Verteilungskampf zwischen angestammten Armen und neu zugewanderten Armen.

Ich frage mich, wie es andere Tafeln machen und fahre zur Tafel nach Wuppertal.

Ich bin mit Zülfü Polat verabredet, dem Betriebsleiter. Die Tafel, erzählt er, ist auch als Verein organisiert, hat neben ehrenamtlichen aber auch hauptamtliche Mitarbeiter.

80 Prozent ihrer „Gäste“ sind Migranten, so Polat. Die Tafel ist eng mit der Stadt verzahnt. Mit fällt auf: Hier arbeiten viele Asylbewerber und Migranten mit. Peter Kampen ist 2. Vorsitzender. Was hält er vom Beschluss der Essener Kollegen?

Tafel Wuppertal

Peter Kampen, Tafel Wuppertal: "Das geht gar nicht. Also ich bin damit nicht einverstanden, tut mir leid. Was sich die Essener Tafel dabei denkt, man weiß es nicht. Oder, warum die das tun oder vielleicht haben sie Ärger mit den Leuten, sag ich mal. Ich denke mal, man sollte es einfach so machen, wenn man Ärger hat mit denen, und es gibt ja Leute die haben Ellenbogen-Freiheit, dann sollte man auch reagieren und sagen: So, Du bekommst heute mal gar nichts. Und beim nächsten Mal kriegst du wieder was."

report München: "Wie machen Sie das denn hier, wenn´s Ärger gibt, Gerangel gibt?"

Peter Kampen: "Da ist der Kollege, der macht es jeden mal. Wat machst, wenn´s Ärger gibt?"

Herr Nafizi: "Ich bin Herr Nazifi, vierten Jahr hier arbeiten jeden Tag, ehrenamtlich. Und ich mach Ausgabe, 6 Tage, niemand ärger macht, alles normal. Alles Leute zufrieden mit mir, mit Tafel."

Kein Gedrängel, keine Rangeleien - das liegt sicherlich auch an den vielen Mitarbeitern, die die Mentalität und Sprache der Flüchtlinge kennen. Zurück in Essen.

Die Tafel beklagt eine Verdrängung von Einheimischen durch Ausländer und Flüchtlinge. Ich frage Nachbarn, wie sie die Diskussion erlebt haben. Gibt es hier tatsächlich eine Verdrängung?

"Nicht in dem Viertel, sondern die Verdrängung ist an der Tafel. Weil das sind ja ... Leute, die kommen aus anderen Vierteln usw.  die dürften nicht an die Tafel, weil die ja hier für den inneren Bereich ..., aber die kommen ja von überall her."

Horst Sackreuter

"Und jetzt muss man auch tatsächlich sagen, man hat Verständnis. Trotzdem wünsche ich mir speziell, weil ich von der Ecke komme, und wir sehen die Tafel jeden Tag, das von der Tafel mal ein klärendes Wort kommt, das man wirklich sagt, wir haben natürlich nix gegen Ausländer. Wir pauschalisieren auch nicht. Es geht tatsächlich nur um gewissen Leute die sich hier falsch benehmen."

Kamjan Dari

In Essen wurde die stillschweigende Übereinkunft, das niemand in Deutschland Hunger leiden soll, aufgekündigt. Aus Überforderung – ein Hilferuf!

Fakt ist: Weder SPD- noch CDU-geführte Regierungen haben es geschafft, die Zahl der Bedürftigen deutlich zu verringern und die Ehrenamtlichen zu entlasten.

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