Report München


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Missbrauchsskandal Wie die katholischen Kirche Täter versteckte

Wurden Priester, die im Verdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern standen, nach Südamerika versetzt und so der Strafverfolgung entzogen? Recherchen von report München und der spanischen Zeitung El Pais zeigen das ganze Ausmaß dieses Skandals.

Von: Gabriele Knetsch, Florian Heinhold

Stand: 14.06.2022

Südamerika-Fluchtroute	 | Bild: ARD

Hier kam der Stein ins Rollen. In dieser Abstellkammer des Bistumsarchivs in Hildesheim machen Antje Niewisch-Lennartz und Archivar Thomas Scharf-Wrede einen sensationellen Fund. Eine Akte, die die Geschichte der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche in Teilen neu schreiben wird.

"Es hätte gute Gründe gegeben, diese Akten in den Schredder zu jagen."

Antje Niewisch-Lennartz, Obfrau Aufarbeitungskommission Bistum Hildesheim

In einem Umzugskarton: das brisantes Dokument. Die Juristin stößt durch Zufall darauf - als Obfrau sollte sie Missbrauchsfälle in Hildesheim aufarbeiten. Der Inhalt: Ein Priester, der Minderjährige missbraucht haben soll, wird der Justiz entzogen – und ins Ausland verbracht. Der Brief an den Bischof von Hildesheim beschreibt einen genauen Plan.

Im Raum steht ein schier unfassbarer Verdacht.

"Ich darf im Sinn Ihres Briefes annehmen, dass Sie einverstanden sind, wenn ich Ihnen diesen neuen Einsatzort nicht bekannt mache und Sie Dritten gegenüber folglich auch keine Auskunft geben können. Aus der Art und Weise wie der Brief geschrieben ist, ergibt sich, dass das aller Wahrscheinlichkeit nach kein Einzelfall gewesen ist. Der Vorgang ist ungeheuerlich! Ungeheuerlich!"

Antje Niewisch-Lennartz, Obfrau Aufarbeitungskommission Bistum Hildesheim

Hatte die Vertuschung System? Die Recherche wird uns von Deutschland, über Barcelona, bis nach Ecuador, im Herzen Südamerikas führen - zu Opfern, Experten und Aufklärern in der Kirche. Im Zentrum der dubiosen Vorgänge steht er: Emil Stehle, der Verfasser des brisanten Briefes. Ein bedeutender deutscher Bischof, renommierter Theologe, einst nominiert für den Friedensnobelpreis.

Unsere Recherchen führen uns zunächst ins Münsterland. Hier treffen wir eine Frau, die jahrzehntelang schwieg. Ihren echten Namen will Helena nicht nennen. Ihre Aussage birgt Sprengkraft.

"Also ich habe einen dicken Kloß im Hals. (…) Das Vertrauen, was ich in ihn gesetzt habe, ist missbraucht worden. Und es sind Ängste und Nöte, die jetzt hochkommen."

Anonym

Der 2017 verstorbene Stehle soll nicht nur Tätern geholfen, sondern auch selbst Frauen missbraucht haben. Ein deutscher Bischof unter Missbrauchs-Verdacht. Helena ist bis heute traumatisiert.

"Ja, es ist die Situation gewesen in seinem Wohnzimmer. Und wo ich mich dann ausziehen sollte und wo es dann zu einem Übergriff kam. Und das ist etwas, das mich als gläubiger Mensch erschüttert hat."

Anonym

Helena kennt Stehle seit ihrer Kindheit. Er war ihr Taufpfarrer. Und Helena ist nicht allein. Inzwischen erheben mehr als zehn Frauen Missbrauchsvorwürfe. Das jüngste Opfer soll zur Tatzeit erst elf Jahre alt gewesen sein.

1987 wird Emil Stehle zum Bischof in Ecuador geweiht. Zuvor war er Leiter von Fidei Donum bei der Deutschen Bischofskonferenz, kümmerte sich um Priester auf Mission – darunter auch um den mutmaßlichen Missbrauchstäter aus dem Bistum Hildesheim. Rund 400 Geistliche gingen als Fidei Donum-Priester nach Südamerika. Gab es darunter weitere Täter?

Wir folgen Stehles Spur nach Ecuador, im Herzen Lateinamerikas. Von der Hauptstadt Quito aus führt uns die Reise in einen der ärmsten Teile des Landes. Durch die Vorläufer der Anden nach Santo Domingo de los Colorados. Hier, mitten in den Tropen war ab 1987 Stehles Wirkungsstätte, als erster Bischof der neu gegründeten Diözese. Die Bevölkerung tiefgläubig. Ein Priester, sagt man uns, ist hier noch heute ein "Stellvertreter Gottes". Mitten in der Stadt stoßen wir auf dieses Denkmal. Es zeigt keinen anderen als Emil Stehle. Überlebensgroß

Dass Stehle in Ecuador bis heute so verehrt wird, liegt auch an Einrichtungen wie dieser: Das Caritas Zentrum für arme Mütter und ihre unterernährten Kinder

"Er hielt die Türen der Diözese offen für alle, die Hilfe suchten. Die Menschen nannten ihn auch den Bürgermeister von Santo Domingo!"

Maria Elena Arias, Fasca, Santo Domingo de los Colorados

Wir fahren zur Kathedrale von Santo Domingo. Dort treffen wir den heutigen Bischof: Bertram Wick. Der gebürtige Schweizer will alles anders machen, aufklären. Er unterstützt unsere Recherchen. Er weiß: Über der einstigen Lichtgestalt Emil Stehle schwebt ein düsterer Verdacht. Die Missbrauchsfälle aus der Zeit seiner Vorgänger - für ihn unerträglich.

"Es tut mir so leid, dass das ihnen von Seiten der Kirche geschehen ist. Weil die Kirche ja einen Vertrauensvorschuss hat, von Seiten der Jugend, der Kinder. Darum ist das besonders schmerzhaft. Hirten, die nicht in allem Hirten sind, die kann man nicht bei der Herde lassen. Das ist auch das Anliegen des Papstes, der sagt: Null Toleranz!"

Bertram Wick, Bischof von Santo Domingo de los Colorados

Wir vereinbaren ein Treffen im Amtssitz des Bischofs. Erbaut einst von Emil Stehle ganz im Stile seiner Heimat. Deutsche Gemütlichkeit in Ecuador.

Der Verdacht, dass straffällige Priester aus Europa nach Südamerika verbracht wurden, um der Justiz zu entkommen, ist für Bertram Wick schwer zu ertragen. Er will uns helfen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Der Bischof öffnet das Geheimarchiv für uns. Uns interessiert vor allem Fidei Donum - die Institution, über die sich auch der mutmaßliche Missbrauchstäter aus Hildesheim der Justiz entzog. Wir bekommen eine Liste, auf der sämtliche Fidei Donum-Priester der Diözese stehen. Neben Deutschen finden sich auch auffällig viele spanische Priester. Ob darunter auch weitere Missbrauchstäter sind?

Wir folgen einer Spur nach Barcelona. Auf der Suche nach Antworten wollen wir mit spanischen Investigativjournalisten zusammenarbeiten. In der Redaktion der Zeitung El País treffen wir Inigo Domínguez. Wir zeigen ihm die Liste mit Fidei Donum-Priestern. Bei einem Namen wird der Reporter sofort hellhörig: Jordi S. Vor vier Jahren hatte er den Fall dieses mutmaßlichen Missbrauchstäters aus Barcelona aufgedeckt.

"Im Jahr 1990 wurde er von einem Ministranten wegen sexuellem Missbrauch angezeigt. Er wurde festgenommen. Als sein Fall vor Gericht verhandelt werden sollte, erschien er nicht. Er war verschwunden"

Iñigo Dominguez Gabiña, Journalist El País

Unsere Recherchen werfen ein ganz neues Licht auf den Fall: Jordi S. wurde von Emil Stehle in Ecuador aufgenommen - 10 Jahre zuvor half Stehle bereits mit, einen unter Missbrauchsverdacht stehenden deutschen Geistlichen in Südamerika zu verstecken. Gemeinsam mit den Kollegen von El Pais können wir einen dritten mutmaßlichen Missbrauchstäter auf der Liste identifizieren. Uns wird immer klarer:

"Stehle schickt sie nach Südamerika. Stehle ist das Verbindungsglied. Und die Art der Flucht identisch – über Fidei Donum. Das Muster ist immer das Gleiche"

Iñigo Dominguez Gabiña, Journalist El País

Gemeinsam treffen wir in der Nähe von Barcelona die Angehörige eines der Opfer. Die Frau will anonym bleiben – nennen wir sie Maria. Sie berichtet, wie der Priester Jordi S. in den 80er Jahren ihren Cousin im Sommerhaus der Familie vergewaltigte.

"Jordi S. war mit meinen Eltern eng befreundet, als sie sehr jung waren. Die ganze Familie kam zusammen. Meine Eltern luden immer viele Leute ein. Ich war damals klein, elf Jahre alt, wir waren fünf bis sechs Kinder im Haus. Und da fielen mir komische Dinge auf."

Anonym

Jahrelang war der Vorfall in der Familie tabu, wurde in Gesprächen nur angedeutet. Aber ihr Cousin hat Maria seine Leidensgeschichte vor kurzem anvertraut.

"Als ich eines Tages mit meinem Cousin sprach, sagte zu mir: Jordi S. hat mich missbraucht! Er hatte schon immer ein Auge auf meinen Cousin geworfen. Während der Siesta, als er schlief, kam Jordi S. herein und hat ihn missbraucht. Niemand wusste etwas."

Anonym

María zeigt uns ein altes Foto von Jordi S., aus der Zeit, als der Missbrauch passierte. Hier - in der Pfarrgemeinde in Polinya - war Jordi S. in den 80er Jahren als Priester tätig. Wir suchen das Gespräch mit Anwohnern. Der Fall hat Polinya gespalten. Viele Bewohner sorgen sich um den guten Ruf. Aber dieser Mann ist auskunftsbereit.

Das Bistum von Barcelona bestätigt uns den Fall. Der Priester sei 1990 wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch an einem Ministranten von der Staatsanwaltschaft verfolgt worden. Zur damaligen Zeit behauptete das Bistum, nicht zu wissen, wo sich Jordi S.. aufhielt.

Zurück in Santo Domingo finden wir im Bistumsarchiv dagegen ein Schreiben, das beweist: der spanische Bischof war informiert. Wir bekommen die Möglichkeit mit einem engen Vertrauten von Emil Stehle zu sprechen. Vicente Pérez war seine rechte Hand, der Generalvikar. Er kennt auch Jordi S. aus Barcelona.

"In Barcelona hatte er ein Problem – daher entschied er sich herzukommen. Das hat mich damals nicht interessiert, warum er hergekommen ist. Als Pfarrer hat er seine Arbeit gut gemacht."

Vicente Pérez, früherer Generalvikar unter Emil Stehle

Im Sekretariat des Bistums suchen wir nach weiteren Hinweisen auf Jordi S.. Im Bistumsregister findet sich ein Eintrag: Hier steht, dass er im Bistum als Privatsekretär von Monsignore Stehle arbeitete.

Ein polizeilich gesuchter Missbrauchstäter, als Privatsekretär des Bischofs. Wie ist das möglich? Was ist damals wirklich geschehen? Und wer war noch involviert? All diese Fragen könnte uns nur ein Mann beantworten: Jordi S.. Wir erfahren: Er lebt noch - in den Außenbezirken von Santo Domingo. Über das Bistum nehmen wir Kontakt auf – zu unserer völligen Überraschung stimmt er einem Interview zu.

Doch dann heißt es: Jordi S. ist in die Klinik eingeliefert worden. Wir finden ihn in einem Krankenzimmer. Ein Interview ist nicht möglich - sein Zustand zu instabil. Doch Stehle half nicht nur Tatverdächtigen wie ihm, er lockte auch junge Frauen, die er kannte, zu sich nach Ecuador. Sonja möchte ihren echten Namen nicht nennen - sie berichtet uns, wie sie von Stehle als Teenagerin nach Santo Domingo eingeladen wurde.

"Er sagte mir: dann kommst du und kriegst das Zimmer direkt neben meinem, direkt nebenan, ich habe im Kopf, er sagte, da gibt es eine Verbindungstür zwischen uns. Er küsse mich ja immer auf den Mund – das dürfe ich aber keinem sagen, das sei unser Geheimnis."

Anonym

Eine Verbindungstür zum Bischofszimmer? Im Bistumssitz in Santo Domingo bitten wir Bertram Wick, uns die Schlafgemächer zu zeigen. In diesem Zimmer hat früher auch Emil Stehle geschlafen. Und tatsächlich: Es gibt eine Verbindungstür zu einer Kammer neben dem Schlafzimmer, wie Sonja es geschildert hatte.

"Irgendwie tut es mir weh, weil er hat so viel Gutes getan. Aber ich weiß, dass beides möglich ist im menschlichen Leben. Wir sind alle Sünder. Es geht da nicht ums Steinewerfen. Für mich ist es schon ein Entdeckung, die mich irgendwie verunsichert."

Bertram Wick, Bischof von Santo Domingo de los Colorados

Nach unserer Rückkehr konfrontieren wir die Deutsche Bischofskonferenz mit unseren Recherchen. Ein Interview bekommen wir nicht – aber für die Kirche sei die Aufarbeitung der Entsendung von Priestern über Fidei Donum sehr wichtig. Man schreibt uns: "Das von Emil Stehle gezeigte Verhalten ist in jeder Hinsicht verwerflich."

Für Helena und die anderen Missbrauchs-Opfer ist es höchste Zeit, dass mehr geschieht. Sie appelliert auch an die Täter: "Ich fordere die Priester auf, die Täter sind, sich selbst zu melden. Sich selbst anzuzeigen."


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