Report München


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Streit um die Cytotec-Tablette Betroffene Frauen kämpfen für Aufklärung

Seit über einem Jahr herrscht eine Kontroverse um den Einsatz von Cytotec zur Geburtseinleitung, wofür das Medikament nie zugelassen wurde. In einzelnen Fällen war es im Zusammenhang mit der Gabe von Cytotec zu schweren Komplikationen gekommen. Deutschlandweit wollen nun viele betroffene Mütter Kliniken wegen des Einsatzes des Wehenmittels bei der Geburt verklagen.

Von: Eva Achinger, Ann-Kathrin Wetter

Stand: 18.05.2021

Annemarie Reimanns Sohn hat eine schwere Behinderung. Geschädigt bei der Geburt, eingeleitet mit dem Medikament Cytotec. Inzwischen koordiniert Annemarie eine Gruppe von über 100 Frauen. Sie nennen sich Cytotec Stories, haben sich nach unserem ersten Film über Cytotec im vergangenen Jahr zusammengeschlossen.

"Immer wenn es Berichterstattung gibt, kommen 50 neue Frauen auf uns zu und sagen, sie haben den Horror erlebt. Das sind keine Einzelfälle. Also, dann muss einfach gucken, wie viele. Und ich finde auch 400 Verdachtsfälle über 400 Verdachtsfälle. Das sind doch keine Einzelfälle. Und das sind zerstörte Leben."

Annemarie Reimann

Inzwischen zeigt sie ihr Gesicht, ihren Namen haben wir verändert. In unserem ersten Film wollte sie noch komplett anonym bleiben. Ihr Sohn hat einen Sauerstoffmangel erlitten bei seiner Geburt. Inzwischen ist er neun. Trägt noch Windeln. Wird wohl niemals ein eigenständiges Leben führen.

Schwere Komplikationen und Todesfälle

Die Geburt wurde mit Cytotec eingeleitet. In Kliniken häufig eingesetzt, um Wehen herbeizuführen. Allerdings wurde das Medikament nie für diesen Zweck zugelassen. Ärztinnen und Ärzte setzen es im Rahmen ihrer Therapiefreiheit ein. Wie Recherchen von report München gezeigt haben aber mitunter viel zu hoch oder händisch zerteil.

In einzelnen Fällen kommt es nach der Gabe zu schweren Komplikationen: Sauerstoffmangel beim Kind. Kinder kommen mit Hirnschaden auf die Welt – es kommt zu Todesfällen. Inzwischen ist der Import des Medikaments stark eingeschränkt. Hintergrund sei das Risiko „schwerwiegender gesundheitlicher Schädigungen für schwangere Frauen und ungeborene Kinder durch unsachgemäße Anwendung".

Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gingen nach unserem ersten Film mehr als 400 Verdachtsmeldungen ein.

Auch sie vermutet, dass das, was sie bei der Geburt erlebt hat, hat mit Cytotec zu tun. Sie ist traumatisiert, Anita Winkler – so nennen wir sie. Sie will anonym bleiben. Über ein Jahr ist die Geburt ihres Sohnes jetzt her. Sie geht damals zur Kontrolle in die Klinik – ist 9 Tage über Termin, es werden leichte Wehen festgestellt.

"Dann habe ich einfach vertraut und habe das angenommen, dass sie mir dieses Medikament beziehungsweise die Tablette vorgeschlagen haben. Und es stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, dass das in irgendeiner Form für uns schlecht sein könnte."

Anita Winkler

Sie nimmt zweimal eine halbe Tablette, erinnert sie sich. Es folgen furchtbare Wehen. Eine schlimme Geburtsverletzung bei ihr, eine Schädelfraktur beim Kind. Ihrem Sohn geht es heute gut – ihr Trauma ist noch da. Sie will jetzt klären, ob das alles mit Cytotec zu tun hatte und zwar juristisch.

"Weil ich massive Schuldgefühle meinem Kind gegenüber hatte und auch heute immer noch habe. Jetzt wird es doch emotional. Ja, weil ich einfach mir vorgeworfen habe, diese Tablette eingenommen zu haben. Und den Ärzten vertraut habe, dass sie das, was sie machen, richtig machen."

Anita Winkler

Cytotec für die Geburtshilfe nicht zugelassen 

Hier in Berlin liegt ihre Akte. Dieser Anwalt ist der Auffassung die Ärzte haben nicht alles richtig gemacht. Sie ist einer seiner über 100 Fälle – zum Thema Cytotec. Er will nach und nach Klagen einreichen.

"Bei einer Einzelperson wird man immer sagen okay, das ist halt schicksalhaft, dass es jetzt nicht schön, dass das passiert ist. Aber das war einfach schicksalhaft. Aber wenn natürlich eine vergleichbare Beeinträchtigung 50 Leute haben oder hundert Leute, wird man darüber natürlich schon wieder ganz anders nachdenken müssen."

Andreas Lambrecht, Anwalt für Medizinrecht

Als Argumentationsgrundlage vor Gericht hat er ein Rechtsgutachten erstellen lassen, bei Professor Hans-Peter Schwintowski.

Sein Ausgangspunkt: Cytotec ist für die Geburtshilfe nicht zugelassen und in der Wissenschaft sei man sich nicht einig über Vor- und Nachteile der Anwendung, auch der Hersteller warnt:

"Und daraus folgt etwas sehr Einfaches: Wenn ein Hersteller ein Medikament und seinen Einsatz verbietet, also davor warnt, dieses Medikament in der Geburtshilfe einzusetzen und eine Ärztin oder ein Arzt es trotzdem tut, macht es das auf eigenes Risiko, dann ist das erst einmal die Vermutung eines groben Behandlungsfehlers."

Prof. Hans-Peter Schwintowski, Humboldt-Universität zu Berlin

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt

Weil Cytotec eben nicht als „Ultima Ratio“ sondern oft standardmäßig eingesetzt wird. Die zuständige Fachgesellschaft der Gynäkologen hat den Wirkstoff in der Tablette immer verteidigt. Wir bemühen uns wochenlang um ein Interview – vergeblich.

An der Charité in Berlin nimmt sich der Direktor der Geburtsklinik Zeit. Wir zeigen ihm das Rechtsgutachten. Er verweist darauf, dass das Medikament in der richtigen Dosierung ein sehr gutes Produkt und die Studienlage gut sei.

"Also hier zu sprechen, dass es nicht genügend Studien zu dem Thema gibt, das ist komplett absurd. Entweder hat der Kollege die nicht gelesen, nicht wahrgenommen, es ist für mich unerklärlich, warum hier angezweifelt wird, dass es keine Studienlage gibt."

Prof. Wolfgang Henrich, Direktor Klinik für Geburtsmedizin der Charité

Doch das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte warnt in einem Rote-Hand-Brief ebenfalls vor Cytotec in der Geburtshilfe – weil nicht ausreichend Daten vorlägen, um das Nutzen-Risiko-Verhältnis in der Anwendung zu beurteilen.

"Nach meiner Meinung ist das ein Thema für den Bundesgerichtshof, weil ja in der Medizin eine relativ große Bereitschaft besteht, in der Geburtshilfe mit Cytotec zu arbeiten und es schon sehr wichtig wäre, ein Grundsatzurteil, das für ganz Deutschland Bedeutung hat."

Prof. Hans-Peter Schwintowski, Rechtswissenschaftler

Annemarie Reimann kämpft selbst seit acht Jahren juristisch. Sie sammelt weitere Fälle für ihre Gruppe Cytotec Stories und wünscht sich, dass die aufgearbeitet werden.

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