Report München


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Skandalheim Schliersee Die Spuren nach Italien

Mitte März decken BR-Reporterinnen desaströse Zustände in einem oberbayerischen Altenpflegeheim auf. Unzureichende Pflege, unterernährte Bewohner, katastrophale hygienische Bedingungen. 17 Todesfälle werden überprüft. Der Verdacht: Die alten Menschen könnten verhungert sein. Wie konnte es soweit kommen? Report München begibt sich auf Spurensuche nach Italien. Dort sitzt der Mutterkonzern des deutschen Heimbetreibers. Und gegen ihn ermittelt die italienische Justiz wegen Abrechnungsbetrugs.

Von: Claudia Gürkov, Christiane Hawranek, Melanie Marks, Julia Schuster

Stand: 27.04.2021

Andrea Würtz hat sich vor neun Monaten zum ersten Mal an uns gewandt. Sie hat in der Seniorenresidenz Schliersee Unvorstellbares erlebt.

"Viele haben um Hilfe gerufen oder gesagt, ‚holt mich hier raus‘ oder ‚muss ich jetzt sterben?‘ Es gab eine demente Frau, die das immer wieder gerufen hat. Das war schon eine Grenzerfahrung."

Andrea Würtz, ehemalige Mitarbeiterin Landratsamt Miesbach

Erst jetzt spricht sie offen darüber, lange wollte sie anonym bleiben. Wie viele unserer Gesprächspartner in dieser monatelangen Recherche. Mehr als neun Monate war Jakob Kofler in dem Heim. Der Südtiroler kann sich weitgehend selbst versorgen. Aber er hat miterlebt, wie andere Heimbewohner vergeblich um Hilfe bettelten.

"Das ist wirklich der reinste Horror. Wenn ich darüber reden muss, geht es mir kalt den Rücken rauf. Die Menschen haben Angst gehabt!"

Jakob Kofler, ehemaliger Bewohner Seniorenresidenz Schliersee

Unterernährte Menschen, unversorgte Wunden, überall Schmutz

Rückblick: Im Mai 2020 kommt es zu einem Corona-Ausbruch. Bundeswehr und Katastrophenschutz sind im Einsatz. Sie finden unterernährte Menschen, unversorgte Wunden, überall ist Schmutz. Das sehen wir auf Bildern, die uns zugespielt wurden. Andrea Würtz war als Mitarbeiterin des Landratsamtes vor Ort.

"Ja, kommt mir bekannt vor. Habe ich alles so gesehen. Ja, so hat es da drinnen ausgesehen. Der krasseste Fall war für mich die Frau mit dem BMI von 15,9, die gesagt hat, dass ihr kalt ist und die ich dann letztendlich selber gefüttert habe. Dann gibt es die Dame, die mit einer Halbseitenlähmung im Rollstuhl saß und versucht hat zu essen, weil niemand da war, der ihr hätte Essen geben können. Und die Dame war voller Brei. Von oben bis unten, nichts zu trinken, vier oder fünf leere Trinkbecher um sie herum auf dem Boden verteilt. Und der Mann, der die ganze Matratze durchgeblutet hatte. Und sein, sein Unverständnis, dass man gefragt hat: Soll ich jemanden holen? Kümmert sich jemand um Sie? Und der dann gesagt hat, da kommt keiner."

 Andrea Würtz, ehemalige Mitarbeiterin Landratsamt Miesbach

Die festgestellten Pflegemängel, heißt es nach wie vor vom Landratsamt Miesbach, reichten nicht aus, um das Heim zu schließen. In der Seniorenresidenz leben aktuell 62 Menschen. Andrea Würtz hofft jetzt auf die Staatsanwaltschaft München II. Sie ermittelt wegen Körperverletzungsdelikten an 88 Bewohnern. 17 Todesfälle lässt sie überprüfen.

Einer davon ist der Vater von Anna Müller, wie wir sie zu ihrem Schutz nennen. Im Januar 2020 kommt er zur Kurzzeitpflege in das Heim. Am dritten Tag ist er völlig verändert.

"Total bewusstlos, apathisch, verkrümmt wie ein Embryo - so lag er in seinem Bett. (…) Er war nicht ansprechbar und hatte an den Armgelenken, das konnte ich sehen, Hämatome, also lila, und alle Farben unterlaufen (…) ich denke wohl, dass meinem Papa in der Nacht etwas widerfahren ist, dass er irgendwelche Schläge oder irgendetwas bekommen hat oder betäubt worden ist. Ich kann es nicht beurteilen. Ich kann es ja nicht beweisen!"

Anna Müller

Anna Müller bringt ihren Vater ins Krankenhaus. Dort stellen Ärzte weitere Hämatome fest. Kurz darauf ist er tot. Das Heim schreibt report München, von Gewalt gegen Bewohner nichts zu wissen.

Vor Kurzem erfahren wir: Die Seniorenresidenz Schliersee wird erneut durchsucht. Ermittler beschlagnahmen Unterlagen und Daten. Der Verdacht: Abrechnungsbetrug:

"Wir prüfen aktuell, ob möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg der erforderliche Pflegeschlüssel nicht eingehalten, unterschritten worden ist, so dass durch niedrige Personalkosten ein höherer Gewinn entstanden ist."

Richard Findl, Oberstaatsanwalt, ZKG Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg

So viele Vorwürfe gegen ein Heim. Wir wollen wissen, wer arbeitet so?

Die Spur führt nach Italien

Udine. Hier sitzt der Mutterkonzern: Sereni Orizzonti. 80 Heime betreibt er nach eigenen Angaben in Italien. Die machten immer wieder Negativschlagzeilen.

Wir treffen eine Pflegerin, die bis 2019 für Sereni Orizzonti gearbeitet hat.

"Es ist oft passiert, dass Personen gestürzt sind, weil keine Pflegekraft da war. (…) Es gab Personen, die nicht alleine essen konnten, denen man helfen musste. (…) Um ihnen zu assistieren, hattest du keine Zeit, weil es kein Personal gab."

Pflegerin

Bis zum Sommer 2020 war Siro Bona Manager bei Sereni Orizzonti und für die Seniorenresidenz Schliersee verantwortlich. Er erklärt das Geschäft mit den Alten.

"Beim Essen geht das am einfachsten. (.) wenn ich 80 Portionen und auf 100 Gäste aufteile, spare ich 20 Essen. 20 Essen mal 30 Tage im Monat, das sind 600 gesparte Essen. Mal 3 Euro pro Stück macht 1800 Euro, nur damit."

Siro Bona, ehemaliger Manager Sereni Orizzonti

Der Konzern bestreitet die Vorwürfe auf Anfrage: "Was Ihre Fragen betrifft, so stimmt es nicht, dass die italienischen Einrichtungen nicht genügend Unterstützung hatten und noch weniger, dass die Menschen nicht ernährt werden konnten."

Aber: Wegen falscher Abrechnungen hat sich die Staatsanwaltschaft Udine mit Sereni Orizzonti auf einen Vergleich geeinigt. Fast vier Millionen Euro muss der Konzern demnach zurückerstatten. Außerdem musste sich der vorbestrafte Hauptaktionär Massimo Blasoni aus der Konzernspitze zurückziehen. Jetzt entscheidet ein Richter über den Vergleich.

Nur die Spitze des Eisbergs

Seit Jahren fällt der Konzern in Italien negativ auf. Trotzdem: Im Mai 2019 übernimmt eine Tochterfirma die Seniorenresidenz Schliersee. Möglich ist das nur, weil deutsche Pflegekassen einen Vertrag mit der Firma abgeschlossen haben. Von den Pflegekassen heißt es dazu nur: „Grundsätzlich sieht der Gesetzgeber keine Prüfung von Mutterkonzernen im Ausland vor.“

Laut Gesundheitsministerium können Pflegekassen den Versorgungsvertrag kündigen, wenn die Pflege nicht der erforderlichen Qualität entspricht. Das aber passiert so gut wie nie. Die Seniorenresidenz Schliersee ist kein Einzelfall. Pflegemissstände beschäftigen viele Staatsanwaltschaften.

"Wir haben immer wieder Berichte aus einzelnen Bundesländern, und vor diesem Hintergrund können wir davon ausgehen, dass Schliersee die Spitze eines Eisberges sein könnte oder und dass wir es mit mehr Heime zu tun haben mit einer schlechten Versorgung, als wir annehmen."

Prof. Martina Hasseler, Pflegewissenschaftlerin, Ostfalie Hochschule

"Sowas darf nie mehr passieren. Man geht mit so armen Menschen nicht so um. Die haben auch eine Berechtigung, dass sie die Jahre, die sie noch leben, dass sie die anständig verbringen können."

Jakob Kofler

Zur Seniorenresidenz Schliersee ermitteln die Staatsanwaltschaften weiter. Ob es zu Prozessen kommt, ist offen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

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