Report München


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Allein zu Haus Senioren als Opfer für den Corona-Exit?

Rund 17,5 Millionen Menschen in Deutschland sind über 65 Jahre alt. Sie zählen zur Corona-Risikogruppe und sollen deshalb weitgehend daheimbleiben. Immer wieder gibt es auch Stimmen, die eine längere Quarantäne nur für die Seniorinnen und Senioren fordern, damit die Jüngeren wieder normal leben können. Was denken Deutschlands Senioren, die oftmals alleine leben müssen über diese Pläne?

Von: Sebastian Kemnitzer

Stand: 21.04.2020

Regina und Manfred Gebhardt schauen nun wieder hoffnungsvoll in die Zukunft.

"Ich bin froh, dass wir hier sitzen können. Ich glaube, dass es wieder aufwärts geht. Was Schöneres kann man sich eigentlich gar nicht wünschen."

Regina Gebhardt

Das Ehepaar musste mit Covid-19 ins Krankenhaus, beide hatten einen schweren Verlauf und mussten um ihr Leben kämpfen.

"Ich habe gedacht, das war es jetzt"

Allein zu Haus – Senioren als Opfer für den Corona-Exit? | Bild: BR

Regina und Manfred Gebhardt

"Ich habe gedacht, das war es jetzt. Ich sehe meine Freunde nicht mehr. Mit denen, mit denen ich einmal eine Meinungsverschiedenheit gehabt habe, muss ich mich vielleicht entschuldigen und will das nicht mit in den Tod nehmen."

Regina Gebhardt

"Meine Frau ist kurzfristig noch mit mir im Zimmer gelegen. Dann sind die Ergebnisse gekommen."

Manfred Gebhardt

"Dann habe ich auch an meinen Mann gedacht und mir gedacht: Jetzt ist er vielleicht gestorben und die sagen mir nichts, weil ich selber krank bin."

Regina Gebhardt

Nun haben sie es geschafft, können wieder nach draußen. Auch Rentner Josef Kiefer kann nun wieder raus. Auch er hatte Corona – trotz Vorerkrankungen allerdings völlig ohne Symptome.

"Ein befreiendes Gefühl ist das. Ältere können auch die Krankheit überstehen, so wie ich sie überstanden habe – ich gönne es ihnen auch."

Regina Gebhardt

Millionen Senioren bleiben daheim, aus Vorsicht vor dem Virus

Millionen Senioren können davon nur träumen. Ein Mietshaus in München. Henriette Maier bekommt von dem Verein Lichtblick Seniorenhilfe zur Unterstützung heute ein Paket mit frischen Lebensmitteln geschenkt.

Allein zu Haus – Senioren als Opfer für den Corona-Exit? | Bild: BR

"Man kann nur sagen, wir sind dankbar. Alle, ich glaube, im Namen aller muss ich sprechen. Ich bin zwar allein, aber ich denke auch die anderen werden so denken wie ich und dankbar sein."

Henriette Maier

Neben dem Kurier war heute auch der Pflegedienst kurz da, das bleiben in Corona-Zeiten ihre einzigen Kontakte mit der Außenwelt. 

"Man hat ja auch jetzt nur eines. Dass man wartet, dass es vielleicht doch besser wird, damit man wieder ein bisschen leben kann, dass man raus kann."

Henriette Maier

Die alleinstehende 90-Jährige vermisst ihre Freunde. Und die tobenden Kinder auf dem Spielplatz. Sie hat nur den Balkon. So wie ihr geht es Millionen älterer Menschen in Deutschland – sie bleiben momentan daheim, aus Vorsicht vor dem Corona-Virus.

Vor fünf Wochen sah es hier bei der AWO in München-Sendling noch so aus –Senioren kamen Tag für Tag zusammen. Jetzt sind die Räume verwaist, vor allem telefonisch wird der Kontakt zu den Hunderten Senioren gehalten. Viele hätten Probleme, nur noch daheim zu bleiben.

"Die leiden da schon sehr darunter. Es ist einfach langweilig, sie fühlen sich isoliert, der Tag hat keine Struktur mehr. Ich habe schon das Gefühl, dass es denen unterschiedlich zum Teil nicht gut geht."

Kai Weber, AWO, Alten- und Servicezentrum Sendling

Ein Opfer, damit die Wirtschaft wieder anläuft?

In der Nähe des Begegnungszentrums wohnt Irmgard Wohlfeld. Momentan geht die 86-Jährige nur wenig nach draußen. Sie macht sich große Sorgen: Immer wieder hört sie, dass in Zukunft nur die Alten zuhause bleiben sollen.

"Die Alten in Quarantäne stecken, das ist ja kein Leben mehr, so möchte ich nicht leben, bin ich ganz ehrlich. Da würde ich auf die Barrikaden gehen und mich drüber wegsetzen."

Irmgard Wohlfeld

"Wenn die alten Menschen das Gefühl haben, sie sind die Einzigen, dann wird das schwierig, dann würden die das auch nicht mehr mitmachen."

Kai Weber, AWO, Alten- und Servicezentrum Sendling

Über 20 Jahre war er Münchens Oberbürgermeister: Christian Ude. Schon immer engagiert er sich für die Belange älterer Menschen. Und natürlich kennt er deren Ängste vor Ausgrenzung.

"Da ist ein Gedanke, von der mir ältere Gesprächspartner schon gesagt haben, das klingt ja fast wie Euthanasie. Man könne jetzt ein Opfer an weniger lebenswertem Leben bringen, damit die Wirtschaft wieder anläuft. Das sind Denkkategorien, wo es mich friert."

Christian Ude, Oberbürgermeister München 1993-2014

Henriette Maier möchte auf jeden Fall wieder nach draußen.

"Es geht mir halt ab, dass man nicht unter den Menschen ist."

Henriette Maier

Deswegen freut sie sich so über die Lieferung mit den geschenkten Lebensmitteln.

"Das hier ist schön. Und eine Butter, Honig, alles, was der Mensch braucht." Henriette Maier

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