Report München


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Corona-Angst bei Deutschlands Senioren und Behinderten Kein Impfstoff, keine Termine, keine Infos

Hunderttausende Senioren, die 80 Jahre oder älter sind warten sehnsüchtig darauf, endlich geimpft zu werden. Oft fehlt der Impfstoff. Wer in den eigenen vier Wänden lebt, muss sich selbst um einen Termin kümmern. Komplizierte Online-Portale und überlastete Telefon-Hotlines bringen viele Senioren zum Verzweifeln.

Von: Ulrich Hagmann, Fabian Mader

Stand: 19.01.2021

Jeden Tag geht Rosemarie Ganslmaier hoffnungsvoll zum Briefkasten. Sie erwartet Informationen zu Corona-Impfung.

"Lassen wir uns überraschen, der Briefträger war da und wie immer: Nichts. Man denkt es könnte ja schon mal was werden, schön langsam."

Rosemarie Ganslmaier, Rentnerin

Die Münchnerin ist 83 Jahre alt und herzkrank. Sie hat höchste Priorität, aber im Moment bleibt ihr nur die Hotline:

Hotline-Ansage: "Damit wir sie an die für Ihre Region zuständige Impfservice Stelle weiterleiten können, geben Sie bitte nach dem Signalton Ihre Postleitzahl ein."

Rosemarie Ganslmaier: "8,3,9, nee, 8,3,9, Oh Gott, ne..."

Hotline-Ansage: "Ihre Eingabe wurde leider nicht erkannt. Bitte wählen Sie im Anschluss ihr Bundesland. Wohnen Sie in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg?"

Rosemarie Ganslmaier: "Bayern..."

Wird es Rosemarie Ganslmaier in München heute noch gelingen einen Termin zu vereinbaren? Und warum muss sie sich selbst darum kümmern? Hat Jens Spahn nicht versprochen:

"Wir geben jedem Bescheid wann er dran ist mit der Impfung."

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Jedes Bundesland hat sein eigenes Termin-Vergabe-System

Doch davon ist jetzt keine Rede mehr. Jedes Bundesland hat sein eigenes Termin-Vergabe-System. In Schleswig-Holstein werden normalerweise dienstags um 8.00 Uhr morgens die Leitungen freigeschaltet. Kurz vor 8 sitzt der 70-jährige, ehemalige Lehrer Uwe Holste am Computer und will einen Impftermin für ein befreundetes über 80-jähriges Ehepaar buchen.

"Letzten Dienstag waren die Termine innerhalb von 24 Minuten in Schleswig-Holstein ausgebucht."

Uwe Holste, Rentner

Mit anderen Freiwilligen will er impfberechtigten Senioren helfen. Deswegen sitzen sie dienstags um 8 vor den Rechnern. Uwe Holste geht für einen ehemaligen Arbeitskollegen ins Rennen. 

"Der hat mich einfach angerufen und gesagt ja, Uwe, du hast einen Computer. Kennst dich da gut mit aus. Kannste nicht mal für mich einen Termin buchen?"

Uwe Holste, Rentner

Die Spannung steigt – nur noch wenige Sekunden – dann ist es genau 8.00 Uhr.

"Viele in Schleswig-Holstein sitzen jetzt genau wie ich vorm PC und klicken und klicken und klicken, um da jetzt auf diese Seite zu kommen."

Uwe Holste, Rentner

Wer keine Hilfe hat, scheitert oft an der Technik

Er ist gut ausgerüstet mit Tablet, Laptop und Handy. Ob das ausreicht um einen Termin zu buchen? Nur die Schnellsten kommen durch, in Bayern zeigt sich – technische Ausrüstung alleine reicht nicht.

Der 85-jährige Wolfgang Peter ist nach einem schweren Sturz ein Pflegefall. Seine Frau Helga versucht mit Tablet und Handy verzweifelt einen Impftermin zu buchen.

"Der gehört ja zur Gruppe der sogenannten vulnerablen Menschen, weil er jeden Morgen vom Pflegedienst besucht wird und da durchaus eine Möglichkeit besteht, dass die uns was einschleppen könnten."

Helga Peter, pflegt ihren Ehemann

"Also ich verstehe das nicht. Ach Du lieber Gott, das ist ja furchtbar, Bayerisches Impfkonzept, ach Du lieber Gott, das ist ja furchtbar. Ach Du lieber Gott jetzt geht das los mit E-Mail und Passwort und Passwort bestätigen. Meine E-Mail weiß ich, aber mein Passwort nicht. Das weiß ich jetzt schon."

Helga Peter

Rund 5,7 Mio. Menschen sind in Deutschland 80 Jahre oder älter - sie sollen als erste geimpft werden. Nur rund 10% von Ihnen leben in Heimen, rund 90% dagegen zuhause.

Beim Sozialverband VdK beklagen sich viele, die keinen Termin bekommen.

"Das große Problem ist tatsächlich, im Moment heißt es: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Oder wer eben jemand hat, der einen gut unterstützen kann, der kommt auch erst mal hin zum Impfzentrum. Alle, die niemanden haben, der sie unterstützt, oder die eben nicht so schnell sind, gucken gerade ganz schön in die Röhre."

Verena Bentele, Präsidentin VdK Deutschland e.V.

Nur die Schnellsten kommen durch

In Schleswig-Holstein ist Uwe Holste immer noch auf der Jagd nach einem Termin. Um 8 wurde das Portal freigeschaltet und jetzt ist der Helfer drin:

"Oh Warteschlange, 435 Benutzer vor mir... vielen Dank für das Warten, … Upps, ich kann jetzt buchen... Zwei Termine habe ich, aber wie geht es jetzt weiter? 0 Personen, da läuft irgendwas schief..."

Uwe Holste, Rentner

Rosemarie Ganslmaier hängt immer noch in der Hotline und hat endlich die Postleitzahl gefunden: „Es tut uns leid. Aufgrund des unsicheren Zulaufes von Impfstoffen können bis auf weiteres noch keine Termine vergeben werden. Sobald dies der Fall ist, werden wir über die Medien informieren. Danke für Ihren Anruf." (Hotline-Ansage)

"Aber es ist doch tatsächlich mal einer hingegangen, allerhand."

Rosemarie Ganslmaier, Rentnerin

Bei Husum in Schleswig-Holstein macht sich Uwe Holste auf den Weg zu seinem Kollegen, der mit seiner Frau sehnsüchtig auf einen Impftermin wartet.

Uwe Holste: „Ja wir haben geklickt ohne Ende, 435 waren vor mir, dann bin durchgekommen, dann hatte ich einen Termin für den 18ten und dann war nix mehr.“

Ehepaar: „Oh bis dahin halten wir doch...“

Uwe Holste: „Das heißt also, ich bin nächsten Dienstag wieder dabei.“

Schleswig-Holstein will das „Windhundsystem“ Anfang Februar einschränken. Über 80- jährige sollen Briefe mit Zugangscodes bekommen, um ohne Zeitdruck zu buchen.

In München hat Rentnerin Rosemarie Ganslmaier inzwischen einen Informationsbrief der Stadt erhalten, der Impfstoff sei knapp, sie solle sich noch gedulden.

Das Ministerium von Jens Spahn antwortet, die Vergabe der Impftermine sei Sache der Länder. Am Ende ist, wie immer, keiner verantwortlich.

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