Report München


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Rüstungsindustrie Eine Whistleblowerin gegen Rheinmetall

Die Vorwürfe kommen aus dem Inneren des Konzerns: Eine südafrikanische Rheinmetall-Tochter habe in unzulässiger Weise Zugang zu NATO-Informationen bekommen, beklagt eine langjährige Mitarbeiterin. Die Frau fühlt sich daraufhin gemobbt.

Von: Philipp Grüll, Ahmet Senyurt

Stand: 04.06.2019

In dieser Geschichte geht es um Deutschlands größten Rüstungskonzern, der sich mit einer Tochterfirma in Südafrika unabhängig von deutschen Exportregeln macht. Es geht um die Weitergabe von Nato-Unterlagen an Staaten außerhalb der NATO. Und um Mobbing gegen eine Mitarbeiterin, die diese möglichen Missstände angeprangert hat.

25 Jahre war Rosemarie Meuer Ingenieurin bei Rheinmetall, am Standort Unterlüß in Niedersachsen. Die US-Bürgerin war im Unternehmen hochanerkannt. Ihr Spezialgebiet: Die Berechnung der Flugbahnen von Munition.

Der Wendepunkt in ihrer Karriere kam 2014: Als eine Delegation der südafrikanischen Konzerntochter Rheinmetall Denel Munition zu Gast war.

"Im Rahmen dieser Besprechungen haben die Südafrikaner die NATO-Dokumente, die sie nicht haben dürfen, zitiert. Sie haben Ausschnitte vorgestellt. Sie wollten mit uns darüber diskutieren über die Inhalte, über die Gültigkeit. Und nach dieser ersten Besprechung war ich unsicher, ich war entsetzt."

Rosemarie Meuer, ehemalige Rheinmetall-Mitarbeiterin

Ein brisanter Vorgang. Denn Südafrika ist kein Nato-Mitglied. Mehr noch: Die Tochterfirma ist ein Joint Venture mit dem Staatskonzern Denel, ein eigenständiges Unternehmen. Darauf legt Rheinmetall wert. Denn so sind Exporte in Krisenregionen leichter möglich, weil statt der deutschen die südafrikanischen Exportregeln gelten. Doch die Mitarbeiterin hat den Verdacht, dass Informationen von Rheinmetall Deutschland abgeflossen sind.

"Das habe ich dann auch gemeldet und danach wurde mein Leben zur Hölle."

Rosemarie Meuer, ehemalige Rheinmetall-Mitarbeiterin

An den Rand gedrängt und gemobbt

Aus Angst, sich strafbar zu machen, geht sie zum Rheinmetall-Sicherheitsbevollmächtigten in Unterlüß. Doch offenbar ohne Effekt.

"Ich bin im April 2017 nach Rheinmetall um in meine Sicherheitsakte zu schauen, ob es notiert war, was es hätte, es hätte dort notiert sein müssen mit der Meldung, aber es war nicht. Deshalb haben sie das offensichtlich unter den Teppich gekehrt."

Rosemarie Meuer, ehemalige Rheinmetall-Mitarbeiterin

Die langjährige Rheinmetall-Mitarbeiterin hakt nach. Gleichzeitig fühlt sich die Mutter von sechs Kindern immer mehr an den Rand gedrängt und gemobbt.

"Alles wurde hinterfragt. Ich merkte, dass auch hinter meinem Rücken, dass Gespräche stattgefunden haben müssen über mich. Am Anfang hat´s mir nichts ausgemacht, aber mit der Zeit wurde das schlimm. Und irgendwann hatte ich einen richtig schlimmen Zusammenbruch."

Rosemarie Meuer, ehemalige Rheinmetall-Mitarbeiterin

Die Vorwürfe seien unzutreffend, heißt es vom Unternehmen. Und: „Einen Zusammenhang mit Rheinmetall können wir nicht erkennen, denn es ist völlig offen, auf welchem Wege und aus welchem Land diese nicht-geheimen Dokumente nach Südafrika gelangt sein könnten.“

Doch auch nicht-geheime Nato-Dokumente dürfen nicht einfach weitergegeben werden. Eine Rheinmetall-Führungskraft wies nach Informationen von report München und Stern intern darauf hin, und zwar „aus gegebenem Anlass“.

"Eine Unverschämtheit gegenüber Parlamentariern"

Das Bundeswirtschaftsministerium, das für Rüstungsexporte zuständig ist, wurde vom Verfassungsschutz über den Vorgang informiert. Man kommt zu dem Schluss, dass das Ministerium nichts in der Sache unternehmen müsse.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Katja Keul wollte über eine parlamentarische Anfrage mehr dazu in Erfahrung bringen.

"Also die Antwort der Bundesregierung ist schlicht eine Unverschämtheit gegenüber Parlamentariern. Denn die Bundesregierung ist verpflichtet unsere Fragen zu beantworten. Und sie hat mich mit einem Satz abgespeist, dass sie Kenntnis hat, dass so etwas vorgefallen sein soll. Punkt. Sie hat sich geweigert irgendwelche weitergehenden Auskünfte zu geben, ob sie dem nachgeht. Konsequenzen hat, ob es ein Ermittlungsverfahren gibt."

Katja Keul, B‘90/Grüne, Bundestagsabgeordnete

Rosemarie Meuer war monatelang krankgeschrieben, im Herbst 2018 wurde ihr gekündigt. Aber: Sie wehrte sich. Immerhin: Vor Gericht hat Rheinmetall vor kurzem einem Vergleich zugestimmt. Dieser umfasst, dass die Ingenieurin nachträglich ein Zeugnis bekommt. Mit sehr guter Bewertung von Leistung und Verhalten.

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